Da fliegen sie, die sprichwörtlichen Fetzen, wenn herauskommt, dass ein Ehepartner den anderen betrügt! Das Schlimme dabei ist: Der Betrogene hat keinerlei Ahnung von diesem Betrug. Es gilt also nicht: "Ich habe es schon geahnt."

Wir befinden uns in einem Remake, einem delikaten Remake, denn mit einem Ingmar-Bergman-Stoff geht man nicht achtlos um; "Szenen einer Ehe" war 1973 ein großer Erfolg im schwedischen Fernsehen. Die fünfteilige Serie machte aber auch Karriere als Kinoversion, die etwas gekürzt wurde. Bergman war damals, was das serielle Erzählen betraf, offenbar ganz auf der Höhe der heutigen Zeit, wo Mehrteiler über Problembeziehungen zum Standard-Repertoire der Streaming-Anbieter gehören. Deshalb ist die Neuauflage der Serie nun bei einem ebensolchen zu sehen: Sky zeigt sie nun im Wochenrhythmus. Und beweist damit: Auch ein Remake kann die Qualität des Originals erreichen.

Das liegt zuallererst einmal an der Story, denn schon Bergmans Vorlage war eines der unfilmischsten Skripten der Filmgeschichte: Mann und Frau reden stundenlang, in der Küche, im Schlafzimmer, im Wohnzimmer. Am Ende steht eine Scheidung im Raum, die Papiere werden unterzeichnet (oder auch nicht). Damals wie heute steht und fällt dieses Stück mit seiner Besetzung; sowohl Liv Ullmann und Erlan Josephson im Original als auch Jessica Chastain und Oscar Isaac im Remake brillieren sich durch die redeintensiven Nächte, in denen die Malaise der jeweiligen Beziehungsleben aufgearbeitet wird. Allein: Einen massiven Unterschied gibt es schon zwischen dem 50 Jahre alten Original und der Neufassung. Damals war es der Ehemann, der mit einer viel jüngeren Frau eine neue Liebe aufbauen wollte, diesmal ist es die Ehefrau, die fremdgeht. Trotz Bergmans visionärer Handhabe des Themas: Das wäre seinerzeit wohl nicht gegangen.

Dieser Oscar Isaac trägt in der neuen Serie die Demütigung, betrogen worden zu sein, mit einer immensen Geduld, es ist nachgerade unglaublich, wie viel Güte diese Figur in sich trägt. Wenn die Ehegattin den Betrug gesteht, dann vibriert in der heutigen Zeit nicht selten die Spirale der Gewalt, und im echten Leben werden Frauen in Beziehungen oftmals Opfer von Gewalt. Die Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache.

Nicht so in "Szenen einer Ehe": Da wird alles ganz minutiös ausdiskutiert, alles, was die Liebe und ihre Qualen mit sich bringen. Chastain und Isaac machen das derartig gut, dass man vergisst, ein Remake zu sehen. Vielleicht liegt das auch ein bisschen an ihrer visuellen Ähnlichkeit zu Ullmann und Josephson.

Regisseur Hagai Levi ("In Treatment") kann dem Stoff von damals zudem viele kleine Nuancen hinzufügen: Wie sich das Beziehungsleben von heute auf noch mehr Schnelllebigkeit konzentriert. Wie man Kommunikation heute rascher vollzieht. Und wie trotzdem die emotionale Intensität so gar nicht abgenommen hat über die Jahrzehnte. Dass Levi seine Darsteller am Beginn jeder Folge in die Szene als Schauspieler am Filmset eintreten lässt, soll wohl Distanz suggerieren und das Fiktionale betonen. Eine nette Idee, die mit der Realität einer Ehe aber gar nichts zu tun hat.