Es ist eine der wiederkehrendsten Eigenschaften des Kinos, dass es sich mit sich selbst beschäftigt. Filme übers Filmemachen sind bei Cineasten besonders beliebt, und Filmfans stehen auf Referenzen in Filmen, die auf andere Filme verweisen. So wie in diesem Jahr hat sich aber noch kein Film mit dem Kino auseinandergesetzt - schließlich wird in der Doku "Il cinema al tempo del Covid" ("Das Kino in Zeiten von Covid") von Andrea Segre eine bislang nie dagewesene Zeit dokumentiert. Der Film, der in Venedig am Vorabend der Eröffnung sozusagen die Projektoren auf Betriebstemperatur brachte, dokumentiert, wie das Filmfestival von Venedig im Vorjahr stattgefunden hat: Damals hatte Festivalchef Alberto Barbera als einziger seiner Kollegen die Großveranstaltung durchgezogen und mit einem einzigartigen Sicherheitskonzept die Blaupause für andere, ähnliche Festivals vorgelegt: Wurde man früher am Lido von oben bis unten auf Explosives untersucht, so gesellte sich im letzten Jahr noch die Fiebermessung und die Maskenpflicht im Kino und am gesamten Gelände hinzu. Im Kinosaal blieb jeder zweite Platz leer. Das Online-Buchungssystem für die Tickets funktionierte - anders, als man von den Italienern vielleicht vermuten möchte - technisch einwandfrei.

Der neue Normalzustand

All das zeigt der Film; er zeigt aber auch, dass dies der neue Normalzustand bei einem Festival dieser Größenordnung ist. Auch heuer bleibt das Publikum vom roten Teppich durch eine Wand ausgesperrt, auch heuer gelten die gleichen Sicherheitsmaßnahmen wie im Vorjahr. Es geht sogar noch rigoroser zu, weil wieder mit einem großen Ansturm von Gästen gerechnet wird, anders als im Vorjahr, wo die meisten daheim blieben, weil es noch keine Impfung gab. Aber inmitten einer beginnenden vierten Corona-Welle ist heuer ein grüner Pass für alle Akkreditierten obligatorisch; er wird zu Festivalbeginn auf den Festivalausweis "aufgebucht", sodass diese Plastikkarte, die um den Hals baumelt, zum zuverlässigen Identifikationsinstrument und Nachweis über den Gesundheitszustand upgegraded wird.

Feiert heuer seine zweiten Pandemie-Filmfestspiele: Venedigs Festivalchef Alberto Barbera. - © Katharina Sartena
Feiert heuer seine zweiten Pandemie-Filmfestspiele: Venedigs Festivalchef Alberto Barbera. - © Katharina Sartena

Zwölf Zelte wurden entlang den Zufahrtsstraßen zum Lido aufgestellt. Wer keinen grünen Pass besitzt, kann sich hier einem Schnelltest unterziehen, der für die akkreditierten Besucher kostenlos ist. Der Test kann auch online gebucht werden. Alle akkreditierten Personen werden gebeten, Kopien der Green-Pass-Bescheinigung immer bei sich zu tragen. Außerdem gibt es wieder schärfere Sicherheitsvorkehrungen: Seit Tagen überfliegen Hubschrauber die Stadt, Unterwasser-Bombenentschärfer, Drohnen, Hundestaffeln, Zivilbeamte, Mikrokameras und Metalldetektoren werden eingesetzt. Motto: Sicher ist sicher.

Es regiert der Optimismus

Venedig geht mit viel Zuversicht und Optimismus in seine 78. Ausgabe, dem Festivalchef ist jedenfalls anzumerken, dass er der bisherige Triumphator unter den Konkurrenten ist: Das Programm ist vollgestopft mit frischer Herbst-Filmware aus aller Welt, darunter wie in den letzten Jahren üblich, auch die zu erwartenden Oscar-Favoriten. Cannes hatte das Nachsehen, dort war man sowohl programmatisch wie in Hinblick auf die Pandemie noch sehr verunsichert. In Venedig hingegen wird gezeigt, dass das Kino keineswegs in der Krise steckt - und das ausgerechnet an jenem Ort, der dank Barbera den "Kino-Ketzern" von Netflix & Co. Tür und Tor geöffnet hat. Es war eine Win-Win-Situation für Streamer und Barbera: Viele Oscar-Filme aus dem Hause Netflix liefen zuallererst hier, im magischen Sala Grande des Palazzo del Cinema, der dereinst unter Mussolini am Lido errichtet wurde. Konkurrent Cannes lehnt bislang jede Berührung mit Netflix ab, solange die Filme keinen garantierten Kinostart bekommen. In Venedig ist man weniger zimperlich und gibt den Streaming-Anbietern große Weltpremieren. Sie kommen in Scharen.

Dieses Jahr gibt es nach Erfolgen wie "Marriage Story", "Roma" oder "The Other Side of the Wind" Paolo Sorrentinos neuen Film "The Hand of God" zu sehen, als Weltpremiere im Wettbewerb. Außerdem zeigt Venedig mit "The Power of the Dog" (mit Kirsten Dunst und Benedict Cumberbatch) das neue Werk von Jane Campion, jener Frau, die für "Das Piano" 1992 als erste die Goldene Palme gewonnen hat. Netflix investiert also ganz bewusst in Filmkunst.

Überhaupt sind die großen Filmemacher hier dicht an dicht gereiht: Pedro Almodovar macht mit "Madres Paralelas" mit Penelope Cruz den Auftakt und eröffnet die Filmschau am Mittwochabend. "The Card Counter" mit Oscar Isaac ist Paul Schraders neuer Film, der hier ebenso im Wettbewerb läuft wie Mario Martones "Qui rido io", Maggie Gyllenhaals Regiedebüt "The Lost Daughter" mit Dakota Johnson und Olivia Colman oder Pablo Larrains "Spencer", die Geschichte von Lady Diana, die in diesem Biopic von Kristen Stewart gespielt wird. "Spencer" gehört zu den gehyptesten Titeln am Lido, weil Larrain hier 2016 bereits sein gefeiertes Biopic über Jackie Kennedy mit Natalie Portman vorstellte; sein Diana-Porträt dürfte jenseits ausgetretener Royal-Klischees angesiedelt sein.

Auch die großen US-Studios kehren nach der Corona-Pause im Vorjahr wieder an den Lido zurück: Warner zeigt hier "Dune" mit Timothee Chalamet und Zendaya, Ridley Scott kommt mit "The Last Duel", in dem Matt Damon und Ben Affleck nicht nur die Hauptrollen spielen, sondern auch das Drehbuch verantworten, ganz wie in den oscarprämierten Zeiten von "Good Will Hunting".

Und alles beginnt von vorn

Es wird also einiges los sein am Lido von Venedig, und das trotz steigender Corona-Zahlen. Alberto Barbera hat die Situation kürzlich mit dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" verglichen - einmal glaubt man die Pandemie überwunden, und dann beginnt doch wieder alles ganz von vorn. Ganz bewusst habe man sich aber dafür entschieden, das Festival wie im Vorjahr unter strengen Sicherheitsvorkehrungen zu veranstalten: "Wir werden dies wieder mit kalkulierter Vorsicht tun und uns ‚langsam beeilen‘, wie es der große Kaiser Augustus ausdrückte", sagt Barbera. "Das heißt, ohne zu zögern, aber mit Bedacht. Und ohne den Mut zu verlieren. Wir sind uns der Verantwortung bewusst, die auf uns wartet."

Der Optimismus, er soll am Lido von Venedig in den nächsten elf Tagen das bestimmende Gefühl sein unter den Besuchern, hofft Alberto Barbera. "Wir wollen mit neuer Zuversicht auf die Zukunft des Kinos blicken."