Die Amerikaner lieben es, sich auf eine Mission zu begeben. Das ist ein immanenter Bestandteil ihres Anspruchs, die Polizei der Welt zu sein. Als die Amerikanerin Allison (Abigail Breslin) während ihres Auslandsstudiums in Marseille plötzlich beschuldigt wird, ihre Freundin ermordet zu haben, bricht ihr Vater, der Bohrarbeiter Bill Baker (Matt Damon), sofort auf zu einer solchen Mission: Es geht ihm darum, unter allen Umständen die Unschuld seiner inhaftierten Tochter zu beweisen, und das, obwohl er zuletzt nur mehr wenig Kontakt mit der jungen Frau gehabt hat. Aber eine Mission ist eine Mission, und so reist er von Stillwater, Oklahoma, aus nach Frankreich, wo ihm nicht nur die Sprachbarrieren Probleme bereiten, sondern auch das Justizsystem, das Bill recht komplex und kompliziert erscheint. In Marseille trifft Bill Virginie (Camille Cottin), die versucht, ihm zu helfen, weil er weder die Stadt kennt, noch der französischen Sprache mächtig ist. Außerdem ist er das, was man im Allgemeinen den typischen Amerikaner nennt: Baseball-Kappe, kariertes Holzfällerhemd und schlecht geschnittene Jeans. So fällt man im französischen Süden garantiert auf.

Das übersteigerte Ego der Amerikaner

"Stillwater" von Tom McCarthy ist Justizthriller und Thriller in einem, aber vor allem: Es ist ein Film, der genau jene US-amerikanische Unart herausarbeitet, mit der sich bereits 1958 der Roman "Der hässliche Amerikaner" von Eugene Burdick und William Lederer befasste: Es geht darum, wie man als Nation so sehr von sich überzeugt sein kann, dass man sicher ist, alle anderen Gegenden der Welt mühelos dominieren zu können. Herauszufinden, dass man dazu keineswegs in der Lage ist, ist ein sehr schmerzlicher Prozess.

Tom McCarthy hat sich für die Hauptrolle den vielleicht typischsten Durchschnittsamerikaner unter den Hollywood-Stars ausgesucht, und Matt Damon spielt diese holzschnittartige Figur, die aus den Tiefen des Trump-Kernlandes kommt, mit Bravour. Ein Vater, der seine Tochter entlastet und alles tut, um ihr zu helfen, das ist ein gängige Set-up in Hollywood. Aber hier ist es in Wahrheit eine Umkehrung dessen, weil Bill eben überhaupt keine Fähigkeiten hat. Er versteht die Sprache nicht, er versteht die Kultur nicht. Er versteht nicht einmal wirklich, wo er eigentlich ist.

Es ist ein Amerika der Trump-Ära, das "Stillwater" abbildet, und auch die Art und Weise, wie man die Vereinigten Staaten in Europa wahrnimmt, ist ein wichtiger Teil der Dramaturgie. McCarthy schrieb das Drehbuch gemeinsam mit dem französischen Starautor Thomas Bidegain und dessen Schreibpartner Noé Debré - was interessante wechselseitige Blickwinkel auf die amerikanische und die europäische Kultur ergibt. Es prallen hier der spießige Lebensentwurf eines Baumwollhemdenträgers, der einfach und schlicht lebt, mit dem intellektuellen französischen Anspruch an das Leben zusammen, und das ergibt mitunter auch sehr launige Momente. Der Film gebiert einen Anti-Helden, der sich bald für Vielschichtigkeit interessiert, anstatt das ewige Selbstbild des rettenden Amerikaners weiter in die Welt zu tragen. Das ist, aus amerikanischer Sicht, ein unbequemes Bild.