Ein bisschen Macho gehört schon dazu, zu dem Job als Doppel-Null-Agent. Also darf Daniel Craig, der scheidende Amtsinhaber der 007-Plakette, durchaus auch mal frauenkritisch über seine Nachfolge spekulieren. So wie kürzlich in einem Interview, in dem er verkündete, dass er sich eine Frau in der Rolle von James Bond keinesfalls vorstellen könne. Und einen nicht-weißen Mann schloss Craig ebenfalls aus. Barbara Broccoli, die Produzentin der Bond-Filme, will nicht ganz so weit gehen, aber Frau sein, das darf 007 nicht. "James Bond kann jede Hautfarbe haben, aber er ist ein Mann", sagte Broccoli.

Weltpolitische Gegenwart und Superbösewichte

Wenn Daniel Craig für "No Time to Die" ab 30. September im Kino also zum fünften und letzten Mal den Agenten im Geheimdienst Ihrer Majestät spielt, dann beginnt wieder die Gerüchteküche zu brodeln, wer denn in seine Fußstapfen treten könnte. Das Spiel um den Hauptdarsteller war in der inzwischen 25 Filme umfassenden Bond-Reihe stets eines der wichtigsten Signale, in welche Richtung sich die Franchise entwickeln würde. Eine Franchise übrigens, die anders als "Star Wars", "Harry Potter" und Co. immer auch sehr stark in der weltpolitischen Gegenwart und ihrer Realität verankert war, wenngleich die erzählten Geschichten um Superbösewichte wie Blofeld, Goldfinger, Scaramanga oder Stromberg so fantastisch unrealistisch waren, dass man sich darüber majestätisch vergnügen konnte. Der Kern der Geschichte orientierte sich aber immer an realen Kriegen und Krisen.

Und auch die Darsteller - von Connery bis Craig - sind nicht zufällig in ihre Rollen gecastet worden, dahinter steckt ein vielschichtiges System von Überlegungen: Einerseits muss die Erwartungshaltung an den von Ian Fleming erdachten Agenten erfüllt werden, damit genug Menschen ins Kino kommen. Der Mann muss eine gewisse Attraktivität haben, auch hier veränderten sich über die Jahrzehnte die Geschmäcker deutlich (Craig hätte es mit blonden Haaren wohl in den 60er Jahren nicht über die erste Casting-Runde hinaus geschafft). Dann die Charakterzüge: Mit welcher Nonchalance oder Brutalität lässt man Bond gegen die Gegner vorgehen? Und schließlich: Wer sind diese Gegner? Früher waren es die Russen, nach dem Kalten Krieg zusehends verwirrte Einzelgänger im Größenwahn, Weltenvernichter, Bösewichte mit epischen Untergangsfantasien. Die Antagonisten der Reihe, sie waren oftmals viel näher dran an der Zeitgeschichte als Bond, weil man ihre Figuren durchaus mit den Zügen von realen politischen Führern ausstatten konnte. Bond hingegen war immer eine Konstante, die Rolle stets darauf angelegt, mehrmals von ein und derselben Person gespielt zu werden. Und doch: Jeder der bisher sechs Bond-Darsteller hat dem von Fleming erdachten literarischen Original neue Facetten hinzugefügt und vertraute genommen.

Flemings erster von insgesamt elf Bond-Romanen erschien 1953 unter dem Titel "Casino Royale". Der darin auftretende Agent war mehr oder weniger ein Abbild seines Schöpfers, oder zumindest: Ein Abbild dessen, wie sich Fleming idealisierter Weise gerne gesehen hätte: Als gut gekleideten, dunkelhaarigen, schlanken Mann mit Manieren, als jemand, der keinen Deckmantel braucht, wenn er ermittelt, sondern sich selbstbewusst vorstellt mit den Worten: "Bond, James Bond". Fleming spendierte dem Frauenschwarm Bond freilich auch ein paar seiner lasterhaften Tugenden, etwa den übermäßigen Alkohol- und Nikotinkonsum, dem Fleming schließlich bereits 1964 im Alter von 56 Jahren zum Opfer fiel. Immerhin konnte er noch miterleben, wie seine Schöpfung zum Weltstar wurde.

Sean Connery war 32, als er 1962 in "Dr. No" die Reihe eröffnete. Die Produzenten setzten absichtlich auf keinen allzu bekannten Namen, und das blieb bei der Darstellerwahl letztlich bis heute so. Zumindest in Hinblick auf eine Weltkarriere. Connery, seit dem zweiten Film "Liebesgrüße aus Moskau" stets mit Echthaar-Toupet vor der Kamera, entsprach in diesem Outfit ziemlich gut Flemings Vorstellungen: Die grauen, eleganten Anzüge, die vornehme Art, ganz der britische Gentleman, gebildet und amourös der Vielweiberei zugetan, zugleich aber auch einen Schneid, dem man ihm abkaufte. Skrupellos, aber nicht ohne Herz, humorvoll, aber nicht lustig.

Ein Bond mit Zigarette im Mundwinkel: Heute undenkbar

Nach fünf Filmen warf Connery hin, die Abenteuer wurden zunehmend fantastischer, wirklichkeitsfremder, und damit nicht unbedingt besser; ein Umstand, den bisher jeder Bond-Darsteller, der mehr als zwei Filme drehte, bei sich selbst erleben musste. Aber Connery als Ur-Bond des Kinos, das war schon auch der Kalte Krieg in Reinkultur. Eine Figur, der man nicht widerspricht, und falls doch: nur ein einziges Mal.

Dass Connery Bond in "Dr. No" am Casinotisch mit einer Zigarette im Mundwinkel einführte, ist übrigens auch so ein Umstand, der inzwischen unmöglich wäre: Zigaretten sind verpönt, die rauchen nur mehr die Bösen. Dafür geht es mit dem Alkohol immer noch ganz gut: Daniel Craigs Bond hat nachweislich am allermeisten gesoffen in seinen Filmen. Das spiegelt ein gesellschaftliches Phänomen wider, das man auch aus dem Alltag kennt: Rauchen ist verpönt, Trinken hingegen weitgehend gesellschaftlich akzeptiert.

Nach Connery hatte der Australier George Lazenby kein leichtes Erbe anzutreten, als er 1969 mit "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" seinen ersten und einzigen Bond drehte. Er war der vielleicht hübscheste Bond, und mit 29 ein richtiger Jungspund. Aber dass er in der Schweiz in einem Alpensanatorium unter falschem Namen spionierte, das passte nicht zu Flemings Figur. Lazenby war auch nicht brutal genug, sondern eher aus der Fraktion "Geigenspieler vertragen kein Spülmittel". Glücklos, und das, obwohl sein Bond - spät aber doch - als einer der besten Filme der Reihe gilt.

Die große Zeit von James Bond war jedoch nicht vorbei: Die 1970er Jahre erstrahlten in einem völlig neuen Licht, das Weltklima schwankte zwischen Hippie-Laissez-faire und Vietnam-Dauerstress, und die Krägen und Glockenhosen wurden weiter und weiter. Dahinein jemanden mit Ärmelschoner-Sakko aus schottischem Garn zu setzen, womöglich mit Hut und Pfeife, hätte wohl das Ende der Reihe bedeutet. Deshalb gelang den Produzenten mit der Besetzung von Roger Moore ein echter Coup: Er hatte, auch dank seiner Serie "Die 2" mit Tony Curtis, bereits einen großen Namen und war der bestbezahlte TV-Darsteller der Welt, als er mit 46 Jahren in "Leben und Sterben lassen" (1973) der bis dato älteste Bond bei Dienstantritt war. Moore brachte das Saloppe, das Komische, das Slapstickhafte in die Reihe, und auch die Selbstironie, die sie brauchte, um nicht zu einer verkrampften Uralt-Männerfantasie zu werden. Zwar war Bond immer noch der Alte, nicht modern, sondern ziemlich (werte-)konservativ, aber Moore holte sich die Zuschauer über Schauwerte und über seinen Humor. Ein Bond als Komiker? Wieso denn nicht?

Aber auch diese Karriere hatte Mitte der 80er an Substanz verloren, was an Moores Alter lag. Ihm folgte der glücklose Timothy Dalton nach, der zwei Filme drehte und eigentlich Flemings Bond am allernächsten kam: schlank, brutal, ohne Witz, ein Killer ohne Gewissen. Nahe an der literarischen Vorlage, aber kein Kassenmagnet. Nach dem Fall des Ostblocks waren die Produzenten dann ratlos: Es dauerte sechs Jahre, bis 1995 mit Pierce Brosnan der nächste Agent parat stand. Ihn wollte man schon 1987 statt Dalton besetzen, aber Brosnan steckte vertraglich bei der TV-Serie "Remington Steele" fest. Nun war der Feschak aber bereit: Schön anzusehen, elegant, zugleich flotte Sprüche wie Moore, und dann auch schon Terroristen und Medienmacher als Gegner. Ein bisschen diffus, auch stilistisch, wie die 90er Jahre eben waren.

Charaktertiefe, wo es eigentlich gar keine gibt

All das endete mit Daniel Craig, der die Reihe optisch in ganz neue Zeiten führte. Blond, markantes Äußeres, brutal und entschlossen: wieder ein Stück zurück zu Flemings Original. Und, weil das heute so sein muss: auch charakterliche Tiefe und Innenansichten des Protagonisten, ganz dem derzeitigen Serienboom folgend. Deshalb wirken fast alle Craig-Bonds so profund und vielschichtig, obwohl sie es gar nicht sind.

Craig wird nun seinen Dienst quittieren, und es wird einen Neuen brauchen, der es mit den Gefahren der Zeit aufnimmt: Mit Wirtschaftskriegen und Daten-Kriminellen, mit Finanzhaien und Virus-Epidemien. Viel zu tun für den adrenalingestauten, holzschnittartigen Kerl im Anzug, der zu Gefühlen kaum imstande ist. Es bleibt spannend, wie lange das Kinopublikum diese Einfalt noch goutiert. Oder sollte vielleicht doch eine Frau...?