Detail steckt in jeder Faser von Sonia Liza Kentermans erster Liebeskomödie in Spielfilmlänge "Der Hochzeitsschneider von Athen", der aktuell in Österreichs Kinos läuft. Die Geschichte um den eigenbrötlerischen Schneider, der sein Geschäft verliert, aber die Leidenschaft des Brautkleidnähens entdeckt, strotzt vor Details. Aber bis sie den ungewöhnlichen Charakter des Schneiders Nikos perfektioniert hatte, mussten viel Zeit und Aufwand investiert werden. Die griechisch-deutsche Regisseurin verrät im Gespräch mit der Wiener Zeitung, warum es ihr so wichtig war, gerade einen Schneider als Hauptcharakter in ihrer Liebeskomödie einzusetzen.

Eigentlich war sie auf der Suche nach einer Geschichte, die die Finanzkrise Griechenlands und ihre humanitären Folgen einfangen könnte. Denn Kenterman, selbst in Griechenland aufgewachsen, nennt die Krise den ersten historischen Moment ihrer Generation, den sie unbedingt abbilden wollte.

Vorliebe für das Handwerk

Sonia Liza Kenterman. 
- © Sonia Liza Kenterman

Sonia Liza Kenterman.

- © Sonia Liza Kenterman

Dass dann ein Schneider zum Zentrum ihrer Geschichte über "Transformation und Selbstbestimmung" wurde, lag an Kentermans und Co-Autorin Tracy Sunderlands Vorliebe für aussterbende Handwerksarten. Schneiderei entpuppte sich für die Regisseurin als visuell so fesselnd, dass Nikos, der Schneider, geboren war. In Zeiten von Fast Fashion, in denen jeder gleich aussehen will, faszinierte es Kenterman, dass weiterhin Menschen existieren, die sich um ihr Aussehen bemühen und ihre Zeit und ihr Geld in einen einzigartigen maßgeschneiderten Anzug investieren wollen.

Die Regisseurin begab sich in den Kosmos des Schneiderns und lernte, so viel sie konnte, über die Kunst. Denn als nicht weniger bezeichnet Kenterman das Handwerk. Je mehr Zeit sie mit den Schneidern und Stoffhändlern Athens verbrachte, desto stärker war sie überzeugt, dass es eine Kunstart ist, nicht unähnlich dem Malen. Lebhaft im Gedächtnis blieben ihr von den vielen Stunden, die sie in den griechischen Schneiderstuben verbracht hat, dass sie völlige Isolation und Unabhängigkeit für die Schneider bedeuteten. Denn die Männer beugten sich nicht dem Willen ihrer Auftraggeber, egal, wie mächtig und reich die auch sein mochten. Sie beherrschten ihre Kunst so perfekt, dass sie am besten wussten, was für den Kunden richtig ist.

Kenterman beobachtete, dass jeder Teil der Erscheinung der Handwerker von ihrer Schneiderarbeit geprägt war. Nicht nur die Bewegungen währenddessen, sondern auch ihre Haltung und Gangart hatten sich dem Beruf angepasst. Aus den gesammelten Erfahrungen formte sie Nikos und seine Eigenarten.

Wie im Stummfilm

Auch Darsteller Imellos habe sich intensiv mit dem Beruf, der damit einhergehenden Denkweise und den Gesten befasst. Kenterman bezeichnet es als "großes Glück", dass er die Rolle des Nikos angenommen habe. Er brächte die Comedy, fast wie ein Stummfilmheld, in den Film - Nikos Leben sei eben auch ein isoliertes, stilles, in dem nur das Schneidern ihm Gesellschaft leiste.

Dass "Der Hochzeitsschneider von Athen" so großen Wert auf die kleinsten Details an Charakteren legt, liegt laut Kenterman daran, dass Nikos in seiner Arbeit auf jede Kleinigkeit achten muss. Jedes Stadium des Schneiderprozesses müsse perfekt ausgeführt werden, damit am Ende der Anzug dem Kunden passt. Deswegen lebe Nikos in Details.

Das ziehe sich bis in seine zwischenmenschlichen Kontakte. Nikos verstehe andere Personen über Einzelheiten. In Liebesdingen nennt Kenterman Nikos "fast schon asexuell". Seine Affäre zur Nachbarin Olga (Tamilla Koulieva) hätte daher auch nie eine "klassische" sein können. Vielmehr biete ihnen die Affäre eine Möglichkeit, ihre kreative Leidenschaft des Nähens gegenseitig zu fördern. Das Schneidern sei ein Weg für sie, ihre Isolation und Unterdrückung zu verlassen und zu florieren.