Ich weiß nicht, wer ich bin", sagt der einfühlsame 16-jährige Jamie (Max Harwood) in größter Verzweiflung. "Du bist 16, was erwartest du denn?", raunt ihm sein genervter Gönner Hugo Battersby (Richard E. Grant) zu. "Und außerdem: Die letzte Regel des Drag ist, dass es eigentlich gar keine Regeln geben kann. Tu, was du tun musst, sei einfach, wer du unbedingt sein musst!"

Aufbauende Worte für einen, der am Boden liegt, in "Everybody’s Talking About Jamie", jener Disney-Verfilmung einer wahren Geschichte, die aber schließlich nicht auf der großen Kinoleinwand gelandet ist, sondern beim Streaming-Anbieter Amazon Prime Video, der den Film nun als "Amazon Original" vermarktet.

Die Geschichte dreht sich um den 16-jährigen Jamie, der eigentlich genau weiß, was er will: Als schwuler Schüler wird er seit jeher gemobbt, aber was passiert erst, als seine Absicht ruchbar wird, dass er in High Heels und verkleidet als Frau zum Abschlussball gehen will? Natürlich ist selbst im aufgeklärten 21. Jahrhundert eine Drag Queen immer noch ein Außenseiter, einer, der "nicht normal" ist. Eine "hässliche Tunte", die aus ihrem Leben eine Karriere auf zwielichtigen Bühnen machen will. Jedoch auch: Ein junger Mann, der sich nichts sehnlicher wünscht, als akzeptiert zu werden, "so wie ich bin".

Vater-Sohn-Katastrophe

Aber die Demütigungen gehen erst richtig los: Die Geburtstags-Billetts seines Vaters Wayne (Ralph Ineson) stammen in Wahrheit von Jamies aufopfernder Mutter Margaret (Sarah Lancashire), die den Schein aufrecht erhält, dass der Vater das Anderssein seines Sohnes akzeptiert hat. Die Wahrheit ist: Er schämt sich für den Sohn so sehr, dass er längst Reißaus genommen hat und mit einer anderen Frau nun ebenfalls einen Sohn erwartet. Diesmal "einen richtigen". Als Jamie das herausfindet, stürzt für ihn die Welt endgültig ein, und er bricht auch mit der Mutter, der er Verlogenheit vorwirft, weil sie "niemals jemand gewesen ist".

Drama, Drama, Drama: Es ist ein wahres Gefühls-Massaker, durch das Jamie und das Publikum hier waten müssen. Der Vater-Sohn-Konflikt oszilliert irgendwo zwischen roten Glitzer-Pumps, pinken Eyelash-Extensions, biederem britischen Vorstadt-Prekariat, rüpelhaftem Verhalten am Fußballfeld und einem vom Papa selbstredend verpassten, aber allerorts umjubelten Drag-Auftritt von Jamie im lokalen Club.

An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass all diese Handlungsfetzen verbunden sind durch mehr oder weniger qualitative Balladen, denn "Everybody’s Talking About Jamie" ist die Verfilmung des gleichnamigen Erfolgsmusicals von Dan Gillespie Sells, das wiederum auf der Doku "Jamie: Drag Queen at 16" von Jenny Popplewell basiert. Es geht darin um das, was man ist und was man sein will - ein klassisches Coming-of-Age-Setting also, angereichert um den Bruch mit konservativen Konventionen, die längst überwunden schienen, es aber offenkundig nicht sind.

Zugleich aber kann die Geschichte ganz anders gelesen werden: Ein Haufen Individuen versucht hier - jeder natürlich superindividuell -, sich selbst zu verwirklichen und sich in einer Badewanne voller Ego-Schleim zu suhlen. Ein bisschen wichtig sein will jeder, ein bisschen wichtiger als der andere zumindest. Aber diese Deutung wäre wohl zu weit weg von dem, was die Geschichte um Außenseitertum, Mut, Selbsthass und um die ewigen Mauern in unseren Köpfen wohl propagieren wollte. Mauern im Kopf gehören sowieso eingerissen. Das ist das Schöne am Erwachsenwerden: Jamie weiß jetzt, wie das geht.