Für die junge Maxi (Luna Wedler) aus Berlin klingen die Worte von Karl (Jannis Niewöhner) wie die lang ersehnte Befreiung aus einem wahr gewordenen Albtraum: Bei einem Terroranschlag verlor sie ihre Mutter und ihre beiden jüngeren Brüder, nur sie und ihr Vater (Milan Peschel) überlebten die Paketbombe, weil beide gerade nicht daheim waren, als sie detonierte. Jetzt hat sich in Maxi dermaßen viel Wut aufgestaut, dass sie sehr empfänglich ist für die Botschaften des feschen und gut gestylten Karl, der sie mitnimmt auf ein Jugendtreffen in Prag. Doch dort wird Maxi schnell klar, auf wen sie sich da eingelassen hat: Karl ist nämlich Mitglied einer politischen Vereinigung, die weit rechts steht. Unter dem Deckmantel des salon- und konsensfähigen Jungpolitikers mit guten Manieren entpuppt sich Karl bald als Wolf im Schafspelz.

Porträt der neuen Rechten

Christian Schwochows "Je suis Karl" stellt die Frage, wie sehr wir uns und unsere Ideale verraten würden, wenn es zu eklatanten Ereignisse kommt; sein Porträt der neuen Rechten, die lieber Anzug tragen, anstatt kahlrasiert die Arme in den Himmel zu strecken, ist dank seines Titels auch ein Verweis auf die "Je suis Charlie"-Bewegung, die sich nach dem Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" formierte. Insofern nimmt der Titel der insgesamt wenig subtilen Handlung schon vorweg, wohin der Film gegen Ende steuert. "Je suis Karl" als Warnung vor den neuen Rechten zu lesen, gelingt aber gut.