Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Da kommen im Berlinale-Siegerfilm "Doch das Böse gibt es nicht" des Iraners Mohammad Rasoulof, der den Goldenen Bären 2020 gewinnen konnte, gleich zu Beginn harsche Kontraste auf: Nämlich dann, wenn hier ein liebevoller Familienvater auf den Plan tritt, der nicht nur seine Kinder, sondern auch die kranke Mutter fürsorglich betreut. Idyllische Bilder sind das, eine heile Welt, und doch: Es folgt darauf die Gewissheit, dass alles immer zwei Seiten hat im Leben. Denn man findet bald heraus: Er arbeitet nachts im Gefängnis - und vollzieht per Knopfdruck grausame Hinrichtungen.

Es geht in diesem Episodenfilm noch um weitere Szenen, in denen die Todesstrafe im Mittelpunkt steht. Ein Wehrdienstleistender soll eine ebensolche vollziehen. Javad (Mohammad Valizadegan) bereitet einen Heiratsantrag vor, aber es passieren Überraschungen. Und der nicht praktizierende Arzt Bahram (Mohammad Seddighimehr) muss seiner Nichte aus Deutschland offenbaren, wieso er keine Patienten haben darf. All das ist Motor für vier Episoden über ein Thema, das im Iran schon Jahrzehnte Künstler und Politiker entzweit.

Im Fall von Mohammad Rasoulof geht der Konflikt tief. Seine Filme sind den iranischen Zensurbehörden ein Dorn im Auge. Seinen Pass haben sie einbehalten, Rasoulof bekam keine Reiseerlaubnis zur Berlinale 2020, auch nicht, als klar wurde, dass er den Hauptpreis gewonnen hatte. Seine Tochter musste diesen Bären entgegennehmen. Ein Jahr später, im März 2021, als die Berlinale nur online stattfand, saß Rasoulof in der Jury - aber war natürlich bloß digital anwesend, zugeschaltet aus dem Iran.

Stärkt Zensur das Kreative?

Eine einjährige Gefängnisstrafe, die Rasoulof hätte antreten sollen, wurde kurzfristig verschoben, wegen der Corona-Ansteckungsgefahr in den Haftanstalten. Der Grund für die Verurteilung: "Propaganda gegen das System". Rasoulofs Filme sind den Behörden zu heikel. Der Mann muss weg.

Das geht unter den Augen der weltweiten Kulturöffentlichkeit freilich schwierig, und so hangelt sich der Regisseur irgendwie durch. Rasoulof hat sich im Süden des Irans zurückgezogen, "denn da habe ich ein wenig Abstand zur Zensur", erzählte er in einem Interview. Dem "Tagesspiegel" sagte er: "Auf die Dauer ist es extrem aufreibend, so viel Energie für Auseinandersetzungen mit der Zensur aufzubringen. Es heißt oft, Zensur stärke die Kreativität, manchmal kann eine gewisse Enge tatsächlich kreative Kräfte freisetzen. Aber der endlose Kampf macht einen auch müde, oft ist es überhaupt nicht produktiv."

Für Rasoulof ist "Doch das Böse gibt es nicht" jedenfalls ein Spiegel der iranischen Gesellschaft, und es sei kein Zufall, dass sich darin alles um die Todesstrafe drehe, denn sie sei ein fundamentales Zeugnis der Stimmung im Iran. "Die Würdigung der Menschenrechte erfordert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den aktuellen Lebensverhältnissen der Menschen im Iran. Doch die Regierung steht im absoluten Widerspruch zu diesem Anliegen und erlaubt das nicht. Stattdessen findet weiterhin Verfolgung statt, die auch immer wieder zu Hinrichtungen führt", sagt Rasoulof.

Die Dreharbeiten zu seinem Berlinale-Gewinnerfilm musste sich Rasoulof mit einem sehr geringen Budget ermöglichen, denn vom Staat ist keine Hilfe zu erwarten; viele seiner Kollegen, etwa Jafar Panahi, arbeiten unter prekären Bedingungen. Und auch der fertige Film ist in Rasoulofs Heimat offiziell nicht im Kino zu sehen. Jedoch verriet der Regisseur, dass es trotz der Zensur Möglichkeiten gibt: Wann immer einer seiner Filme international auf Festivals gezeigt wird, gibt es wenig später Raubkopien davon im eigenen Land, die sich rasch verbreiten.

Da sage noch einer, Filmpiraterie hätte nicht manchmal auch ihre guten Seiten.