Die Frisuren sind nicht das Schickste an diesem Film, so viel lässt sich wohl unwidersprochen behaupten. Matt Damon mit Vokuhila und Ben Affleck mit blondem Prolo-Cut sind gewöhnungsbedürftig. Aber so sahen die Frisuren eben nicht nur in den 80er Jahren im zehnten Hieb aus, sondern auch schon im 14. Jahrhundert, und zwar überall dort, wo es Ritter gab.

Ridley Scott zeigt dies nun eindrucksvoll in seinem neuesten Schlachtenepos "The Last Duel", das zugleich auch eine Geschichte von Liebe und Vergewaltigung erzählt. Ein #MeToo-Stück aus dem Mittelalter sozusagen. Um Frisuren geht es hier also eigentlich gar nicht.

Der Ritter Jean de Carrouges (Matt Damon) fordert seinen besten Freund Jacques Le Gris (Adam Driver) zum Duell auf, bei dem Gott die Entscheidung treffen soll, wer gewinnt. Duelle, in unseren Breiten zuletzt üblich bis in die späte Donaumonarchie, waren damals eigentlich bereits aus der Mode, aber das Vergehen, das Carrouges Le Gris vorwirft, lässt sich auf dem normalen Rechtsweg nicht sühnen: Carrouges’ Frau Marguerite (Jodie Comer) bezichtigt Le Gris nämlich, sie vergewaltigt zu haben. Im Mittelalter war es gar nicht möglich, ein solches Vergehen an einer Frau vor ein Gericht zu bringen. Damals konnte man als Ehegatte eine Vergewaltigung bloß als Verletzung des Eigentums einklagen.

Wir sehen diese Episode zunächst aus der Sicht von Carrouges, wie er sich als Ritter in eine kriegerische Schlacht nach der anderen stürzt, nicht ahnend, wie es seiner Gemahlin daheim im Schloss ergeht. Nach einem Drittel des Films wechselt Scott die Perspektive, und man erhält die Draufsicht auf dieselbe Erzählung aus dem Blickwinkel der anderen Protagonisten. Eine Form, die nicht neu ist: Von Kurosawas "Rashomon" bis Tarantinos "Jackie Brown" ist diese Mehrfachperspektive bereits bestens erprobt. Aber wenn ein "Altmeister" wie der inzwischen 83-jährige Ridley Scott sie einsetzt, dann bringt das immer auch seine handwerkliche Perfektion und seine Finesse in Bezug auf die Vielschichtigkeit seiner Charaktere zum Strahlen. Auf diese Weise schafft "The Last Duel" zweierlei: Einerseits gehört der Film zu den großen, breitenwirksamen Eventfilmen, die Hollywood so berühmt gemacht haben, andererseits fügt Scott diesem spannenden Kino, das alles plattwalzt, auch noch eine niveauvolle Variation der sonst so eintönigen linearen Erzählweise Hollywoods hinzu. Scotts Kino ist effektgeladen, aber niemals plump, marktschreierisch, aber immer intelligent.

Eine wahre Geschichte aus Damons und Afflecks Feder

Das Mittelalter-Epos basiert auf einer wahren Geschichte, die man in Eric Jagers Buch "The Last Duel: A True Story of Trial by Combat in Medieval France" nachlesen kann. Darin tritt eben auch der erblondete Ben Affleck auf, der als Graf Pierre d’Alençon Le Gris wohlgesonnen ist, schließlich feiert man gerne gemeinsam wüste Orgien, bei denen das weibliche "Material" ziemlich harsch hergenommen wird. Was kümmert Leute wie d’Alençon und Le Gris da schon eine läppische Vergewaltigung? Zumal man das freundliche Lächeln von Marguerite als Mann durchaus hätte fehldeuten können. #MeToo, das wird hier schnell klar, ist so alt wie die Menschheit. Nur, dass man heute gottlob anders damit umgeht.

Matt Damon und Ben Affleck haben (gemeinsam mit Nicole Holofcener) das Drehbuch zu "The Last Duel" verfasst, das ist bemerkenswert, weil die beiden Schauspiel-Stars bereits 1997 das Script zu "Good Will Hunting" geschrieben hatten und bei der Oscar-Verleihung damals mit dem Drehbuch-Oscar ausgezeichnet wurden. Scotts Regie macht daraus einen ungemein spannenden Film, dem man in vielen Kategorien gute Oscar-Chancen attestieren kann. Die Frisuren sind da aber eher nicht dabei.