Man hat es nicht leicht, bei diesem 78. Filmfestival von Venedig, mit einem Qualitätsfilter die Spreu vom Weizen zu trennen, denn: Der Jahrgang, den man in Venedig zusammengestellt hat, ist ein ausgesprochen qualitativer. Nicht viel fällt dieses Jahr durchs Raster der Beliebigkeit, im Gegenteil: Auch sprödes Kino läuft hier geradezu zur Hochform auf.

Wie im Fall von "Il buco" des Italieners Michelangelo Frammartino. Der hatte vor zehn Jahren mit seiner metaphysischen Studie "Le quattro volte" ein italienisches Bergdorf porträtiert und kehrt nun mit "Il buco" wieder in eine Abgeschiedenheit zurück, hoch oben in Kalabrien, knapp an der Baumgrenze, in einem uralten Dorf, wo die Kühe noch mit den Schreilauten der alten Hirten hinauf und herab getrieben werden. Das Leben und die Sonne bildet sich ab im Gesicht des Hirten, das wie die Landkarte der hiesigen Umgebung die Furchen und Spalten der Berge wiedergibt. "Il buco" ist lange Zeit ein sich still und wortlos entfaltender Atem wie aus einer anderen Zeit, und das ist inmitten des Getöses, das das Filmfestival von Venedig heuer salvenartig auf seine Besucher loslässt, geradezu eine Wohltat. Den Menschen in diesem Bergdorf beim Leben zuzusehen.

Das große Loch im Boden

Herrlich selbstironisch: Penelope Cruz und Antonio Banderas stellten in Venedig "Official Competition" vor. - © Katharina Sartena
Herrlich selbstironisch: Penelope Cruz und Antonio Banderas stellten in Venedig "Official Competition" vor. - © Katharina Sartena

Allein: Es gibt auch in der Abgeschiedenheit sensationelle Entwicklungen; nämlich, als ein großes Loch im Boden gefunden wird, hoch droben am Berg. Man entdeckt schrittweise ein gigantisches unterirdisches Höhlensystem, das die Geologen mit großem Interesse betrachten, aber die ganze Aufregung macht den Film trotzdem niemals schnell oder hektisch. Mit aller gebotenen Ruhe wird hier eine Welt erzählt, die keine Entschleunigung braucht.

Man muss dieses Kino nicht mögen, das irgendwo zwischen Dokumentarfilm und Fiktion liegt. Aber man kann sich darauf einlassen, und als Film hat "Il buco" dadurch auch Preis-Chancen: Weil im Kino nicht immer die gewinnen, die am lautesten schreien. Aber vielleicht die, die nach ihrem lieben Vieh rufen. Eine Überlegung, die wohl auch Festivalchef Alberto Barbera gehabt haben muss, als er "Il buco" in den Wettbewerb aufnahm.

Das gilt natürlich auch für "Spencer", Pablo Larrains filmische Annäherung an Diana, die Prinzessin der Herzen (die "Wiener Zeitung" berichtete ausführlich unter www.wienerzeitung.at/venedig). 1991 feiert Lady Diana, gespielt von Kristen Stewart, mit der Royal Family Weihnachten auf dem Landgut Sandringham und liefert dort einen Eklat nach dem anderen. Sie wird als todunglückliche Bulimikerin im goldenen Käfig gezeichnet, und der Film kreist fast ausschließlich um sie und ihr Innenleben, macht Prince Charles und die Queen zu stichwortgebenden Statisten. Diana, oder besser: jene Version von Diana, die Larrain in "Spencer" zeigt, ist Ausdruck einer "Fabel über eine wahre Geschichte", wie der Vorspann verrät. Larrain hatte also nicht vor, ein faktenbasiertes Bio-Pic zu servieren, sondern spekuliert über den Zustand von Diana, über ihre geistige Verfassung, in der sie zu ihren Zofen auch mal sagt: "Verlassen Sie den Raum, ich will masturbieren." Worte, die vermutlich so nie gefallen sind, die aber genau das ausmachen, was Diana zu Lebzeiten und bis über den Tod hinaus weltberühmt gemacht hat: Sie wollte lieber mit ihren Söhnen in ein Fast-Food-Restaurant gehen, als die feinste Palastküche auf dem Marmorklo auszukotzen; sie zog an, was ihr gefiel, anstatt sich an die Vorgaben der Queen zu halten. Sie erschien selbst zum Familien-Fototermin nach der Monarchin. Was Larrain ganz vortrefflich gelingt, ist nicht nur, Stewart in der Rolle glänzend anzuleiten, sondern auch die Traumata dieser Frau zu verbildlichen. Nach seinem Film "Jackie" (2016) über Jackie Kennedy ist auch "Spencer" ein Höhepunkt im Werk dieses Filmschaffenden.

Rätselhafter Tim Roth

Viel rätselhafter gibt sich indes über weite Strecken der mexikanische Wettbewerbsbeitrag "Sundown" von Michel Franco. Dieser hatte erst im Vorjahr mit "New Order" über gewaltbereite Bürgerschaften, die auf Mexikos Reiche losgehen, für Furore gesorgt und hier den Jury-Preis gewonnen. Sein neuer Film ist nicht minder atemberaubend, hüllt sich aber in ein angenehmes Schweigen, wenn es um die Motivation seiner Hauptfigur geht (und wurde dafür schon mit den Filmen von Michael Haneke verglichen). Ein scheinbares Londoner Ehepaar (Tim Roth, Charlotte Gainsbourg) mit zwei Kindern urlaubt in Acapulco im Luxusressort, als der Anruf kommt, dass ihre Mutter daheim verstorben ist. Anstatt die Familie zurück nach London zu begleiten, bleibt der Mann zurück, weil er angeblich seinen Pass verloren hat. Tatsächlich aber unternimmt er keinerlei Versuche, das Konsulat zu kontaktieren, sondern nistet sich in einer kleinen Spelunke ein, verbringt die Tage biertrinkend und teilnahmslos am Strand und beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit der Verkäuferin eines kleinen Ladens. Das stößt die Familie daheim vor den Kopf; wer gut hinsieht, bekommt zu Anfang sehr wohl einen frappanten Hinweis auf die Motivation dieses Aussteigers, aber Franco hat ihn sauber versteckt; der simple Plot ist an Sogwirkung kaum zu übertreffen, die Frage nach dem Warum heizt die Neugier entsprechend an. "Sundown" zeigt, dass Franco, dieses mexikanische Wunderkind, noch viel im Köcher hat, mit dem es sein Publikum fesseln kann.

Während "Sundown" einen Mann ins Zentrum rückt, sind es bei diesen Festspielen vor allem die Frauenrollen, die aufzeigen. Neben Diana in "Spencer", die beiden schwangeren Frauen in Almodovars "Madres paralelas" oder Olivia Colman in "The Lost Daughter" bietet auch "L’evenement" der Französin Audrey Diwan eine sehr präsente Frauenfigur. Es geht um eine Abtreibung im Frankreich des Jahres 1963, als dies noch illegal war. Die Studentin Anne (Anamaria Vartolomei) wird ungewollt schwanger und fürchtet, ihr Studium abbrechen zu müssen, sollte sie das Kind bekommen; dabei war es gerade die Aussicht auf eine universitäre Ausbildung, die sie hat hoffen lassen, ihrer schwierigen sozialen Herkunft zu entkommen. Der Schwangerschaftsabbruch ist allerdings ein großes Risiko, der Anne auch ins Gefängnis bringen könnte. Regisseurin Diwan erzählt atmosphärisch dicht und packend, sodass es durchaus für einen Preis reichen könnte.

Dass Kino auch im Wettbewerb vielgestaltig sein kann, zeigt die Auswahl von "Mona Lisa and the Blood Moon". Der dritte Film von Ana Lily Amirpour erzählt eine Mischung aus Abenteuer und Fantasyfilm und basiert auf Filmen, die die Regisseurin in ihrer Kindheit geliebt hatte, wie sie sagt. Es geht um ein Mädchen mit übernatürlichen Kräften, das aus einer Irrenanstalt flieht, um sich in New Orleans alleine durchzuschlagen. Als gebürtige Britin mit iranischen Wurzeln empfand Amirpour sich selbst stets als Außenseiterin in den USA, die Flucht in das Reich der Fantasie war ihr Ventil für die Zurückweisungen. Davon berichtet auch ihr Film, in dem sie die Südkoreanerin Jeon Jong-seo in eine fremde Welt schickt.

Alles für die Filmkunst

Und dann gibt es da noch diesen einen Insider-Film über das Filmemachen, der vielleicht nur Eingeweihten diesen unglaublichen Spaß macht; die Filmpresse am Lido hat sich bei "Official Competition" der Argentinier Gaston Duprat und Mariano Cohn jedenfalls köstlich amüsiert, zeigt der Film doch in Form einer Satire, wie schnell die Welt an einem Filmset aus den Fugen geraten kann. Ein milliardenschwerer Unternehmer will sich verewigen und produziert einen Film. Er engagiert die exzentrische Regisseurin Lola Cuevas (Penelope Cruz), die wiederum ein Drama mit zwei Schauspielgrößen realisieren soll: Es spielen Félix Rivero (Antonio Banderas) und Iván Torres (Oscar Martinez). Der eine hält vom anderen nichts, und die ersten Leseproben werden zum Fiasko. Doch für die Filmkunst gilt es, sich zusammenzuraufen, und die Prüfungen, die Lola ihrem Cast auferlegt, sind zum Schreien komisch. Die Filmbranche seziert sich selbst, die Eitelkeiten der Beteiligten werden Stück für Stück zerpflückt, der Sarkasmus quillt aus jeder Ritze dieses Films, der schließlich - nach einer quälenden Produktionshistorie - doch noch im offiziellen Wettbewerb eines A-Festivals landet. Es ist ein Spiegel für die Filmszene, der ganz schön unschön sein darf; er ist absurd, urkomisch, kokett, voller Ironie und rasend launiger Einfälle. Was gibt es Schöneres, als über einen Film sagen zu können: Es ist eine echte Gaudi?