Wer vor ziemlich genau 100 Jahren aus der elendslangen Kriegsgefangenschaft nach Wien zurückkehrte, dem offenbarte sich eine wahrlich neue Welt: Der Kaiser, für den man zu Felde gezogen war, ist verjagt, das auf Erbsengröße geschrumpfte Österreich ist eine stinkende Kloake aus Kriegsversehrten, Armen, zwielichtigen Gestalten. Anfang der 1920er Jahre ist die einstige Kaiserstadt in Wahrheit viel zu groß für das lächerlich kleine Nachfolge-Land der Donaumonarchie. Ohne Perspektive verfallen die Menschen hier der Lasterhaftigkeit, das reicht von Prostitution über Alkohol und Drogen bis hin zu Verbrechen, deren Grausamkeit man gar nicht beschreiben kann.

Inmitten dieser Post-Monarchie erzählt Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky sein Drama "Hinterland", wo es genau um diesen Gemütszustand geht, an dem so mancher Kriegsheimkehrer wohl laboriert haben muss: Eine junge Republik, in der nichts mehr von den Werten gilt, für die man in den Krieg gezogen ist.

Der ehemalige Kriminalbeamte Peter Perg (Murathan Muslu), soeben aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, sieht das genauso: Nun, wieder zuhause, kommt er sich vor wie ein Fremdkörper in seiner eigenen Welt. Als eine schreckliche Mordreihe beginnt, holt Peters Vergangenheit ihn ein: Er gerät zunächst selbst unter Mordverdacht, vor allem, weil er zu allen Opfern eine persönliche Verbindung hatte. Zusammen mit der Gerichtsmedizinerin Dr. Theresa Körner (Liv Lisa Fries) nimmt er die Ermittlungen auf.

Triumph in Locarno

Beim Filmfestival von Locarno, wo "Hinterland" Anfang August seine Weltpremiere feierte, staubte Ruzowitzky den Publikumspreis ab, und das ist vor allem mit der innovativen Machart des Films zu erklären: Was "Hinterland" von einem gewöhnlichen Filmdrama unterscheidet, ist, dass der Film hauptsächlich im Studio entstand, die meisten "Kulissen" entstammen dem Computer. Sie zeigen ein seltsam entrücktes Wien, das im eigenen Morast zu ersticken droht. Die Gebäude weisen allesamt stürzende Linien auf, sie wachsen schief und schräg in den Himmel, sodass diese düstere Optik den tragischen Zerfall der Gesellschaft zusätzlich unterstreicht. Ruzowitzky zitiert hier die Meister des filmischen Expressionismus, der gerade in Deutschland und Österreich die Stimmung der Zeit in Bilder fasste, die jenseits der Norm waren; das Verrückte, das Entrückte, das Entrische, die Stimmung, die man über diese neue Lebensrealität empfand, sie zeigte sich im Kino der Weimarer Republik am intensivsten, und Ruzowitzky wildert da durchaus im großen Stil, bei Filmen wie "Dr. Mabuse" oder "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". Was "Hinterland" zu einem visuellen Fest werden lässt, denn Ruzowitzky lädt seine Bilder mit einer Detailverliebtheit auf, die "Hinterland" zu einem Drama voller digitaler Bildgewalt macht, bei der die eigentliche Geschichte dann doch auf Kosten des visuellen Faszinosums ein wenig auf der Strecke bleibt. Hat man sich hier zu sehr auf die Optik verlassen, anstatt die spannend beginnende Geschichte schnurstracks und emotional einnehmender zu Ende zu bringen? So manche Szene in der zweiten Hälfte des Films lassen darauf schließen. Nichtsdestotrotz bietet "Hinterland" dank seiner gebrochenen Figuren ein zugespitztes Sittenbild der damaligen Zeit und sorgt für große Schauwerte und emotionale Momente. Und das CGI-generierte Dekor kann sich wahrlich sehen lassen.