Den publikumswirksamsten Film hat man sich beim 78. Filmfestival von Venedig bis ganz zum Schluss aufgehoben: Mit Ridley Scotts Mittelalter-Epos "The Last Duel" standen Matt Damon und Ben Affleck im Zentrum aller Aufmerksamkeit, auch, weil das Drehbuch zu dem 150-Minuten-Schinken aus der Feder der beiden Schauspieler stammt. Das erinnert an die Zeit von "Good Will Hunting" (1997), für den das Duo seinerzeit den Drehbuchoscar abräumte. Basierend auf Eric Jagers Buch "The Last Duel: A True Story of Trial by Combat in Medieval France" erzählt Scott von einer wahren Geschichte, nämlich jener des letzten gesetzlich untermauerten Duells dieser Art in der Geschichte Frankreichs: Im 14. Jahrhundert fordert der Ritter Jean de Carrouges (Damon) seinen besten Freund Jacques Le Gris (Adam Driver) zum Duell auf, bei dem Gott die Entscheidung treffen soll, wer gewinnt. Duelle dieser Art wurden dann angesetzt, wenn es um Wahrheitsfindung in einem Rechtsstreit ging. Im Falle von Carrouges ist es seine Frau Marguerite (Jodie Comer), die Le Gris bezichtigt, sie vergewaltigt zu haben. Doch das ist ganz augenscheinlich nicht die volle Wahrheit.

Perspektivenwechsel

Scott packt diesen Plot um Ehre, Eifersucht und Schande in ein packendes Schlachtengemälde von großer Brutalität und bluttriefenden Kämpfen, und arbeitet die Geschichte raffiniert heraus, indem er den Vorfall aus den unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten schildert. Es ist ein großer Ritter-Film, den der inzwischen 83-jährige Scott hier vorlegt, und es ist ein menschliches Drama zugleich. Das macht "The Last Duel" definitiv zu Oscar-Material, von dem man mit Beginn der Awards-Season noch einiges hören wird.

Bennifer, turtelnd: Jennifer Lopez und Ben Affleck bei der Venedig-Premiere von "The Last Duel". 
- © Katharina Sartena

Bennifer, turtelnd: Jennifer Lopez und Ben Affleck bei der Venedig-Premiere von "The Last Duel".

- © Katharina Sartena

Sonst ist man auf dem Lido in der Schlussphase des Festivals bei weiteren klassischen Genres des Kinos angekommen: Der Western dominierte stark in den letzten Tagen. In "Old Henry" von Potsy Ponciroli wird eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt: Henry (Tim Blake Nelson) lebt mit seinem Sohn auf einer Farm. In der Nähe finden sie einen Schwerverletzten, der eine Unsumme Geld bei sich trägt. Sie verstecken den Mann und leugnen ihn gesehen zu haben, als drei Sheriffs auftauchen und nach ihm fragen. Die epischen Bilder dieses Westerns unterstreichen sein Ansinnen, ganz in die klassischen Bahnen des Genres einzubiegen.

Sir Ridley Scott mit Ehefrau Giannina Facio. 
- © Katharina Sartena

Sir Ridley Scott mit Ehefrau Giannina Facio.

- © Katharina Sartena

Am Thema Western kommt auch nicht die umfassende Doku "Ennio" von Giuseppe Tornatore vorbei, die dem im Vorjahr verstorbenen Komponisten Ennio Morricone ein würdiges Denkmal setzt. Von Morricone stammen die vermutlich wichtigsten Scores des Westerngenres; er machte die Italowestern Sergio Leones überhaupt erst zu dem weltweiten Exportschlager, die sie waren.

Blutrote Spaghetti-Western

Darüber erzählt auch die Doku "Django & Django" von Luca Rea, die farbenprächtig das Schaffen des "zweiten Sergio" der Westernfilmgeschichte beleuchtet. Denn neben Leone, der mit seiner "Dollar"-Trilogie den Spaghettiwestern quasi erfunden hatte und auch das Genre nachhaltig veränderte, gab es mit Sergio Corbucci noch einen zweiten Italiener (und guten Freund Leones), der sich um den Italowestern verdient gemacht hat. Seine Filme wie "Kopfgeld: Ein Dollar", "Leichen pflastern seinen Weg" oder "Fahrt zur Hölle, ihr Halunken" sind allesamt Perlen der 1960er Jahre, wo viel geschossen und gestorben wurde und das Filmblut so knallrot war wie nie zuvor. Corbuccis Filme zeichneten sich durch ihre Brutalität aus, was der eher künstlerischen, epischen Breite von Leones Western-Zugang zuwiderlief. Dennoch schätzten die beiden Filmemacher einander, jeder stand sozusagen für seine ganz eigene Art, den Western zu interpretieren. Darüber einen Film zu sehen, ist insofern erfrischend, als mit Quentin Tarantino darin der wohl profundeste (und begeistertste) Regisseur referiert, mit allerlei Details zu Leben und Werk Corbuccis. Anekdoten dürfen auch nicht fehlen, und selbst Legenden wie Franco Nero, mit dem Corbucci drei Filme drehte, darunter den berühmten "Django", erinnern sich an die gloriose Zeit des Italowestern.

All das fand freilich außerhalb des Wettbewerbs statt, der auch in der zweiten Festivalhälfte einige kraftvolle Arbeiten zu bieten hatte. Die Nazi-Zirkusfabel "Freaks Out" von Gabriele Mainetti mit einem zwölffingerigem Franz Rogowski als magischem Pianisten ist ein Bilder- und Tonrausch der Sonderklasse, der packend erzählte, polnische "Leave No Traces" von Jan P. Matuszynski zeigt in grobkörnigen Bildern, wie die polnische Polizei 1983 einen Studenten zu Tode prügelt und hernach die große Vertuschung beginnt, obwohl es einen Zeugen gibt. Stephane Brizé inszeniert Vincent Lindon in "Un autre monde" als Manager einer Fabrik, der 50 Mitarbeiter abbauen soll, an dieser zutiefst unsozialen und unmenschlichen Aufgabe allerdings zerbricht. Das System Kapitalismus zu unterlaufen, gelingt ihm nicht einmal in Ansätzen, denn für Gefühlsduselei ist hier kein Platz. Brizés Film versteckt nicht, dass diesem aus der Arbeiterklasse stammenden Regisseur das Thema unter den Nägeln brennt.