Es ist ein gutes Jahr für Regisseurinnen: Zuerst der Oscar-Triumph von Chloe Zhao für "Nomadland", dann die Goldene Palme von Cannes für Julia Ducournau und ihren Film "Titane" und jetzt der Goldene Löwe für das Abtreibungsdrama "L’evenement" der Französin Audrey Diwan: Ein Hattrick aus wertvollen Festivalpreisen, der hoffen lässt, dass die Veränderungen in der üblicherweise männerdominierten Filmbranche nun nachhaltiger sind.

Audrey Diwans zweiter Spielfilm erzählt von einer Studentin in Frankreich, die in den 1960er Jahren ungewollt schwanger wird und an eine Abtreibung denkt; jedoch ist diese zur damaligen Zeit noch illegal - viele Frauen ließen daher geheim abtreiben und setzten damit die eigene Gesundheit aufs Spiel. Die Verfilmung des autobiografischen Bestsellers "Das Ereignis" von Annie Ernaux feierte seine Premiere kurz nachdem am 1. September in Texas die derzeit wohl schärfsten Abtreibungsgesetze der USA in Kraft getreten sind. Eine weltweite Debatte um das Recht auf Abtreibung ist entbrannt, weil in vielen Ländern die Gesetze wieder verschärft werden.

Für die 41-jährige Regisseurin ist "L’evenement" ein "intimer Thriller auf leisen Sohlen", wie sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" bemerkt. Ganz bewusst habe sie sich für das frühere TV-Bildformat 4:3 entschieden, um ihrer Hauptfigur näher zu kommen und die Enge ihrer Optionen zu unterstreichen. "Etwas wächst in ihrem Körper und die Zeit wird immer knapper, eine Lösung für diese Situation zu finden. Das ist in diesem Moment eine schreckliche Realität für sie. Du bist ein Mädchen und weißt nicht, was mit deinem Körper passiert. Ich war zweimal schwanger, am Anfang weiß man nicht, was los ist."

Audrey Diwan erzählt auch, selbst einmal die Erfahrung eines Schwangerschaftsabbruchs gemacht zu haben. "Ich hatte das Glück, in den 1980er Jahren geboren worden zu sein, denn so musste ich es nicht selbst mit der Stricknadel in der Küche machen. Meine Erfahrungen als Frau sind auch die Grundlage dafür, was ich künstlerisch zu sagen habe."

Ein Thema mit großer Sprengkraft

Diwan wird mit ihrer Meinung wohl nicht überall auf offene Arme stoßen, und außerdem geriet auch die Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen stellenweise in die Kritik. Denn "L’evenement" ist definitiv ein Statement der Jury rund um den Koreaner Bong Joon Ho, den künstlerisch besten Film hat man damit aber nicht ausgezeichnet.

Natürlich weiß Diwan um die Sprengkraft des Themas, mit dem sich der Film auseinandersetzt. "Als wir mit dem Film begannen, hätte ich mir niemals gedacht, dass das US-Höchstgericht akzeptiert, was gerade in Texas passiert ist", sagt Diwan. "Leider ist es an vielen Orten der Welt die traurige Realität, dass Frauen nicht selbst entscheiden können, ob sie ihr Kind behalten oder nicht. Es ist in vielen Ländern immer noch ein Tabuthema. Wir werden uns dafür einsetzen, den Film gerade in solchen Gegenden zu zeigen, in denen Abtreibung problematisch ist. Ich wollte keinen historischen Film drehen, in dem die 1960er Jahre weit weg sind und man heute diese Probleme Gott sei Dank nicht mehr hat", sagt Diwan. Es gäbe genügend Gegenden, die sehr konservativ mit Abtreibung umgingen, etwa Polen, der Libanon oder nun auch Texas. "Es ist immer noch ein harter Kampf für viele Frauen auf der Welt, in Selbstbestimmung zu leben", sagt Diwan.

Die Regisseurin engagiert sich übrigens auch in der französischen Vereinigung "collectif 50/50", die sich für Geschlechterparität und gleichen Lohn in der Filmbranche einsetzt. "Derzeit sieht es so aus, als würden die Dinge sich nachhaltig verändern", sagt Diwan. "Doch ich will mir die Situation in zwei, drei Jahren nochmals genau ansehen. Zu oft schon ist den Frauen suggeriert worden, dass ihnen die Türen offen stünden, nur um festzustellen, dass sie sich binnen kürzester Zeit wieder schlossen", sagt Diwan. "Ich habe diese Erfahrung schon selbst gemacht, und ich werde nicht aufgeben, dafür zu kämpfen, dass sich die Situation auf lange Sicht bessert."