Seine Filmfigur hätte die Ehrung schon längst wieder vergessen. Anthony Hopkins, 83, wurde im April für das Drama "The Father" als bisher ältester Schauspieler mit dem Oscar für den besten Darsteller ausgezeichnet. Ein gülden schimmernder Preis für eine tragische Rolle. Hopkins spielt in "The Father" einen an Alzheimer erkrankten Bürger aus London, der Tag für Tag tiefer in der Demenz versinkt.

Der Oscar für Hopkins war die große Überraschung der Oscar-Gala. Doch verdient ist die Würdigung für den Waliser allemal. Anthony Hopkins zieht in "The Father" alle Register seines Könnens, um einen starrsinnigen und erstarrten Mann zu porträtieren, der zwar den Willen, aber keinen Hauch einer Chance hat, seine unheilbare Krankheit zu bekämpfen.

Wenn dieser alte Herr (er trägt wie sein Darsteller den Vornamen Anthony) allein in seiner gediegenen Wohnung sitzt und zum Beispiel voller Leidenschaft Musik hört, dann scheint die Welt für ihn im Einklang zu sein. Doch kaum tritt er in Interaktion mit anderen, vor allem mit seiner Tochter Anne (Olivia Colman), so merkt man, dass überhaupt nichts in Ordnung ist.

Im einen Moment noch sprühend charmant, kann Anthony binnen Sekunden schroff, abweisend und verletzend werden. Dann mutiert der Gentleman zum Despoten. Doch auch diese Stimmung muss nicht lange halten. Weil Anthony plötzlich in Verzweiflung versinken kann, wenn ihm in winzigen Augenblicken aufblitzender Klarheit klar wird, dass rund um ihn alles nicht stimmt. Die Nacht, in welcher der bedauernswerte Mann geistig versinkt, ist keine gnädige, sondern ein auswegloses Inferno.

Die Virtuosität wiederum, mit der Anthony Hopkins diesen Anthony in Tausend Facetten zeichnet, ist bravourös. Mit dem französischen Filmregie-Debütanten Florian Zeller (er schrieb "The Father" schon vor Jahren als Theaterstück) hat er einen Partner hinter der Kamera, der offenkundig viel Gefühl für sensible Menschenführung besitzt. Das zeigt sich vor allem im traumwandlerischen Zusammenspiel von Hopkins mit seiner Filmtochter Olivia Colman (Oscar 2019 für "The Favourite).

Keine Dankbarkeit
als Lohn

Diese Anne, die sich rührend um den Vater kümmert, macht das ganze Leid deutlich, das bei der Pflege von Alzheimer-Patienten entstehen kann. Anne, die gern mit ihrem Freund von London nach Paris übersiedeln würde, hat ihr eigenes Leben für den Vater praktisch aufgegeben. Doch dafür wird sie nicht mit Lob und Dankbarkeit belohnt. Ganz im Gegenteil: Ihr Alltag zwingt sie zum Bereitschaftsdienst rund um die Uhr, damit sie stets sofort auf die unliebsamen Überraschungen regieren kann, die der unkontrollierbare Papa gerade in petto haben mag. Ganz großes Schauspiel.

"The Father" gewann übrigens noch einen zweiten Oscar, jenen für das beste adaptierte Drehbuch (für Florian Zeller und seinen Schreibpartner Christopher Hampton). Über diese Wahl lässt sich trefflich diskutieren, denn die Tragödie ist ein manchmal durchaus zäher Film geworden.

In anderen Alzheimer-Dramen wie etwa "Still Alice" (2014; Oscar für Julianne Moore) begleitet man die Hauptfigur auf dem langen Weg in die Krankheit. In "The Father" hingegen ist das Leiden bereits von Beginn an im Endstadium angelangt, was den Film recht statisch macht und ihm - bei allem Drama - erstaunlich wenige Gelegenheiten zu dramatischen Situationen lässt. Seine Kraft schöpft "The Father" vor allem aus den großartigen Menschenbildern, die bei den Zuschauern tiefes Mitgefühl wecken.