Über die Welt der kindergerechten Unterhaltung kann gesagt werden: Es gibt Trickfilme, und es gibt Disney. Zwei Welten, die miteinander nur wenig gemein haben und niemals hatten. Denn was beim Micky-Maus-Konzern in die Pipeline zur Entwicklung gerät, verbringt dort oft Jahre in aufwendigen Drehbuchprozessen, Charakterstudien von Figuren, Zeichnungen und Animationen, an denen hunderte Menschen arbeiten. Die Produkte sind der Kaviar der Unterhaltungsindustrie; alle anderen tischen bestenfalls Seehasenrogen auf.

Daran hat sich bis heute nichts geändert: Disney als Unterhaltungskonzern Nummer eins, mit all den Märchen und fantastischen Figuren von "Bambi" bis zur "Eiskönigin" ist und bleibt der Platzhirsch in den Kinderzimmern dieser Welt. Die nüchternen Zahlen sprechen Bände: Der Streamingdienst Disney+ konnte innerhalb eines Jahres über 100 Millionen zahlende Abonnenten gewinnen und gerade in Zeiten der Pandemie damit das eingebrochene Kino-Geschäft einigermaßen ausgleichen.

Hunger nach Unterhaltung

"Feuerwehrmann Sam": Simple Geschichten, gepaart mit simpler Animation. Ein erstaunlich effektives Erfolgsgeheimnis. - © Einhorn
"Feuerwehrmann Sam": Simple Geschichten, gepaart mit simpler Animation. Ein erstaunlich effektives Erfolgsgeheimnis. - © Einhorn

Doch es muss nicht immer Disney sein: Seit die Kinos wieder geöffnet sind, ist der Hunger nach überlebensgroßer Unterhaltung unstillbar, gerade bei den Kleinsten, die zum ersten Mal überhaupt eine große Leinwand sehen oder zumindest schon lange keine mehr gesehen haben. Das ermutigt viele Studios und Produzenten, erfolgreiche Fernsehserien kinofit zu machen, denn hier winkt trotz der Streamingflut noch immer der allermeiste Profit: Erstens kommen die Kinder immer in Begleitung von Mama und/oder Papa, was die Ticketverkäufe dramatisch erhöht. Und zudem wird noch das Buffet gestürmt, mit heillos überteuerten Nachos und Popcorn. Aber was tut man nicht alles für die Kleinsten?

Im Kino ist en vogue, was man derzeit auch in sämtlichen TV-Kinderkanälen zu sehen bekommt. Etwa die drolligen Rettungshunde von "Paw Patrol": In der 2013 gestarteten kanadischen Serie kommen die sechs Hunde Chase, Marshall, Skye, Rocky, Rubble und Zuma regelmäßig als Retter in der Not zum Zug. Ausgestattet mit jeder Menge Gerät, ist ihnen "kein Einsatz zu groß und keine Pfote zu klein". Ihr "Herrchen" ist der zehnjährige Ryder, der sie nicht nur anführt, sondern auch die Einsätze koordiniert, und zwar in der ultramodernen Zentrale, wo dann auch noch weitere Einsatzfahrzeuge zur Verfügung stehen. Die "Helfer auf vier Pfoten" sind allesamt lebensfrohe, treue Gefährten, die niemanden im Stich lassen. Nach ihrem weltweiten Siegeszug über Nickelodeon sind sie auch bei Super RTL, Toggo plus und via Amazon oder Netflix zu sehen. Das begleitende Merchandising umfasst inzwischen ganze Spielzeug-Linien großer Hersteller. Man hat es vor allem auf noch nicht schulpflichtige Kinder unter sechs Jahren abgesehen, und der Kinofilm, der diesen Sommer gestartet ist, war im Prinzip eine 90-minütige "Paw Patrol"-Folge, ganz passabel animiert, aber im Kern doch immer die simple Abfolge von Gebrechen, Einsatz und Rettung.

Selbst die Sozialwissenschaft hat "Paw Patrol" bereits beschäftigt. Man attestiert der Serie neoliberale Denkmuster, einen Glauben an die Privatwirtschaft und ein grundsätzliches Misstrauen in die Regierung. Bürgermeisterin Gutherz, die über den "Paw Patrol"-Einsatzort Adventure Bay herrscht, wird immer wieder als unvorsichtig und allzu impulsiv dargestellt. Im Kinofilm verschlägt es die Hundetruppe in die benachbarte Adventure City, wo ein Mann namens Besserwisser neuer Bürgermeister ist, der mit Leichtsinn die Metropole ins Chaos stürzt, weil er einen Wolkenfresser anwirft, der für beständiges Schönwetter sorgen soll. Das geht aber schief, und als das Teil zu explodieren droht, ist richtig was los.

Filme, die Spaß machen

Sozialwissenschaftler Liam Kennedy hat an der Serie nicht nur kritisiert, dass hier fremdenfeindliche Motive existieren (viele Verbrechen würden von Außenstehenden begangen), sondern auch der Zusammenhang zwischen Klimawandel und menschlichem Zutun wäre nicht sichtbar gemacht worden. Was zumindest im Fall des Kinofilms nicht zutrifft, denn dort ist es der tölpelhafte Politiker, der stellvertretend für die Menschheit als Klimasünder auftritt. Man kann Serien wie "Paw Patrol" natürlich in Hinblick auf ihre Botschaften abklopfen, aber dem Zielpublikum sollen sie vor allem eines machen: Spaß.

Mit "Feuerwehrmann Sam" ist kürzlich eine weitere Serie zum Kinofilm umgewandelt worden, und Star dieses Films ist - unschwer erkennbar - der Feuerwehrmann Sam. Die seit 1987 laufende walisische BBC-Serie spielt im fiktiven Örtchen Pontypandy und folgt im Prinzip dem gleichen Konstrukt wie "Paw Patrol": Egal, ob Brände, Unfälle, Überflutungen - wann immer in Pontypandy etwas passiert, ruft man Feuerwehrmann Sam zur Hilfe. Der schreitet beherzt ein und löst das Problem. Auch hier spielen Einsatzfahrzeuge und Gerätschaften eine große Rolle - alles dreht sich um das modernste "Gear", das man hernach auch perfekt als Spielzeug auf den Markt werfen kann. 213 Einsätze ist Sam schon gefahren, manche dauern nicht länger als zehn Minuten, und auch der Kinofilm ist mit 61 Minuten angenehm kurz. Es ist das Konzept dieser Serie, möglichst einfach zu sein: Die Geschichten sind simpel und die Anzahl der handelnden Personen niedrig gehalten. Dasselbe gilt für die Animation, die mit heutigen Standards so gar nicht mithalten kann; für die Zielgruppe ist das aber ausreichend, man will die Kleinkinder nicht überfordern. Der aktuelle Kinofilm ist bereits der fünfte, und außerdem gibt es Sam auch als Theaterstück, Hörspiel und Puppen-Bühne.

Möglicherweise sind sowohl "Paw Patrol" als auch "Feuerwehrmann Sam" in erster Linie eher für Buben interessant, in Anbetracht der Technik auch kein Wunder. Wie sehr diese Klischees noch immer zutreffen, zeigte Dreamworks mit "Spirit - Frei und ungezähmt", dem Kinofilm zur Serie um den wilden Mustang, der die Freiheit liebt. Es geht um die junge Lucky, die mit Spirit Freundschaft schließt und ihn davor bewahren will, von Banditen gefangen zu werden. Das Reiten als Sehnsuchts-Hobby für viele Mädchen spielt stark in die Dramaturgie des Films hinein, und die Rituale in einer Beziehung zwischen Mensch und Tier ebenso. Es ist der zweite Kinofilm zu dieser Figur, der erste entstand 2002. Netflix produziert seit 2017 eine Animationsserie mit inzwischen 52 Folgen, und immer ist das Motiv des gefangenen, aber freiheitsliebenden Hengsts zentral, und der unbedingte Drang der zwölfjährigen Lucky, ihn zu befreien. Romantisierte Action, so könnte man das nennen, denn es geht rasant zu in den "Spirit"-Filmen. Und hier sind auch die Bilder ordentlich gemacht, hat Dreamworks inzwischen doch eine seit 1998 andauernde Erfolgsgeschichte geschrieben, mit Filmen wie "Shrek", "Kung Fu Panda", "Madagascar" oder "The Boss Baby". Letzterer erfährt übrigens kommende Woche ein Kino-Sequel mit dem Titel "Boss Baby - Schluss mit Kindergarten".

Flut an neuen Filmen

Überhaupt wächst das Angebot an Kinofilmen für Kinder derzeit stetig: Vor Kinostart befindet sich etwa die Verfilmung der Kinderbuchreihe "Die Schule der magischen Tiere", in der Tiere sprechen können, und die Fortsetzung "Happy Family 2", in der eine Mini-Agentin das Sagen hat. Ende des Jahres darf "Die Biene Maja 3" wieder schwarz-gelb gestreiften Charme verbreiten. Auch TV-Serien haben im kommenden Jahr weiterhin Hochkonjunktur, was ihre Kinoversionen betrifft: Dann erleben nämlich unter anderem die Held(inn)en von "Mia & Me" und "Miraculous" ihre Premiere auf der großen Leinwand. Ein kurzer Check bei der sechsjährigen Tochter macht klar: "Das will ich unbedingt sehen!" Einspielergebnis also ziemlich garantiert.