Der erste Blick ins Gesicht von Daniel Craig in "No Time to Die" zeigt einen gealterten, mitgenommenen, auch gezeichneten Mann. Aus ihm stechen die blitzblauen Augen heraus, aber der Blick ist müde geworden; Craig, zum fünften und letzten Mal in der Rolle von James Bond zu sehen, ist mit seiner Figur gealtert, wie noch kein Darsteller zuvor. Doch dahinter steckt nicht nur die natürliche Alterung - Craig übernahm 2006 mit 37 die Agentenrolle und ist jetzt knapp 52 - sondern auch ein Konzept der Bond-Macher, das vorsieht, wie bei noch keinem anderen Bond-Darsteller die Filme in der einen oder anderen Art zusammenhängen zu lassen und die Entwicklung der Figur zu zeichnen. "Casino Royale" war 2006 der spektakuläre Auftakt, "Ein Quantum Trost" ein schwaches Sequel, das auch als Sequel verstanden werden wollte. "Skyfall" und "Spectre" loteten zunehmend die Innenwelt Bonds aus, und mit "No Time to Die" wird dieses Seelenleben nun erneut bemüht, man könnte subsumierend schon sagen: Bond, der Agent mit Herz, schickt sich ein letztes Mal an, die Welt zu retten, und manchmal ist diese Welt nur ein einziger Mensch, den es zu retten gilt.

Mit der Bitte, keine Details zu verraten

Klingt alles sehr kryptisch, aber die Presse wurde vom Filmverleih Universal eindringlich gebeten, vor dem Filmstart am Freitag, der wegen der Pandemie seit 2019 immer wieder verschoben wurde, möglichst wenig von den zahlreichen Wendungen und Überraschungen zu verraten, die Regisseur Cary Fukunaga hier in seinem fast dreistündigen Epos auftischt.

Comeback: Bonds alter Aston Martin in Matera. 
- © Universal

Comeback: Bonds alter Aston Martin in Matera.

- © Universal

Es ist wahr, "No Time to Die" ist tatsächlich ein Epos geworden, ein brutaler Film, aber auch einer, in dem Bond erstmals etwas so richtig nahe geht, wenn sich die Handlungsstränge immer enger um seinen Hals zuschnüren, als wären es Drahtseile. Craigs Vermächtnis, das ist ein Thriller der modernsten Art, mit tollen Effekten und waghalsigen Stunts; es ist aber auch eine Hommage an den alten Bond, an Connery, wie er im Aston Martin herumkurvte, auch an George Lazenby, der bislang der erste verheiratete Bond gewesen ist; "No Time to Die" findet Wege, um die Bond-Historie mannigfach zu zitieren, manchmal greift man dafür ein bisschen zu tief in die Kitschkiste, aber das sei verziehen. Es geht schließlich nicht um irgendeinen Agenten.

Natürlich darf über den Plot gesprochen werden: James Bond ist seit fünf Jahren in Spion-Pension, doch dann passieren so unglaubliche Dinge, dass er nochmals zurück zum MI6-Dienst muss: Zunächst braucht ihn sein alter Freund Felix Leiter (Jeffrey Wright), um den russischen Wissenschaftler Valdo Obruchev (David Dencik) zu retten. Der hat im Auftrag von M (Ralph Fiennes) Sensationelles entwickelt: Eine DNA-Waffe, die zielgerichtet auf einzelne Menschen tödlich wirkt, wenn sie ihren DNA-Strang enthält. Wer diese Waffe missbraucht, kann auf diese Weise mit Microbots auch ganze Völker und Ethnien ausrotten, was sie für den rachsüchtigen Safin (Rami Malek) zum idealen Weltvernichtungs-Werkzeug macht; Safin hat natürlich eine alte Rechnung offen, und zwar mit Blofeld (Christoph Waltz), der im Gefängnis wie Hanibal Lecter bewacht wird.

Blofeld und die Macht der DNA-Vernichtungswaffe

Dereinst war er für die Ermordung von Safins Familie verantwortlich. Hier kommt erneut Bonds große Liebe Madleine Swann (Léa Seydoux) ins Spiel, und auch, dass bald fast die gesamte Führungsriege des Verbrechersyndikats Spectre ihr Leben lassen muss, hängt mit der DNA-Wunderwaffe zusammen.

Fast schon gespenstisch, wie sich dieses von Neal Purvis, Robert Wade und Phoebe Waller-Bridge verfasste Drehbuch, das vor der Pandemie entstand, heute als Rückblick darauf lesen lässt: Denn das DNA-Gift verbreitet sich von Mensch zu Mensch durch bloße Berührung. Auch hier darf sich niemand mehr die Hand schütteln, wenn er das Gift auf der Haut trägt; es ist wie ein Virus, das rund um den Globus eine Spur der Verwüstung ziehen soll. Falls Bond das nicht doch noch verhindern kann.

Dem pensionierten 007 steht seine Nachfolgerin im Doppel-Null-Rang, Nomi (Lashana Lynch), zur Seite, als naiv wirkendes Dummchen-Bondgirl tritt CIA-Agentin Paloma (Ana de Armas) auf, die allerdings mehr auf dem Kasten hat, als lieb dreinzuschauen und auf High Heels ihre Gegner derart akrobatisch vermöbelt, als trüge sie Turnschuhe. Es sind halt dann doch die alten Klischees die Bond zu Bond machen; daran hat weder Bonds einstige weibliche Chefin (als Gemälde in der M-Ahnengalerie: Judi Dench) etwas geändert, noch der Umstand, dass man mit mehr Diversität bei den Besetzungen der Nebenrollen Vielfalt zeigen will - von Q‘s Date mit einem Mann bis zu den "Women of colour", die man konsequent einsetzt. Bond bleibt dabei über weite Strecken dieses Urgestein einer offensichtlich stehengebliebenen Männerfantasie vom knallharten Fels, den niemand bezwingen kann. Und: Bond darf in diesem Film so viel trinken wie nie zuvor - gefühlt alle drei Minuten kippt er sich hier Wodka-Martini (gerührt) oder Scotch (pur) in die Kehle.

Dazwischen wirkt "No Time to Die" immer auch wie aus der Zeit gefallen. Der alte Aston Martin aus den 60ern darf seine rotierenden Maschinenpistolen hinter den Scheinwerfern wieder auspacken und auch die berühmte Nebelwand versprühen. Das hat Retrocharme, nimmt sich aber dennoch total ernst. Als bewege sich die Filmreihe konsequent rückwärts zu ihrem Ursprung in "Dr. No", ist bald auch eine Schlüsselsequenz im schillernd-bunten Kuba zu sehen, mit alten Autos, Tanz und Terror.

Schließlich entdeckt man dann doch den weichen Kern in James Bond: Sprüche wie "Solange wir über die Schultern schauen, ist die Vergangenheit nicht tot" sollen 007 Gelegenheit bieten, Gefühle zu zeigen. Und siehe da: Commander Bond ist tatsächlich in der Lage dazu, vor allem, als ihm ein fünf Jahre gut gehütetes Geheimnis offenbart wird, das Bond noch einmal die letzte Kraft gibt, seine Mission zu vollenden. Bond, der Romantiker, der Liebende, der auf die Knie geht. Das muss man schon gesehen haben.

"No Time to Die" braucht die Kraft der großen Leinwand

Das Action-Brimborium drumherum sowieso. Der Film wirkt kurzweilig, bietet Spaß, Hochspannung und Esprit, das Ensemble ist spielfreudig und die Locations atemberaubend. Man hat vollstes Verständnis dafür, dass die Bond-Macher nicht auf eine Heimkino-Veröffentlichung setzten, wie das pandemiebedingt bei vielen anderen Filmen gemacht wurde. "No Time to Die" braucht die große Leinwand, um die Schauwerte und sein überraschendes Finale mit einem gigantischen Knall auf die Bond-Fans zu schleudern. Am Ende wird nichts so sein, wie man es erwartet hat. Und dann kommt der Abspann. Auch der lohnt sich.