Es gibt derzeit wohl keinen stolzeren Mann auf dem Planeten als ihn: Alberto Barbera, der Leiter des Filmfestivals am Lido von Venedig, kann sich zurzeit nämlich doppelt freuen. Einerseits hat er in diesem Jahr das Festivalprogramm mit den prominentesten Teilnehmern zusammengestellt (und sie alle sind trotz Corona auch tatsächlich in Venedig anwesend), andererseits wurde der 71-Jährige bei der Eröffnung des Festivals am Mittwoch nicht müde, den Babybauch seiner jungen Frau Julia am roten Teppich zu präsentieren.

Man darf Barbera also beglückwünschen, privat natürlich, und auch für die Filmauswahl. Mit Pedro Almodovars "Madres paralelas" hatte er den passenden Eröffnungsfilm für die Schwangerschaft seiner Frau parat: Darin spielen Penelope Cruz und Milena Smit zwei Frauen, die zur gleichen Zeit schwanger werden. Die Tonalität ist dabei wie in vielen Werken Almodovars zuweilen überhöht, überästhetisiert und von seiner Stammschauspielerin Cruz und dem Ensemble hervorragend vorgetragen. Ein intensives und einfühlsames Porträt zweier Frauen im Umgang mit einer Schwangerschaft mit unvorhersehbaren Folgen, in dem es um Frauensolidarität und Sexualität geht, die in voller Freiheit und ohne Heuchelei erlebt wird, und das alles vor dem Hintergrund einer Reflexion über das unausweichliche Bedürfnis nach Wahrheit.

Die Kraft des Hundes

Stolzer Mann und werdender Vater: Alberto Barbera mit Ehefrau Julia. - © Katharina Sartena
Stolzer Mann und werdender Vater: Alberto Barbera mit Ehefrau Julia. - © Katharina Sartena

Es war ein passender Eröffnungsfilm, vor allem in Hinblick auf die Vorgabe des Chefs: Venedig will die Großen des Kinos feiern, um Entdeckungen kümmert man sich zumindest im Wettbewerb um den Goldenen Löwen eher weniger; dafür ist die Nebenreihe Orizzonti zuständig, wobei dem Wettbewerb ein wenig mehr Wagnis nicht schlecht zu Gesicht stehen würde. Aber das kann ja in der zweiten Festivalwoche noch werden.

Einstweilen geben sich hier die großen Namen die Klinke in die Hand: Jane Campion, 1992 für "Das Piano" mit einer Goldenen Palme in Cannes prämiert, geht in "The Power of the Dog" ins rurale Amerika des Jahres 1925, wo die Menschen noch aussehen wie waschechte Cowboys, zu einer Zeit, als man ihre Kleidung schon mehr im Kostümverleih fand als auf einer Ranch. Hier jedenfalls erzählt Campion die Geschichte zweier Brüder, es sind Phil (Benedict Cumberbatch) und George Burbank (Jesse Plemons), die auf ihrer großen Rinderfarm in Montana leben. Als George die Witwe Rose (Kirsten Dunst) heiratet, entbrennt zwischen den Brüdern ein unerbitterlicher Krieg, auch, weil Phil Roses Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) wegen dessen feingliedriger Andersartigkeit vorführt. Unter der rauen Schale von Phil verbirgt sich indes ein ungeahnter Kern.

Netflix ist omnipräsent

Campion inszeniert das alles mit bedächtigem Tempo und legt ihr Augenmerk auf Schauwert, Figurenzeichnung und historische Akkuratesse. Es ist ihrem famosen Cast zu verdanken, dass sich die Leerstellen im Script nur selten zeigen. Als Western wäre der Film falsch klassifiziert, als sensible Häutung einer verletzlichen Seele schon eher.

Neben "The Power of the Dog" ist mit Paolo Sorrentinos "E stata la mano di Dio" ein weiterer Film des Streaming-Anbieters Netflix im Programm. Sorrentino filmt darin unter Zuhilfenahme des jungen Ausnahmetalents Filippo Scotti als sein Alter Ego zurück in die eigenen Kindheit und Jugend im Neapel der 1980er Jahre. Eine Stadt voller Korruption und Missstände, die dem Regisseur aber geliebte Heimat war; das sieht man an allen Ecken und Enden: Wie der junge Sorrentino sich für das Kino zu begeistern beginnt, unter anderem bei einem Fellini-Casting. Wie er ohne den Einsatz emotionalisierender Musik über die Stadt fliegt und trotzdem Gänsehautbilder liefert. Wie er zeigt, dass junge Neapolitaner damals die schönsten Frauen links liegen ließen, weil Diego Armando Maradona den Vertrag bei Napoli unterschrieb. Wie die juvenile Leidenschaft aber auch gleichzeitig für Frauenkörper und den Fußballgott schwärmen durfte. Ein Blick zurück in eine Zeit der vermeintlichen Unschuld, weil der Blick aus der Verklärung heraus entstand.

Altmeister Paul Schrader wiederum ist mit "The Card Counter" ein faszinierend-spannender Thriller gelungen, in dem Oscar Isaac einen ehemaligen Soldaten spielt, der nunmehr als Spieler von Casino zu Casino zieht und dort zwischen Poker und Black Jack sein kalkuliertes Glück versucht. Zusammen mit einem jungen Compagnon will er die World Series of Poker in Las Vegas gewinnen.

Eine verschwundene Tochter

Eine für Eltern ungemein nahegehende Geschichte tischt indes die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal in ihrem Regiedebüt "The Lost Daughter" auf. Darin folgt sie der Literaturprofessorin Leda, preisverdächtig interpretiert von Olivia Colman, in einen Griechenland-Urlaub, der sie zurückwirft auf ein vergangenes Ereignis. Die Anwesenheit einer Familie mit kleiner Tochter (in der Mutterrolle primitiv-provokant: Dakota Johnson) wirft sie aus der Bahn. Als das Mädchen zu verschwinden scheint, kommen lange verdrängte Gedanken zurück, und Leda lässt sich zu einer impulsiven Handlung hinreißen, die bald alles verändern wird. Ein ungemein präzise und nuanciert gespieltes Drama, das von überforderten Eltern erzählt und auf Elena Ferrantes Roman "La figlia oscura" (2006) basiert, den Gyllenhaal auch selbst für den Film adaptierte. Der Film ist aufgeladen von einer selten so intensiven und zugleich berührenden Spannung, dass ihm ein Preisregen in der Awards-Saison sicher ist. Man darf auch hier verraten: Er wird ab Ende Dezember bei Netflix laufen, aber - wegen des Oscar-Reglements - einen kurzen Kinostart erleben. Jede Wette, diese Rechnung geht wieder auf.