Der 30. Geburtstag ist etwas Besonderes im Leben. Da verabschiedet man sich von einem Stück Unbeschwertheit - was traurig sein mag. Da gewinnt man aber mitunter auch Lebensmut und Entspannung, was der bisher gesammelten Erfahrung geschuldet ist. Das Jüdische Filmfestival Wien steht 2021 genau an dieser Schwelle zum Erwachsensein. Wenn Frédéric-Gérard Kaczek sich an die Anfänge vor 30 Jahren zurückerinnert, dann stellt er fest: "Das Festival ist für die Wiener Kulturszene inzwischen unverzichtbar geworden, weil es Identität stiftet."

Seit 1991 leitet Kaczek die stets ambitionierte Filmschau, die zwischen Komödie und Tragödie die Filmwelt aus jüdischem Blickwinkel (und darüber hinaus) auslotet. "Trotzdem!" lautet das Motto der heurigen Festivalausgabe, und das hat schon auch mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. "Einerseits, weil wir trotz der Corona-Pandemie erneut ein Präsenz-Festival ausrichten und dabei unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen für unsere Gäste ein lohnenswertes Event zusammenstellen wollen", so Kaczek. Das bis 17. Oktober laufende Festival muss mit Maskenpflicht im Kino und gültigem 3G-Nachweis absolviert werden. "Erst im Laufe des Samstags werden wir erfahren, ob es neue Reglements geben wird, denn da sollen Maßnahmen verkündet werden", gibt sich der Festivalchef abwartend.

Festivalchef und Kameramann Frédéric-Gérard Kaczek. - © privat
Festivalchef und Kameramann Frédéric-Gérard Kaczek. - © privat

Andererseits reflektiert das bunte Programm des Jüdischen Filmfestivals Wien auch die aktuellen Entwicklungen auf politischer Ebene: "Wir stellen schon fest, dass es eine starke Zunahme von Antisemitismus in Österreich gibt", sagt Frédéric-Gérard Kaczek. "Und damit meine ich nicht bloß importierten Antisemitismus. Es ist auch ein starker heimischer Aspekt zu sehen."

Antisemitismus im Steigflug

Kaczek spielt damit konkret auf die oberösterreichische Landtagswahl von vergangener Woche an: Dort konnte die neue Partei MFG (Menschen Freiheit Grundrechte) auf Anhieb 6,2 Prozent der Wählerstimmen erreichen. Für Kaczek ein Alarmsignal, denn die gerne als "Impfgegner"-Partei bezeichnete Bewegung sei auch in Hinblick auf eine rechte Gesinnung zu beobachten. "In Oberösterreich gibt es einen starken Zulauf zu dieser Partei", so Kaczek.

Als Mahner vor rechten Entwicklungen sieht sich das Festival auch, aber nicht nur: "Vielmehr wollen wir die Vielfalt jüdischen Lebens feiern", sagt Kaczek. Das Programm ist entsprechend bunt: Zum Auftakt am Sonntag wird im Wiener Künstlerhaus-Kino das französische Filmdrama "Alles außer gewöhnlich" von Éric Toledano und Olivier Nakache mit Vincent Cassel in der Hauptrolle gereicht. Es geht um den jüdisch-religiösen Bruno (Cassel), der mit seiner Non-Profit-Organisation jugendliche Autisten betreut. Sein Freund, der praktizierende Moslem Malik (Reda Kateb) bildet in seiner Organisation sozial benachteiligte Jugendliche zu Pflegern aus. Die Spannungsfelder liegen auf der Hand.

Im Programm finden sich außerdem Filme zum Thema Antisemitismus, etwas "Der Stellvertreter" (2002), "Der schönste Tag" (2021) oder "Endphase" (2020), und zudem besonders interessante Filme der Nachkriegszeit aus den ehemaligen Ostblockländern. Auch der jüdische Humor wird erkundet, etwa in "Die Abenteuer des Rabbi Jacob (1973) oder "Le chat du rabbin" (2011).

Das Motto "Trotzdem" betrifft natürlich auch die weiteren Bereiche des Festivals: "Trotz zunehmendem Antisemitismus die einheimische jüdische Kultur zu stärken, trotz aller Konflikte in gegenseitigem Respekt friedlich zusammenzuleben, trotz Rückschlägen zu lachen", das sei die Richtlinie, die sich das mit knapp 110.000 Euro dotierte Festival vorgegeben hat. "Es ist zu einer Erhöhung der Förderung durch die Stadt Wien gekommen", sagt Kaczek. "Dafür sind wir dankbar. Dennoch müssen wir den Gürtel sehr eng schnallen." Kein Wunder, bei diesem Förderbetrag, bei einem zweiwöchigen Kulturevent dieser Größe.