Benedetta, Paul Verhoeven

Paul Verhoevens Nonnen-Lesben-Sexfilm "Benedetta" hatte in Cannes Premiere. Nun ja, es ist kein echter Sexfilm, aber es gibt darin jede Menge Sex, Blut, Schlangenbisse und Jesus auf einem Schimmel, der mit dem Schwert die Schlangen vom Luxuskörper der nackten Nonne Benedetta (Virginie Efira) schlägt. Die träumt das freilich, aber wenn erst einmal die Saat im Kopf gesät ist, folgen bald Taten. Und weil ein dahergelaufenes, missbrauchtes Teenager-Mädel gerade recht kommt, um sich in sie zu verlieben und sich nach ihr zu verzehren, geht die Geschichte eben diesen Weg. Im Orden ist die Hölle los. Bald ist auch eine kleine, dildoförmige Marienstatue genau das: ein Dildo. Verhoeven hat auch mit 82 noch viel Lust an der Lust.

Bergman Island, Mia Hansen-Love

Mia Hansen-Love zeigt in "Bergman Island" zwei liierte Filmemacher (Tim Roth als Regisseur, Vicky Krieps als Drehbuchautorin), die Inspiration in Ingmar Bergmans einstiger Lebensumgebung suchen – und finden. Das alles mit viel Dialog und wachsender Beziehungs-Skepsis, vor der Naturkulisse von Farö, und mit einem Film-im-Film noch ganz chic dramaturgisch aufpoliert. Der Film erweist seinem großen Vorbild Bergman alle Ehre.

The Card Counter, Paul Schrader

Altmeister Paul Schrader wiederum ist mit "The Card Counter" ein faszinierend-spannender Thriller gelungen, in dem Oscar Isaac einen ehemaligen Soldaten spielt, der nunmehr als Spieler von Casino zu Casino zieht und dort zwischen Poker und Black Jack sein kalkuliertes Glück versucht. Zusammen mit einem jungen Compagnon will er die World Series of Poker in Las Vegas gewinnen. "The Card Counter" ist ein Höhepunkt in der inzwischen 13 Filme umfassenden Filmografie Schraders, der 1976 mit dem Drehbuch zu "Taxi Driver" bekannt wurde.

Große Freiheit, Sebastian Meise

"Große Freiheit" 
- © Viennale

"Große Freiheit"

- © Viennale

Hans Hoffmann (Rogowski) landet gleich nach dem KZ der Nazis, wo er wegen Homosexualität inhaftiert war, direkt weiter im Gefängnis, seine Befreiung ist keine. Im Knast freundet er sich mit seinem Zellennachbarn Viktor (Friedrich) an, beide gehen durch emotionale Wirren und werden einander hier noch öfter treffen, weil Hoffmann wieder und wieder verhaftet wird. Regisseur Sebastian Meises Drama wurde bei seiner Premiere in Cannes im Juli von den Kritikern umjubelt.

L’Evénement, Audrey Diwan

Audrey Diwans Gewinnerfilm des Goldenen Löwen von Venedig erzählt von einer Studentin in Frankreich, die in den 1960er Jahren ungewollt schwanger wird und an eine Abtreibung denkt; jedoch ist diese zur damaligen Zeit noch illegal – viele Frauen ließen daher geheim abtreiben und setzten damit die eigene Gesundheit aufs Spiel. Die Verfilmung des autobiografischen Bestsellers "Das Ereignis" von Annie Ernaux feierte seine Premiere kurz nachdem am 1. September in Texas die derzeit wohl schärfsten Abtreibungsgesetze der USA in Kraft getreten sind.

Petite Maman, Céline Sciamma

In "Petite Maman" unternimmt Regisseurin Céline Sciamma eine leise, dadurch umso anziehendere Rückschau auf die (eigene) Kindheit. Die achtjährige Nelly gerät nach dem Tod ihrer Großmutter in deren verlassenem Haus im Wald in eine Zeitschleife, die sie 25 Jahre in die Vergangenheit versetzt. Dort trifft sie auf ihre damals gleichaltrige Mutter Marion, der eine Operation bevorsteht; kurze Zeit bleibt den Mädchen, sich zaghaft anzunähern und das Baumhaus zu vollenden, das Marion begonnen hat.

The Power of the Dog, Jane Campion

"The Power of the Dog" mit Benedict Cumberbatch als Phil Burbank. 
- © Viennale

"The Power of the Dog" mit Benedict Cumberbatch als Phil Burbank.

- © Viennale

In Jane Campions "The Power of the Dog" gerät Kirsten Dunst zwischen zwei Brüder: Als alkoholkranke Witwe Rose ehelicht sie den Farmer George Burbank, dessen Bruder Phil (Benedict Cumberbatch) alles andere als einverstanden mit der Ehe ist. Phils Rebellion gegen die Ehefrau und seine Schikanen gegen deren Sohn bringen einen Bruderkrieg in Gang. Campion ("Das Piano") siedelt ihr starkes Drama im ländlichen Montana des Jahres 1925 an. Für den Film erhielt Campion in Venedig den Silbernen Löwen für die beste Regie.

Petite Solange, Axelle Ropert

Regisseurin Axelle Ropert folgt den Ereignissen rund um die Trennung eines Paares, dessen Tochter darunter massiv leidet. Solange kann und will sich nicht damit abfinden und wird völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Ihre Vorstellungen von Liebe, Emotionen und Zweisamkeit verändert dieses Ereignis auf lange Sicht erheblich. Der Film hatte seine Premiere im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden in Locarno.

Vortex , Gaspar Noé

Es gibt Stimmen, die vergleichen Gaspar Noés neuen Film "Vortex" mit Michael Hanekes Oscar-gekröntem Drama "Amour". Hier wie dort geht es um ein alterndes Paar, dem nicht mehr viel Lebenszeit bleibt, während der Tod langsam, aber unausweichlich näherkommt. Der 57-jährige Franko-Argentinier Gaspar Noé hat sich mit Filmen voller Sex, Drogen und Gewalt ("Irréversible", "Love", "Climax") einen Namen als Skandal-Garant des Arthaus-Kinos gemacht. Angesichts des archaischen Themas von Alter, Demenz und Tod agiert Noé allerdings viel zurückhaltender als von ihm gewohnt, und er begleitet die letzten Wege seiner Protagonisten mit melancholischer Sympathie.

Red Rocket, Sean Baker

In Sean Bakers schrillem Porno-Märchen "Red Rocket", will sich ein Ex-Pornostar mithilfe einer 17-jährigen Donutverkäuferin namens Strawberry zurück ins Business bringen. Freches Kino, das in Pop und Porno wildert, und seine Geschichte vom nach Texas heimkehrenden Pornostar aus L.A. mit viel Leidenschaft und ausgesprochen scharf gezeichneten Charakteren vorträgt. Überdies ist "Red Rocket" eines der treffendsten Amerika-Porträts seit vielen Jahren.

Spencer, Pablo Larrain

Lady Diana, oder besser: jene Version von Diana, die der Chilene Pablo Larrain in "Spencer" zeichnet, ist Ausdruck einer "Fabel über eine wahre Geschichte", wie Larrain im Vorspann anmerkt. Kein Biopic im klassischen Sinn, sondern ein Weihnachtsfest der Royals in den frühen 90er Jahren, bei dem Diana Spencer (Kristen Stewart) so gar nicht dem Protokoll entsprechen will, das man ihr aufgezwungen hat, im Gegenteil: Sie sucht jede Gelegenheit, aus der Enge des Palastlebens auszubrechen, dabei stellt man ihr sogar Personal zur Seite, das sie rund um die Uhr und sogar beim Toilettengang bewachen soll. Ein famoses Porträt einer gefangenen Frau.

Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song, Dayna Goldfine

Die US-Produzentin und Regisseurin hat sich für ihre Doku "Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song" tief in die Materie eingearbeitet, um den legendären, 2016 verstorbenen Sänger und Songwriter zu porträtieren. Herausgekommen ist ein einerseits intimes, andererseits allumfassendes Porträt des Künstlers. Sieben Jahre lang hat die Filmemacherin an "Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song" gearbeitet, auch, weil sich der Schnitt aufwändig gestaltete. Unzähliges Archivmaterial wurde gesichtet, und auch Cohens eigene Gedanken liegen als Voice Over über dem Film. Am Ende durchforstete Goldfine gut 100 Stunden Material und zusätzlich 70 Stunden an Audio-Aufnahmen, ehe es mit dem ganzen Konvolut in den Schneideraum ging. Cohen-Fans werden die Doku lieben.

Tout s’est bien passé, François Ozon

Regisseur Ozon betrachtet das ernste Thema Sterbehilfe mit einer Portion Humor, die er vor allem seinem Hauptdarsteller André Dussollier einimpft. Dessen Darstellung eines Familienvaters mit Hang zum Cholerischen ist viel Witz eingeschrieben, weil er nach einem schweren Schlaganfall mit zunehmender Hilflosigkeit sein Streben nach dem Sterben vorantreibt, da ihm, dem zeitlebens patriarchalisch agierenden Kunstsammler, nichts anderes mehr bleibt als der Galgenhumor. Eine Reise in die Schweiz soll’s richten, Tochter Sophie Marceau soll alles organisieren. Ob das gut geht?

Cow, Andrea Arnold

"Cow" 
- © Viennale

"Cow"

- © Viennale

In dem Dokumentarfilm "Cow" betrachtet Arnold das Leben von Kühen in allen Facetten: Von der Geburt bis zur Trennung von der Mutter hin zum Nutztier der modernen Landwirtschaft. "Ich hatte immer schon ein sehr spezielles Verhältnis zur Natur, schon als kleines Kind", sagt Andrea Arnold. "Ich habe die meiste Zeit im Freien verbracht, und neben unserem Haus war ein Feld, auf dem die Kühe grasten. Als Erwachsene hatte ich den Bezug dazu ein wenig verloren, weshalb ich über diesen Film dahin zurückfinden wollte."

France, Bruno Dumont

Der französische Film "France" ist, obwohl der Titel anderes vermuten ließe, kein Film über Frankreich. Autor/Regisseur Bruno Dumont realisierte eine Tragikomödie über eine erfolgreiche Fernsehjournalistin und Kriegsreporterin namens France de Meurs (gespielt von "Bond"-Star Léa Seydoux). Ihr Stern beginnt zu sinken, als sie in einen Verkehrsunfall mit einem Motorradfahrer verwickelt wird und anschließend noch weitere Schicksalsschläge ertragen muss. Die Alpha-Frau schrumpft zur Depressions-Patientin – bis sie den Entschluss trifft, ihr Leben auf ein neues Fundament zu stellen.