Marvel-Filme sind bekannt für Action, Kampfszenen und ein eigenes Universum aus Charakteren. Doch auch Marvel-Neulinge sitzen bei "Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings" nicht ratlos vor der Leinwand. Mit dem sympathischen Protagonisten Shang-Chi (gespielt von Simu Liu) wird dem Publikum nämlich ein recht unbekannter Marvel-Held vorgestellt. Seinen ersten Auftritt hatte er 1973 in den Marvel-Comics, geriet dann aber etwas in Vergessenheit. Um die Geschichte zu verstehen, ist also kein Hintergrundwissen notwendig.

Diversität im Fokus

Im neuen Film überrascht Shang-Chi auch Zuschauer, die keine Fans von Kämpfern sind. Er ist ganz anders, als man sich einen klassischen Superhelden vorstellt. Der junge Chinese nennt sich selbst Sean, hat den Großteil des Films lang keine Superkräfte, arbeitet gemeinsam mit seiner besten Freundin Katy (Awkwafina) als Autoeinparker und lebt in San Francisco. Mit dem beschaulichen Leben ist es aber bald vorbei, als Sean und Katy in einem Bus von Kämpfern angegriffen werden. Zu Katys Überraschung beweist Sean außergewöhnliche Kampffähigkeiten. Durch Rückblenden erfährt das Publikum, dass Sean in China eine ungewöhnliche Vergangenheit hinter sich gelassen hat. Nach dem Tod seiner Mutter (Fala Chen) wurde ihm das Kämpfen als kleiner Junge von seinem Vater (Tony Leung) eingedrillt.

Der wiederum ist für Kenner des Marvel-Universums kein Unbekannter, trat er doch als Mandarin in "Iron Man 3" auf. Die Legende der zehn Ringe, die im Titel genannt wird, wird ebenfalls mit Rückblenden erzählt und erklärt die Macht von Seans Vater, die dieser seit dem Verlust seiner Frau abermals für das Böse nutzt.

Als Sean seinem Vater im Teenageralter den Rücken zukehrt, lässt er auch seine jüngere Schwester Xialing (Meng’er Zhang) zurück, die als Mädchen in den Augen ihres Vaters nicht würdig war, Kampfkunst zu erlernen. Ein Wiedersehen in der Gegenwart macht deutlich, dass sie sich davon nicht aufhalten ließ. Auch ihre Tante (Michelle Yeoh) stellt ein Vorbild für starke Frauen dar. Den Produzenten ist es gelungen, mit diesem Film durch die Powerfrauen und die chinesischen Hauptdarsteller etwas mehr Diversität in das männlich-amerikanische Marvel-Universum zu bringen. Nur die Figur der Katy ist ein bisschen zu plump angelegt, sorgt aber für einige Lacher in der ansonsten ernsten Geschichte. Auch die sprachliche Vielfalt überrascht: Im Film wird sehr viel Chinesisch gesprochen, was ihn noch authentischer wirken lässt.

Wer 3D-Filmen eher skeptisch gegenübersteht, wird durch überraschend schöne Kämpfe versöhnt. Durch die Verlangsamung der Bewegungen, die musikalische Untermalung und die malerischen Drehorte erinnern die Martial-Arts-Szenen fast an Tänze. Abgerundet wird das Bild durch magische Tierwesen, teils beängstigend, teils kuschelig. Einzig die prominent platzierte Schleichwerbung des Autoherstellers BMW stört das pittoreske Landschaftsbild. Das tut jedoch dem spannenden Showdown keinen Abbruch, in dem die Familie gegeneinander und antritt.

Ein Selbstfindungsprozess

Ohne zu viel zu verraten, kann gesagt werden, dass nach den actiongeladenen Anfangsszenen eine Geschichte wartet, die viel tiefer geht. Auch die Zuseher spüren, wie groß die Verantwortung des Erbes für die Protagonisten ist und wie schwer es selbst Superhelden fällt, den Erwartungen der Familie gerecht zu werden. Vom Selbstfindungsprozess bleibt eine Weisheit besonders im Gedächtnis: "Wenn du kein Ziel hast, wirst du auch nichts treffen."