In Ridley Scotts neuem Ritter-Drama "The Last Duel" (derzeit im Kino) zeigt der britische Regisseur, was trotz seiner inzwischen 83 Lebensjahre in ihm steckt: Da reiten zwei Ritter aufeinander zu, hinter den Rüstungen die Weltstars Matt Damon und Adam Driver, da krachen die Lanzen ineinander, und da gehen Pferde zu Boden; alles in desaturierten, blaustichigen Farbtönen zu einer atemberaubenden Action-Sequenz verdichtet, der in diesem Film noch viele weitere folgen werden.

Erstaunlich, mit welch scheinbarer Leichtigkeit sich jemand wie Scott in die Schlachten des Mittelalters wirft. Die Schlachtszenen sind an brutalem Kampfesgeist kaum zu überbieten, da spritzt das Blut, da rollen die Köpfe. Scott, der am Set irgendwo in seinem Verschlag die Kameras kontrolliert, lässt solch komplexe und komplizierte Filmszenen ungemein einfach aussehen; als wäre dafür keine Dramaturgie nötig, kein Staging und keine sonstigen Vorbereitungen - bei Scott sieht es aus, als habe er das im Vorbeigehen inszeniert, Tempo ist (nicht nur in diesen Szenen) alles für den Regisseur. Denn Scott weiß: Endlos ist seine Zeit nicht mehr.

Ridley Scott (83) mag Glamour nicht so gern wie seine Frau Giannina Facio (65) hier auf dem roten Teppich in Venedig. - © Katharina Sartena
Ridley Scott (83) mag Glamour nicht so gern wie seine Frau Giannina Facio (65) hier auf dem roten Teppich in Venedig. - © Katharina Sartena

Zügiger Arbeitsstil

Deshalb ist Scott auch bekannt für seinen zügigen Arbeitsstil; zwei, drei Takes pro Szene müssen reichen, findet der Regisseur. "Schauspieler wollen nicht 20 Mal das Gleiche wiederholen", sagt er immer wieder. Das geht allerdings nur, wenn man den Herstellungsprozess eines Films im Schlaf beherrscht und ganz genau weiß, was man tut.

Scott hat Spontaneität und Wendigkeit immer wieder unter Beweis gestellt, zuletzt in dem Thriller "Alles Geld der Welt" (2017), in dem eigentlich Kevin Spacey den Milliardär John Paul Getty gespielt hat. Als Spaceys angebliche Vergehen im Rahmen der #MeToo-Affäre ans Licht kamen, entschied die Produktion kurzerhand, den Film auf Eis zu legen, denn er war bereits fertig geschnitten. Doch Scott bestand darauf, Spaceys Rolle herauszuschneiden und mit Christopher Plummer in der Rolle Gettys die nun fehlenden Szenen nachzudrehen. In nur 14 Tagen waren nicht nur die Nachdrehs erledigt, sondern war der gesamte Film auch neu geschnitten. "Ich gerate über solche Schwierigkeiten nicht in Schockstarre. Meine Herangehensweise an Probleme ist, sie zu lösen", sagt Scott.

Diese Episode zeigt, wie manisch Ridley Scott an diesem, seinem Oeuvre arbeitet, und das ohne Unterlass. "Für mich ist dieser Beruf kein Job", sagt Scott. "Es ist meine Leidenschaft." Und was man gerne macht, macht man gut, sagt man.

"Für mich ist es wirklich so: Ein Projekt ist fertig, und schon beginne ich das nächste", so Scott. Vielleicht ist es auch diese Einstellung, die den Altmeister so frisch hält. Rein optisch ginge er auch als 65-Jähriger durch, vom Temperament her wirkt er wie Mitte 40. Scott schüttelt seine Filme scheinbar mühelos aus dem Ärmel, und dabei sind diese Produktionen ja keineswegs "kleine" Filme. Im Gegenteil: Ein Film wie "The Last Duel" ist budgetär in Blockbuster-Gefilden unterwegs, allein schon wegen der prominenten Besetzung mit Damon, Driver und Ben Affleck. Und während der Film nun die Kinosäle füllt, ist Scotts nächster Filmstart schon in Griffweite: Bereits am 25. November läuft "House of Gucci" in den Kinos an, eine Geschichte, die sich um Patrizia Reggiani dreht; sie hat ihren Ex-Mann Maurizio Gucci, den Chef des gleichnamigen Modehauses, 1995 in Mailand ermorden lassen. Der Kriminalfilm ist noch eine Steigerung von "The Last Duel", was die mitwirkende Prominenz angeht: Lady Gaga spielt Reggiani, Adam Driver das baldige Mordopfer. Das Ganze umrundet von einem All-Star-Cast, bestehend aus Al Pacino, Jared Leto, Jeremy Irons und Salma Hayek. Die Familie Gucci hat bereits Protest gegen den Kinostart angemeldet, weil man fürchte, dass der Film das Privatleben von einigen Familienmitgliedern ausbeute, um Profit zu machen.

Bilder wie Gemälde

Schon Scotts erster Film "The Duellist" (1977) gewann den Nachwuchspreis in Cannes. Er ist thematisch mit "The Last Duel" verwandt, auch hier tritt man in Duellen gegeneinander an, allerdings im 19. Jahrhundert und mit Schusswaffen. Scotts Kino war von Anbeginn auf Schauwerte ausgelegt, denn schon hier zeigt sich sein Hang zur gemäldehaften Ausgestaltung der Bilder, durchaus von Vorbildern wie Wilson, Turner oder John Constable geleitet. Das bringt den Werken Scotts eine epische Komponente, die wie gemacht zu sein scheint für die große Leinwand. Scotts Debüt fällt genau in eine Zeit, in der in Hollywood die Blockbuster ein neues Interesse am Kino wecken: Spielbergs "Der weiße Hai" setzte dazu 1975 den Auftakt, George Lucas erledigte 1977 mit "Star Wars" den Rest. Scott kam zu dieser Entwicklung eher unschuldig hinzu. Es war ein Trend der Zeit, und im Rückblick sind diese ersten Blockbuster allesamt durch ihren Anspruch gekennzeichnet, Unterhaltung mit Niveau zu bieten, mit Vielschichtigkeit und Charaktertiefe. Die Figuren waren damals mindestens so wichtig wie die Effekte und die Schauwerte. Während sich das im Mainstream-Kino schnell zu Ungunsten von Figurenzeichnung und inhaltlicher Tiefe geändert hat, blieb Scott diesem Credo bis heute treu: Keiner seiner Filme ist unspektakulär, zugleich aber ist auch keiner seicht. Überall ist die Geschichte mindestens so faszinierend wie ihre Machart. Das kann nicht über viele Filmografien gesagt werden.

Und so legte Scott gleich nach seinem Debüt mit "Alien" (1979) und "Blade Runner" (1982) zwei der bekanntesten Filmklassiker jener Zeit nach, wieder scheinbar ebenso mühelos, wie er das bis heute tut. Auch "Thelma & Louise" (1991), "Gladiator" (2000) oder "Königreich der Himmel" (2005) sind solche Filme, die Action, Drama, Anspruch und Niveau scheinbar mühelos verbinden. Einziger Tiefpunkt in Scotts Karriere: "Black Hawk Down" (2001), der sich im Umfeld von 9/11 wie ein Propaganda-Stück für das US-Militär und dessen Interventionen lesen lässt. Ein ärgerlicher Film, aber gewohnt spannend.

Scotts Credo ist, sich Kunstwerke anzusehen, um sich davon inspirieren zu lassen. An der Kunstschule (er studierte Grafikdesign am Royal College of Art in London) lernte er das genaue Hinsehen. Recherche war danach für Scott keine mehr nötig. Auf die Frage, was er zu "Gladiator" über das Römische Reich recherchierte, antwortete er einmal: "Nichts. Ich sah einige Bilder und von da an war mir klar, wie der Film aussehen würde." Historisch akkurat zu sein, das passt nicht in den pfeilschnellen Workflow dieses Künstlers. In "The Last Duel" treten Matt Damon und Adam Driver gegeneinander mit halb geschlossenen Visieren an - Scott ließ sich das einfallen, damit der Zuschauer auch erkennt, wer gerade gegen wen kämpft. Dass das historisch gesehen Humbug ist, war dem Regisseur egal: "Bei mir im Film ist es eben so", sagt Scott.

"Gladiator 2" kommt

Indes ist der rüstige Sir schon wieder in ganz anderen Sphären unterwegs. Er plant nämlich gerade den Kinostart von "Gladiator 2". Den Film dazu muss er noch drehen, in 18 Monaten soll alles fertig sein. Aber bloß ein Projekt wäre Sir Ridley zu wenig. Also schiebt er kommenden Jänner den Dreh von "Kitbag" dazwischen: Es ist die Geschichte vom Aufstieg Napoleon Bonapartes, gespielt von Joaquin Phoenix. Und dann ist da noch ein Prequel zu den "Alien"-Filmen, das auch im nächsten Jahr produziert werden soll. Filmen als Lebenselixier: Auch das ist eine Möglichkeit, unsterblich zu sein.