Wie würde wohl die "Wiener Zeitung" aussehen, wäre sie ein Film? Einer, bei dem man gedankenverloren durch die Ressorts blättert und sich von wortgewaltigen Geschichte und Schlagzeilen hinfort tragen lässt, hinein ins Leseabenteuer? Einer, bei dem die Schöngeistigkeit dominiert, oder einer, bei dem das Ego der Autoren ganz ungeniert hindurchfunkelt? Wie auch immer, eines wäre dieser "Wiener Zeitung"-Film nicht: Langweilig.

Wes Anderson, ein Querkopf des Kinos, hat mit "The French Dispatch" nun genau eine solche Zeitung verfilmt. Das klingt schräg, und ist es auch. Ein Spektrum an Rubriken, Charakteren, Geschichten und Einblicke hinter die Kulissen eines sehr exaltierten Medienbetriebs ist das geworden, feierlich aus der Taufe gehoben beim Filmfestival von Cannes, denn nur dort ist der richtige Ort für eine Premiere wie diese: Dort ist das Französische an sich zuhause, die Lebensart, das Schwelgen in den Genüssen jedweder französischer Eigenart. Darum geht es nämlich hier: Das Französische zu sezieren, es zu feiern und zu enttarnen gleichermaßen. Und zwar mit einem All-Star-Cast, darunter Bill Murray, Tilda Swinton, Christoph Waltz, Benicio del Toro, Mathieu Amalric, Owen Wilson, Timothée Chalamet oder Léa Seydoux. Gemeinsam dekliniert dieses Ensemble die französische Lebensart durch und packt sie in die Hochglanz-Zeitschrift "The French Dispatch", das sieht sehr chic aus, und wahrscheinlich gab es noch kaum einen Film in der Filmgeschichte, der so detailverliebt und in maßloser Eleganz über sein Thema erzählte. Es ist wie ein Plädoyer für das gedruckte Magazin; der Film erhebt die Publizistik zu einer Kunstform, ist aber zugleich ihr schärfster und satirischster Kritiker.

Der aus Kansas stammende Arthur Howitzer Jr. ist Gründer und Chefredakteur von "The French Dispatch" mit Sitz in Ennui-sur-Blasé. In seinem Testament hat er verfügt, dass die Zeitschrift nach seinem Tod nicht mehr veröffentlicht werden soll. Howitzer ist ein Mann von Prinzipien, und sein ganzes Leben lang hat er versucht, ein talentiertes Team von herausragenden Journalisten zusammenzustellen, aber es gibt Probleme: Seine Mitarbeiter fühlen sich nicht unbedingt den journalistischen Tugenden verpflichtet und haben oft eine ganze eigene Auffassung von politischen Geschehen und der Gesellschaft. Für Howitzer sind es dennoch allesamt Edelfedern, und jedes Kapitel des Films stellt einen anderen Journalisten des "French Dispatch" bei der Arbeit vor.

Ein buntes Sammelsurium an skurrilen Figuren

Die Autoren haben natürlich so ihre Allüren, und die Geschichten, die sie schreiben, entführen mal in den Knast, wo ein bärtiger Mörder (del Toro) als Maler entdeckt wird, dessen moderne Kunst (er malt unkenntliche Akte von Léa Seydoux, die als gestrenge Gefängniswärterin auftritt und sehr oft nackt ist) plötzlich Millionen wert ist. Tilda Swinton gibt eine eitle Kunstrichterin, Owen Wilson den Fremdenführer, Frances McDormand eine linke Reporterin und Timothée Chalamet einen Studenten-Revoluzzer. Es ist ein buntes Sammelsurium an skurrilen Figuren, liebevoll arrangiert und gekonnt gegeneinander kontrastiert.

"The French Dispatch" ist Wes Andersons bisher intensivster, reichster und detailliertester Film-Kosmos, dem man die Leidenschaft dieses immer auch umstrittenen Filmemachers in jedem Filmkader ansieht. Und es ist eine Hommage an die gedruckte Zeitung, etwas, was man in Zeiten wie diesen wohl als einen Film bezeichnen kann, der gegen den Trend geht. Gut so.