Es ist ein Grundmotiv von Literatur, Malerei und allen Künsten, dass sich Sujets immer weiter transformieren", sagt der Berliner Regisseur Philipp Stölzl. Der Spezialist für opulentes Kino ("Der Medicus") und große Opern ("Rigoletto" auf der Bregenzer Seebühne) bringt jetzt ein Meisterwerk der österreichischen Literatur auf die Leinwand: Die "Schachnovelle" (1942) von Stefan Zweig (ab Freitag im Kino).

"Wiener Zeitung": Herr Stölzl, Ihre "Schachnovelle" firmiert offiziell nicht als Verfilmung des Buchs von Stefan Zweig. Vom Verleih wurde die Formulierung "Basierend auf dem Klassiker" gewählt. Der Film weicht, was die Geschichte und die Figuren betrifft, streckenweise sehr stark vom Buch ab. Würden Sie ihn trotzdem als Verfilmung des literarischen Texts bezeichnen?
Philipp Stölzl: Ja. Absolut. Es ist eine Glaubensfrage, ob man Literatur möglichst Wort für Wort verfilmen soll oder ob man sich Freiheiten nehmen darf. Meine Meinung: Wenn man sich für eine Literaturvorlage so sehr begeistert, dass man daraus eine Leinwand-Erzählung machen will, dann muss man dem Kern der Vorlage nachspüren und das Herz der Geschichte begreifen. Als ich Zweigs "Schachnovelle" zum ersten Mal las – und dann zum zweiten und zum dritten Mal –, stellte sich bei mir eine große Beklemmung her; eine sehr labyrinthisch-kafkaeske Atmosphäre. Die Novelle hat eine bleierne Last, die sich einem erst einmal auf die Schultern legt. Diesen Gefühlen wollte ich in der Leinwandversion nachspüren. Das Surreale und der Kafka sind bei Zweig deutlich zu spüren. Allein, dass er seinem Helden als Namen nur ein Initial gibt, Dr. B., ist ein klassischer Kafkaismus. Das Buch hat auch etwas Rätselhaftes. Die "Schachnovelle" ist ein Stück Literatur, das sein Enigma am Ende nicht so ganz lüftet. Ich finde, der Surrealismus, den wir für die Verfilmung gewählt haben, ist schon immanent in der Erzählung selbst.

Nachdenklich: Philipp Stölzl. - © Dominik Odenkirchen
Nachdenklich: Philipp Stölzl. - © Dominik Odenkirchen

Auf der Leinwand wird aus Dr. B. ein Dr. Bartok. Zwei Hauptfiguren des Films – der Gestapo-Mann Franz-Josef Böhm und Bartoks Frau Anna – kommen in der Novelle gar nicht vor. Ist es statthaft, für einen Film so intensiv in die Struktur eines literarischen Werks einzugreifen?
Auch das ist eine Glaubensfrage. Ein kleiner Exkurs: Ich komme aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt und als ich 17 war, bekam ich von meinem Vater ein kleines Büchlein mit dem Titel "Die Stoffe der Weltliteratur". Beginnend bei den alten Griechen sind da alle Stoffe drin – und ihre jeweiligen Übermalungen. Ich arbeite zum Beispiel derzeit an einer "Turandot"-Inszenierung für die Staatsoper in Berlin, und es ist unglaublich, wie viele Varianten es von dieser "Turandot"-Geschichte gibt. Immer mit neuen Winkeln und Hauptfiguren. Ich habe das Gefühl, es ist ein Grundmotiv von Literatur, Malerei und allen Künsten, dass sich Sujets immer weiter transformieren. Ich persönlich würde daher gar nicht auf die Idee kommen, dass eine neue Lesart oder eine Übermalung eines Werks wie der "Schachnovelle" nicht statthaft wäre. Das Sakrosankte tut der Kunst nicht gut.

Was würden Sie Kinobesuchern sagen, die die "Schachnovelle" gerade gelesen haben und die sich nun über die Veränderungen im Film wundern?

Nichts in diesem Film ist art pour l’art. Alles ist das Ergebnis eines sehr gewissenhaften erzählerischen Arbeitens. Die Verhöre des Doktors durch die Gestapo zum Beispiel haben im Buch etwas Anonymes, Maschinenhaftes – fast wie in "Der Prozess" von Kafka. Zweig beschreibt fast nüchtern, wie sein Protagonist in dieses Mahlwerk gerät und dort geistig und seelisch zerbröselt wird. Bei einem Film allerdings will man eine lange Strecke beim Held verweilen – und man will das Gefühl haben, dass der Held kämpft. Man will nicht nur jemandem zuschauen, der zugrunde gerichtet wird. Da öffnet die Novelle das tolle inhaltliche Türchen, dass die Figur des analphabetischen, neureichen Schachweltmeisters Czentovic, der die Fähigkeit hat, auf dem Schachbrett Leute analytisch zu vernichten, bei Zweig als nebelige Metapher für die Nazis steht. Wir dachten, es sei spannend – und der Film ist auch so konstruiert –, dass das Schachduell zwischen dem Schachweltmeister und Bartok mit dem Verhörduell zwischen dem Gestapo-Mann und Bartok gleichgesetzt wird. Beides spiegelt sich. Bei Bartoks Frau wiederum geht es um das Thema der Odyssee: Der verwehte Mann, der über die Weltmeere irrt und versucht, nach Hause zu kommen. Wir dachten, es sei für die emotionale Bindung der Hauptfigur wichtig, dass man weiß, wie Bartok früher lebte und was er verloren hat – an Leben, an Haus, an Kunst und an Liebe. Die innere Verbindung zu seiner Frau ist für Bartok eine kleine Kerze in der Dunkelheit. Dort will er hin.

Die "Schachnovelle" entstand 1942, also mitten während der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs. Was sagt uns diese Geschichte heute?
Ich glaube, Stefan Zweig hatte beim Schreiben die beklemmend düstere Sichtweise, das wird nichts mehr mit der Welt – einen Tag, nachdem er das Manuskript der "Schachnovelle" im brasilianischen Exil zur Post gab, hat er ja Suizid begangen. Dass 1945 Nazi-Deutschland kaputtgebombt sein würde und dass das Land langsam zur Demokratie zurückkommen könnte, war für ihn wohl unvorstellbar. Für uns Heutige ist es spannend, zu sehen, wie schnell eine Gesellschaft kippen kann. Das ist schockierend und frappierend zugleich. In den ersten 20 Minuten des Films habe ich mich bemüht, herauszuarbeiten, dass diese österreichischen Eliten sich für komplett unangreifbar hielten. Doch dann vergingen beim Anschluss nur Stunden und die Leute wurden auf den Straßen totgeschlagen. Auch heute haben wir in Europa das Gefühl, wir sind die solide alte Welt. Doch möglicherweise sind wir viel verletzlicher, als wir denken. Der Firnis der Zivilisation ist auch heute dünn.

Um zur Produktion des Films zu kommen: Ihre Hauptdarsteller Oliver Masucci, Birgit Minichmayr und Albrecht Schuch haben alle eine Vergangenheit und/oder Gegenwart am Wiener Burgtheater. Ist das Zufall oder Absicht?
Das Burgtheater hat wahrscheinlich das tollste Ensemble, das es im deutschen Sprachraum gibt. Die "Schachnovelle" ist ein sehr schwergewichtiger Stoff und braucht daher auch Schauspieler von Gewicht. Dass die Hauptdarsteller eine Burg-Biografie haben, ist natürlich Zufall. Aber Schauspieler, die das Burgtheater bis zum vierten oder fünften Balkon füllen können, die haben die Gravitas und die Wucht, die man für solche Rollen benötigt. Es macht mir als Regisseur wahnsinnig viel Spaß, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die so eine große Klaviatur zur Verfügung haben.

Sie inszenieren ja auch häufig auf der Bühne: Was ist der größte Unterschied zwischen Theater- und Filmregie?
Beim Film steht man permanent unter Hochspannung, weil die eine Szene, die man gerade dreht, unbedingt gelingen muss. Wenn die Szene gut wird, dann wird sie bis zum Ende deines Lebens gut sein, doch wenn sie mittelmäßig wird, dann wird sie bis zum Ende deines Lebens mittelmäßig bleiben. Das ist beim Theater anders. Dort verbringt man sehr viel Zeit mit den Schauspielern auf der Probebühne. Was dir heute nicht gelingt, das gehst du morgen von Neuem wieder an. Um es mit dem Töpfern zu vergleichen: Man kann ganz lange mit dem Lehm rumkneten am Theater, bis irgendwann die Endproben kommen. Dann muss die Arbeit halbwegs stehen.

"Schachnovelle" ist auch visuell ein sehr eindrucksvoller Film. Wie wichtig war die Arbeit Ihres österreichischen Kameramanns Thomas W. Kiennast?
Wahnsinnig wichtig. Thomas ist extrem versiert in seinem Fach, ein großer Könner, und er ist außerdem ein überaus neugieriger Künstler. Ich bin ja selber, ich sag‘ mal, eine starke Künstlerpersönlichkeit; ich komme mit einem klaren Konzept an und weiß, was ich ausdrücken möchte. Es ist toll, wenn man dann einen Partner wie Thomas Kiennast hat, der ein kraftvoller Kopf ist und schon mal sagt, dies oder jenes würde ich anders machen. Solche kreativen Auseinandersetzungen führen zu Resultaten, die viel besser sind als das, was man sich allein im Kämmerchen ausdenken würde. Thomas hat eine tolle Vita, mit Filmen von "Das finstere Tal" bis zur Romy-Schneider-Bio "3 Tage in Quiberon". Er experimentiert und probiert aus und wagt sich sehr gerne ins Unbekannte vor.

Die "Schachnovelle" wurde im Winter 2019/2020 gedreht. Mussten Sie da schon unter Corona-Bedingungen arbeiten? Hatte die Pandemie Auswirkungen auf den Film?
Wir haben den Film tatsächlich Stunden vor dem ersten Lockdown abgedreht. Die letzten Drehwochen waren sehr anstrengend, weil wir wussten, dass der Lockdown bevorsteht. Da haben wir den üblichen Montag-bis-Freitag-Rhythmus über den Haufen geworfen. Alles in allem haben wir jedoch Riesenglück gehabt, denn viele andere Filme wurden mitten während des Drehs vom Lockdown erwischt. Es gab aber bizarre Momente. Wir hatten ja ein deutsch-österreichisches Team; der Film ist eine Koproduktion. Österreich hat ein bisschen früher zugemacht als Deutschland. Am letzten Drehtag in München haben die Maskenbildnerinnen morgens die Schauspieler geschminkt und sich dann ins Auto gesetzt, um nach Wien zu fahren. Die Beleuchter haben noch die Lampen angeknipst und sind dann ebenfalls nach Wien gefahren. Ich habe noch eine Nacht in München verbracht. In dem Riesenhotel war ich der letzte Gast – ein Gefühl wie bei "The Shining". Mit einer eilig gekauften Baumarkt-Staubmaske habe ich mich am nächsten Morgen in den Zug nach Berlin gesetzt und die nächsten Wochen zu Hause verbracht, wo ich damit begann, den Film per Skype zu schneiden. So habe ich auch selbst ein bisschen das Thema Isolation erlebt – natürlich auf eine sehr viel harmlosere Weise als im Film.

Eine letzte Frage: Was würde Stefan Zweig zu Ihrem "Schachnovelle"-Film sagen?
Das müsste man ihn selbst fragen. Ich weiß nur, dass unser Drehbuchautor Eldor Grigorian, ein Deutsch-Russe, Jude und auch Schachspieler, in sehr engem Kontakt mit dem Zweig-Zentrum in Salzburg stand. Diese Leute haben den Film begleitet und sind, wie ich höre, mit dem Resultat sehr zufrieden und glücklich. Sie mochten zum Beispiel auch die Referenz an Homers "Odyssee", die in der Novelle gar nicht drin ist, aber einen starken Zweig-Bezug hat.