Die grüne Cremesuppe erbricht Diana mit dem Gefühl, darin die Perlenkette, die ihr Charles zu Weihnachten geschenkt hat, zerbissen zu haben. Das Kleid, das eigentlich für das Frühstück am Weihnachtstag vorgesehen war, tauscht Diana mit einem anderen. Und fürs royale Familienfoto erscheint sie nach der Queen. Das ist ein Affront nach dem anderen, den Lady Diana (Kristen Stewart) hier vom Stapel lässt, auf eine Royal Family, in der Tradition und Protokoll weit wichtiger sind als die Befindlichkeiten ihrer Mitglieder. Die Queen versteht sich und ihre Familie als Diener des Volkes, und Diana ist in dieser Ordnung völlig fehl am Platz: Sie rebelliert gegen alles, was aus dieser Königsfamilie auf sie einprasselt, und so zieht sich die Schlinge um ihren Hals immer mehr zu, was die drakonischen Maßnahmen angeht, die man ihr antut. Ein persönlicher Bewacher (Timothy Spall) gibt sofort weiter, wenn Lady Di sich zu lange auf dem Klo einsperrt, in der erlesenen Palastküche eine Heißhungerattacke bekommt oder sich in ihrem Zimmer umzieht, ohne dabei die Vorhänge zuzuziehen. Es ist alles nur zu ihrem Wohl, freilich: Denn die Paparazzi lauerten überall, sagt ihr Bewacher. Und lässt die Vorhänge einfach zusammennähen.

Diana, oder besser: jene Version von Diana, die der Chilene Pablo Larrain in "Spencer" zeichnet, ist Ausdruck einer "Fabel über eine wahre Geschichte", wie Larrain im Vorspann anmerkt. Er hatte also nicht vor, ein faktenbasiertes Bio-Pic zu servieren, sondern spekuliert über den Zustand von Diana, über ihre geistige Verfassung, in der sie zu ihren Zofen auch mal sagt: "Verlassen Sie den Raum, ich will masturbieren". Das sind Sätze, die der Fantasie entspringen, einer Fantasie über die Rebellin, als die Diana gerne gezeichnet wurde und bis heute wird. 

Szenenfoto aus "Spencer": Kristen Stewart überzeugt als Princess of Wales. 
- © La Biennale di Venezia

Szenenfoto aus "Spencer": Kristen Stewart überzeugt als Princess of Wales.

- © La Biennale di Venezia

Es ist schwer, in "Spencer" den Grad der Wahrheit zu bestimmen, der hier aufgetischt wird. Was aber geht, ist, das Bild zu bewerten, das Larrain daraus erschafft: Ganz anders als andere Di-Interpretationen gelingt es Kristen Stewart geradezu vortrefflich, den Freiheitsdrang der Princess of Wales abzubilden, ihm Leben einzuhauchen. Stewart, selbst ein gebranntes Kind eines sehr früh in der Weltöffentlichkeit gelebten Lebens, macht glaubhaft, dass Diana Freiheitsliebe und Mutterschaft über alles andere stellte - auch über die eigene Gesundheit. Ihre Ausbruchsversuche inszeniert Larrain oftmals haarscharf am Limit des Erträglichen, aber er bekommt jedesmal wieder die Kurve, und hernach ist Stewart als Diana noch ein Stück glaubhafter. 

Das funktioniert auch, weil Larrain sich - mit der Ausnahme der Queen und Prince Charles, die beide kurze, mahnende Worte an Diana richten - vollständig auf die (Innen-)Welt Dianas konzentriert und die Royal Family so weit wie möglich hintanstellt. Diana steht ihm im Fokus, und inszenatorisch bringt das jede Menge Gelegenheit für raffinierte Regieeinfälle.

Schnell offenbart sich hier, wieso dieser Film "Spencer" und nicht "Diana" heißt: Dann nämlich, wenn klar wird, dass diese Frau sich niemals auch nur für eine Sekunde dieser königlichen Familie zugehörig gefühlt haben muss; man kann von einem Luxusproblem sprechen, man kann vom goldenen Käfig reden; am Ende haben Depression, Bulimie, das Unglücklichsein und die unterdrückte Freiheitsliebe aber in jeder Lebenslage toxische Folgen. Pablo Larrains "Spencer" ist ein ausgezeichneter Film darüber.