Es ist eine Flucht aus der Realität in eine picksüße perfekte Pensionistenwelt. Eine versuchte Flucht vor dem Unvermeidbaren, an das hier niemand denken möchte. Und auf gar keinen Fall erinnert wird. Denn selbst die Sirenen der Ambulanzen werden am Einlassschranken zum "Village" ausgeschaltet. "Sonst hört man sie hier ja ständig", meint sarkastisch eine Bewohnerin der Anlage in Zentralflorida, in den Kreisen Sumter County, Lake County und Marion County. Diese Pensionisten-Enklave darf man ab einem Alter von 55 Jahren bewohnen. Sofern man in Pension ist. Und wenn die nötigen finanziellen Mittel vorhanden sind, denn alles ist "etwas über dem Durchschnitt", heißt es.

Kinder gibt es keine, junge Menschen ebenfalls nicht - außer sie sind Teil der Angestelltenfamilien. Man will die Jugend auch gar nicht sehen: Sonst erinnere man sich ja, dass man selbst alt sei, so die Bewohnerin.

Ein "Village", zu Deutsch Dorf, ist es schon lange nicht mehr: Auf inzwischen 142 Quadratkilometer Fläche wohnen 150.000 Pensionisten. Ihnen stehen 54 Golfplätze, 70 Pools, 96 Freizeitzentren und - immerhin - 1 Spielplatz zur Verfügung. Einen Friedhof braucht man hier drinnen nicht.

Es gibt eine eigene Zeitung, einen TV-Sender und ein Radio, das 24 Stunden lang die Straßen beschallt. Kritisches oder Negatives gibt es nicht zu hören, man konzentriert sich auf Spaß - Spaß - Spaß. Den hat man beim Wasserballett, Bauchtanz, Golf und vielem mehr genauso wie bei der Wahlkampagne 2020 von Donald Trump, der von den großteils republikanisch orientierten Pensionisten mit vollem Einsatz unterstützt wurde. People of Color oder Personen, die Minderheiten angehören, findet man hier freilich nicht.

Nicht ohne Konsequenzen

Man hätte es sich nach jahrzehntelanger Arbeit verdient, den Lebensabend in vollen Zügen zu genießen, heißt es unisono bei den von Valerie Blankenbyl befragten Bewohnern. Die Wiener Dokumentarfilmerin porträtiert in "The Bubble" (deutsch: die Blase) nicht nur das gesteuerte Leben einer oberflächlichen wohlhabenden Pensionistengesellschaft, sondern zeigt auch die Konsequenzen für Natur, Umwelt und Anrainer außerhalb dieses stetig wachsenden Disneyland für Senioren.

Bill Pownall etwa, ist Anrainer und kämpft mit Protestschildern, die er am Straßenrand aufstellt, gegen die Ausbreitung von "Villages" und die Rodung der oft Jahrhunderte alten Bäume für repetitive Landschaftsarchitektur. Oder auch Mae Katherine Lee, die auf ihrem Grundstück bauen wollte, was aufgrund der Bebauungsdichte nicht genehmigt wurde. In den Villages ist dies aber sehr wohl möglich, meint sie. "Die haben Geld", lautete die Antwort des Zuständigen. Und sie haben auch ihre eigenen Regeln, wenn sie etwa auf öffentlichen Straßen Schranken errichten, um zu kontrollieren und nachzufragen, wer denn da durchfahren möchte. Blankenbyl zeigt eine ausgewogene dichte Doku, die in ihren Bildern oftmals die Absurditäten und die krassen Gegensätze betont. Nicht immer pathosfrei.