Weltberühmt wurde Mélanie Laurent als Schauspielerin in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" (2009), als sie in der Rolle einer Kinobetreiberin Hitler in Flammen aufgehen ließ. Seit 2015 dreht die 38-Jährige aber auch als Regisseurin Filme, zumeist über Frauen, die allen Widerständen zum Trotz Stärke zeigen. Ihr neuer Film "The Mad Women’s Ball" basiert auf dem Roman von Victoria Mas und läuft ab Freitag auf Amazon Prime Video. Es geht darin um Frauen, die man Ende des 19. Jahrhunderts als "hysterisch" bezeichnete, weil sie übersinnliche Erscheinungen hatten oder berichteten, mit dem Jenseits kommunizieren zu können. Solche Frauen hat man, ungeachtet der Herkunft, gerne in Sanatorien wie das Salpêtrière-Krankenhaus in Paris abgeschoben. Dort wurde mit den Patientinnen jedes Jahr ein prestigeträchtiger Ball organisiert, der auch die Pariser Elite anzog. Die junge Eugenie (Lou De Laâge) ist so eine Insassin, die man eingewiesen hat, die aber ihr Schicksal nicht akzeptieren will und ihre Flucht plant.

"Wiener Zeitung": Romanadaption, historisches Setting, aufwendige Sets: Was erwartet die Zuschauer bei Ihrer neuen Regiearbeit?

Mélanie Laurent: Auf jeden Fall ein Film über Frauen, gepaart mit einer feministischen Note, würde ich sagen. Ich wollte unbedingt eine historische Geschichte erzählen, deshalb hat mir die Romanvorlage von Victoria Mas so zugesagt: Die Frauen darin waren im 19. Jahrhundert nicht in der Lage, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, sondern waren fremdbestimmt. Man hat sie als Verrückte oder Hexen tituliert, weil sie Fähigkeiten hatten, die über das damalige Verständnis der Leute hinausging. Als ich das Buch las, wusste ich: Das ist genau der Stoff, den ich schon lange suchte. Eine Geschichte über eine Frau, die Geister sieht und die auch mit Menschen aus dem Jenseits kommuniziert. Heute würde man das vielleicht belächeln, aber wegsperren würde man dafür niemanden mehr.

Mélanie Laurent. - © K. Sartena
Mélanie Laurent. - © K. Sartena

Zwischen Eugenie, die Geister sieht, und Ihrer Rolle als Schwester Geneviève im Spital gibt es Reibungen. Wie definieren Sie diese Figuren?

Sie sind unterschiedlich und auch wieder nicht. Mir gefiel diese Idee, einerseits eine Frau zu zeigen, die an Geister glaubt, und andererseits eine Figur zu haben, die den Fakten der Wissenschaft vertraut. Es geht im Film darum, wer an was glaubt und wo die Freiheit des Einzelnen beginnt und endet.

Für die Rolle von Eugenie wählten Sie Lou De Laâge. Wieso?

Weil sie eine unglaubliche Präsenz hat. Es ist ein Traum, mit dieser Frau zu arbeiten. Sie ist auch eine Freundin von mir, und sie kann Gefühle sehr exakt abrufen und zeigen. In meinem Film "Breathe", unserer ersten Zusammenarbeit, war sie die Böse, und jetzt ist sie der wunderschöne Engel, den man für verrückt erklärt. Ich liebe ihre Vielseitigkeit. Lou ist eine Muse für mich.

Immer wieder sind es Frauenfiguren, die Sie interessieren. "Breathe" handelte von einer Beziehung zwischen Frauen, Ihr nächster Film "Nightingale" handelt von zwei Schwestern, gespielt von Dakota und Elle Fanning. Was fasziniert Sie an weiblichen Protagonisten?

Ich liebe es, mit Frauen zu arbeiten, aber dabei geht es mir nicht um die aktuelle Debatte um Frauen, die endlich in der Lage sind, Filme zu drehen in diesem männerdominierten Geschäft. Ich habe schon immer Filme über Frauen gemacht, meistens über starke Frauen. Ich mag Schauspieler, aber es ist nicht dasselbe. Es ist eine andere Arbeit mit Frauen am Set, es fällt mir entschieden leichter, mit ihnen zu arbeiten.

Sie stehen als Geneviève vor der Kamera. Wie ist es eigentlich, wenn man sich selbst die Anweisungen geben muss?

Eigentlich sehr entspannt, denn ich bin ja die Regisseurin und es ist mein Set und ich brauche keine Angst davor zu haben, was mir der Regisseur als Nächstes anschaffen wird. Deshalb kann ich es mir auch erlauben, meine Kinder mit ans Set zu bringen, was ich sehr mag. Und dann habe ich für die Szenen, in denen ich selbst vor der Kamera stehe, einen meiner besten Freunde am Set, der für mich die Regie meiner Szenen übernimmt, dem ich absolut vertraue und der mein Spiel am Monitor mitverfolgt. Das brauche ich, denn sobald ich als Schauspielerin vor der Kamera stehe, vergesse ich alles rund um mich und bin nur in diesem Moment. Es ist also wichtig, dass mir dabei jemand zusieht, sich sozusagen meine Augen ausleiht für diesen Moment.

Viele Schauspieler mögen es, von Kollegen angeleitet zu werden, manchmal mehr als von Regisseuren, die oftmals die Bedürfnisse der Schauspieler nicht so gut kennen. Was denken Sie?

Ich finde, es gibt eine große Sprachbarriere zwischen Schauspielern und Regisseuren, vor allem dann, wenn die Regisseure niemals in ihrem Leben einmal die Seite gewechselt und es auch als Schauspieler versucht haben. In Frankreich wollen viele Regisseure gar nicht mit mir arbeiten, weil ich eben auch Regie führe. Das ist verrückt. Das gibt es im internationalen Filmgeschäft kaum.

Sie brachten Ihre Kids mit ans Set. Wie funktioniert das?

Erstaunlich gut. Ich muss mich nicht entscheiden, ob ich zur Arbeit gehe oder lieber meine Kinder bei mir habe. Die Anwesenheit der Kinder beruhigte alle am Set. Ich hatte mein Baby sprichwörtlich auf mir, bevor "Action!" gerufen wurde. Diese Nähe hat mich auch entspannt. Die Kinder lernen viele Menschen kennen und beobachten uns alle. Das hat ihnen Spaß gemacht. Schließlich drehen wir hier nur Filme. Das ist nicht so super-ernst wie andere Berufe, daran haben uns die Kids am Set täglich erinnert. Wir sind mitten in der Pandemie, und ich bin dankbar für die Nähe zu meinen Kindern. Ich wünschte, ich könnte das auch an anderen Filmsets etablieren, bei denen ich vor der Kamera stehe. Aber viele sehen das leider nicht gerne.