Überall wird geschraubt, gebohrt, montiert und geputzt. Das Gartenbaukino, seit Jahrzehnten das Aushängeschild der Wiener Filmkultur, ist von Grund auf renoviert worden, und das war bitter nötig: Seit Jahren schon waren Möbel und Dekor höchst abgenutzt und die Saaltechnik völlig veraltet. Dass nicht schon früher mit dringenden Arbeiten begonnen werden konnte, liegt vor allem am Denkmalschutz. Das Gartenbau ist unter Denkmalschutz gestellt worden, weil seine einzigartige Architektur dem Amt als schützenswert galt. Die Bestuhlung, der Linoleum-Boden, die architektonischen Ideen bei der Umsetzung des Foyers – all das ist nun wieder möglichst nahe an den Originalzustand zurückgeführt worden.

"Es ist ungemein viel Arbeit in diese Renovierung gesteckt worden, wir haben uns jeden Zentimeter im Haus ganz genau angesehen", erzählt Norman Shetler, der das Kino betreibt. "Es gab etliche Bereiche, die man eins zu eins in den Originalzustand zurückversetzen konnte. Dazu gehört etwa die Decke im Foyer, die eine spezielle Musterung hatte. Die gab es aber nicht mehr, wir hatten zunächst nur alte Fotos davon. Dann fanden wir in der hintersten Ecke im Lager ein Stück von dieser Musterung, anhand dessen wir das Muster nachgießen konnten", sagt Shetler. Die neue, alte Decke ziert nun wieder das Foyer. "

Ähnliche Geschichten gibt es über die nun angebrachte Beleuchtung im Foyer. Davon gab es nur mehr Schwarz-Weiß-Fotos, die keine Rückschlüsse auf die farbliche Gestaltung dieser Lampen zuließen. Doch dann gelang es uns, eine der Käuferinnen ausfindig zu machen, die seinerzeit eine ausrangierte Lampe erworben hatte. Mit diesem Muster stellten Leuchtenbauer in Handarbeit die neuen Lampen her."

Bitte nur original

Wozu diese akribische Akkuratesse? Das Bundesdenkmalamt schreibt vor, den Originalzustand möglichst genau herzustellen, bei der Renovierung des Gartenbaukinos gab es eine eigene Referentin, mit der jeder einzelne Renovierungsschritt abgestimmt wurde. "Der Boden im Garderobengang, der schon stark in Mitleidenschaft gezogen war, bestand aus Linoleum, das an sich strapazierfähig und günstig ist und in den 1960er Jahren gerne verwendet wurde", so Shetler. Der Boden wurde abgetragen und renoviert und hernach wieder aufgebracht. "Das Denkmalamt wollte die Renovierung statt der Neugestaltung, und der Boden sieht nun zwar benutzt aus, ist aber wieder ohne Schrammen. Außerdem hätte man die Patina und Farbgebung des Originals mit neuen Materialien nicht hinbekommen", sagt Shetler.

Auch im Kinosaal wurde ordentlich gewerkt: Die gesamte Bestuhlung durch neumodische Sessel zu ersetzen, stand nie zur Debatte. "Anfangs überlegten wird noch, die 736 Sitze umfassende Originalbestuhlung nachzubauen, aber das hätte jeden finanziellen Rahmen bei weitem gesprengt", so Shetler. "Schließlich haben wir uns dafür entschieden, die Sessel neu polstern und beziehen zu lassen, das war die günstigste und auch nachhaltigste Methode." Und zwar eine, die obendrein toll aussieht. In Kombination mit den 383 nun auf LED umgerüsteten Glühbirnen im Saal ergibt sich das Bild eines gediegenen Großsaalkinos, das auch Gemütlichkeit ausstrahlt.

Alles neu

Mehr als zwei Jahre lang wurde der Umbau aufwändig geplant und konzipiert, seit Mitte März sind die Projektoren im Kino finster und die Handwerker fielen ein. Kein Bereich des Kinos wurde ausgespart, vor allem hinter der Fassade wurde eifrig erneuert. "Es wurde buchstäblich jede Leitung neu verlegt, denn die Technik und die Kabel stammten teilweise noch aus dem Eröffnungsjahr 1960", erzählt Shetler. 680 Quadratmeter Blechkanäle der Lüftung wurden neu montiert und gereinigt, 18 Kilometer Kabel verlegt, 230 Leuchten montiert, 60 historische Leuchten restauriert und 150 Sicherheitsleuchten montiert. "Damit ist das Gartenbaukino auch sicherheitstechnisch auf dem neuesten Stand", freut sich Shetler.

Gut versteckt

Auch der charakteristische rote Vorhang vor der Leinwand wurde abgenommen und gewaschen, und zwar in Europas größter Waschmaschine (die sich tatsächlich in Wien befindet). Und im Foyer wurde die Bar, die zuletzt ein verkleinertes Relikt des Originals war, wieder in alte Dimensionen vergrößert. "In der Gestaltung haben wir hier auch auf ähnliche Farben und Materialien wie damals zurückgegriffen, jedoch sind die Anforderungen an eine Bar aus gastronomischer Sicht heute andere als 1960. Deshalb ist die neue Bar ein Stück größer und entspricht nicht ganz dem Original", so Shetler, für den es im Zuge der Renovierung durchaus auch den einen oder anderen Gänsehaut-Moment gegeben hat: "Auf der Galerie kam beim Abbruch einer Rigipswand plötzlich eine zweite Wand zum Vorschein, die gänzlich mit dem offensichtlich eigens dafür angefertigten Filmplakat zu ‚Spartacus‘ bezogen war", sagt Shetler. "Spartacus" eröffnete 1960 das Gartenbaukino, in Anwesenheit seines Stars Kirk Douglas.

Anlässlich der Eröffnung des Gartenbaukinos mit dem Film "Spartacus" reiste sogar Hauptdarsteller Kirk Douglas an. 
- © Votava / Imagno / picturedesk.com

Anlässlich der Eröffnung des Gartenbaukinos mit dem Film "Spartacus" reiste sogar Hauptdarsteller Kirk Douglas an.

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"Als ich dieses rote Plakat hervorblitzen sah, stockte mir der Atem", so Shetler. Das teilweise sehr stark verschmutzte Sujet ist nun nicht zur Gänze freigelegt, aber an einer gut erhaltenen Stelle hat man in der neuen Wand einen Guckkasten installiert, der den Blick darauf freigibt.

Erfolgreiches Crowdfunding

Für die Renovierung wurden insgesamt 3,3 Millionen Euro veranschlagt. Shetler: "Es gibt zwar noch keine Endabrechnung, aber wir sehen jetzt bereits, dass wir diesen Betrag merklich unterschreiten werden." Das hat auch damit zu tun, dass ein Teil des Budgets aus einer erfolgreichen Crowdfunding-Aktion lukriert werden konnte. Fast 2.000 Unterstützer spendeten rund 260.000 Euro. "Wir starteten das Crowdfunding mit der Absicht, das Budget für die Renovierung der Bestuhlung aufzustellen, und das ist sich am Ende ziemlich genau ausgegangen", sagt Shetler. Unter anderem konnten sich die Unterstützer mit ihren Spenden ein Stück der alten Gartenbau-Leinwand sichern, eine eigene Matinee buchen oder den eigenen Namen auf einen der Kinosessel gravieren lassen.
Jetzt erstrahlt das Kino in neuem, alten Glanz.

Wiens größter Kinosaal, in dem neben neuer Digitaltechnik auch noch 35mm-Prints und sogar 70mm-Kopien gespielt werden können (auf genau den Geräten, die seit 1960 dort ihren Dienst versehen), ist für die Viennale bestens gerüstet. Seit 1973 ist das Haus am Ring schon die erste Abspielstätte für die Viennale, und beim diesjährigen Auftakt zur Wiener Filmschau am 21. Oktober wird das Gartenbau erstmals seit der Eröffnung wieder genauso aussehen wie damals. Das Kino, es hat immer auch mit Nostalgie zu tun, mit einer Sehnsucht nach früher, mit Erinnerungen an die ersten eigenen Kinoerlebnisse. "Ich glaube, das Gartenbaukino kann diese Sehnsüchte nach der Renovierung wieder ausgezeichnet bedienen", sagt Norman Shetler. "Der Glanz der frühen Tage dieses wunderbaren Hauses ist nun zurück."