Audrey Diwan wird mit ihrem Film "L’événement" heute, Donnerstag, die Viennale im Gartenbaukino eröffnen. Der Film beschreibt den Kampf einer jungen Frau im Frankreich der 1960er Jahre, über ihren eigenen Willen und Körper bestimmen zu können und eine Abtreibung durchzuführen. Zur damaligen Zeit war Abtreibung in Frankreich verboten, viele Frauen nahmen eine solche also illegal und unter gefährlichen Umständen auf sich. Die Verfilmung des autobiografischen Bestsellers "Das Ereignis" von Annie Ernaux feierte seine Premiere kurz nachdem am 1. September in Texas die derzeit wohl schärfsten Abtreibungsgesetze der USA in Kraft getreten sind. Eine weltweite Debatte um das Recht auf Abtreibung ist entbrannt, weil in vielen Ländern die Gesetze wieder verschärft werden. Die "Wiener Zeitung" traf die 41-jährige Französin mit libanesischen Wurzeln zum Gespräch.

"Wiener Zeitung": Frau Diwan, nachdem die Goldene Palme von Cannes in diesem Jahr an "Titane" von Julie Ducournau ging, sind Sie nun mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden. Ändert sich da gerade etwas in der Filmwelt?

Audrey Diwan gewann den Goldenen Löwen. - © Biennale di Venezia
Audrey Diwan gewann den Goldenen Löwen. - © Biennale di Venezia

Audrey Diwan: Es sieht ganz danach aus. Ich glaube, dass sich nicht nur die Filmindustrie gerade verändert, sondern auch ihr Blick auf Frauen. Aber man darf nicht vorschnell jubeln, denn man muss sich genau ansehen, was jetzt als nächstes passiert. Gibt es künftig mehr Frauen, die ihre Geschichten im Kino erzählen wollen? Wenn ja, unter welchen Voraussetzungen können sie das tun? Wie gehen Frau mit Geschlechter- und Genderfragen um, und wie finden sie ihr Publikum? Wir dürfen uns nicht zu früh freuen: Zu oft schon ist den Frauen suggeriert worden, dass ihnen die Türen offen stünden, nur um festzustellen, dass sie sich binnen kürzester Zeit wieder schlossen. Ich habe diese Erfahrung schon selbst gemacht, und ich werde nicht aufgeben, dafür zu kämpfen, dass sich die Situation auf lange Sicht bessert. Ich bin froh, dass sich etwas verändert, und dass ich dabei ein Teil sein darf.

In "L’événement" erzählen Sie in brutalen Bildern von einer illegalen Abtreibung. Wieso haben Sie dieses Thema gewählt?

Ich habe selbst einmal eine Abtreibung durchgeführt, aber ich hatte das Glück, in den 1980er Jahren geboren worden zu sein, denn so musste ich es nicht selbst mit der Stricknadel in der Küche machen. Meine Erfahrungen als Frau sind auch die Grundlage dafür, was ich künstlerisch zu sagen habe. Anne, die Figur im Film, ist verzweifelt: Etwas wächst in ihrem Körper und die Zeit wird immer knapper, eine Lösung für diese Situation zu finden. Das ist in diesem Moment eine schreckliche Realität für sie. Du bist ein Mädchen und weißt nicht, was mit deinem Körper passiert.

Ihr Film benutzt sehr drastische Bilder, um die Rohheit der Geschichte deutlich zu machen.

Als ich die Buchvorlage von Annie Ernaux gelesen hatte, wurde mir verdeutlicht, was eine heimliche Abtreibung alles für Probleme mit sich bringt. Ich wollte mich dem Thema allerdings nicht auf eine intellektuelle, distanzierte Art widmen, sondern es eher wie einen Trip, eine Erfahrung schildern. Ich wollte mit der Kamera nicht auf Anne blicken, sondern vielmehr wollte ich, dass man zu Anne wird, als Zuschauer unmittelbar miterleben kann, wie das Gefühl ist, das Anne durchlebt. Daher sind die Bilder entsprechend schockierend und drastisch. Es gibt im Film viele harte Momente, aber es gibt auch zärtliche Szenen, die von der Leidenschaft und vom Entdecken weiblicher Sexualität erzählen. Das war mir auch ganz wichtig. Die Nähe zum Leid ebenso. Wenn ich mit der Kamera zu distanziert bliebe, dann würde der Zuschauer in seiner intellektuellen Betrachtungsweise verharren. Platziere ich ihn aber im Zentrum der Ereignisse, wird seine intellektuelle Haltung von einer physischen Erfahrung verdrängt.

"L’événement" zeigt auch, wie junge Frauen sich in Frankreich vor der sexuellen Revolution von 1968 verhielten.

Mir ging es dabei um den Körper der Frau und um Intimität, als ich Annie Ernaux’ Buch las. Das Buch schockierte mich zunächst, weil es in seiner Direktheit viel vom Lebensgefühl dieser Frauen damals wiedergeben konnte. Diese Direktheit wollte ich auch in meinen Film übersetzen, daher gehe ich gerne nahe heran. Das Kino hat als Medium die Fähigkeit, uns in verschiedene Körper zu stecken und uns in diesen Figuren Geschichten erleben zu lassen.

Mit der jungen Französin Anamaria Vartolomei haben Sie eine bemerkenswerte Frau besetzt. Wie haben Sie zueinander gefunden?

Es gab eine Reihe talentierter Schauspielerinnen, die sich für den Part geeignet hätten, aber bei Anamaria war die Intensität am höchsten. Deshalb habe ich bei der Preisverleihung in Venedig auch gesagt, dass Anamaria nicht die Hauptdarstellerin dieses Films ist, sondern sie ist der Film selbst! Wir haben eine intensive Reise unternommen, um dorthin zu gelangen, was man nun auf der Leinwand sieht. Wir sprachen sehr viel über den Look des Films, als eine Referenz gab ich ihr "Rosetta" von den Dardenne-Brüdern. Die Körperlichkeit war für mich außerdem sehr wichtig, also wie man über den Körper Gefühle und Zustände ausdrücken kann. Am Set versuchte ich, das Umfeld von Anamaria möglichst sicher zu gestalten, sodass sie mir das Maximum geben konnte, ohne in Gefahr zu sein. Es gibt viele intime Szenen, und die wurden von mir besonders behutsam vorbereitet, um Anamaria auch immer eine Sicherheit zu geben.

Rund um die Weltpremiere des Films in Venedig wurde bekannt, dass man in Texas einen gewaltigen Schritt zurück macht zu sehr scharfen Abtreibungsgesetzen.

Als wir mit dem Film begannen, hätte ich mir niemals gedacht, dass das US-Höchstgericht akzeptiert, was in Texas passiert ist. Leider ist es an vielen Orten der Welt die traurige Realität, dass Frauen nicht selbst entscheiden können, ob sie ihr Kind behalten oder nicht. Es ist in vielen Ländern immer noch ein Tabuthema. Wir werden uns dafür einsetzen, den Film gerade in solchen Gegenden zu zeigen, in denen Abtreibung problematisch ist. Ich wollte keinen historischen Film drehen, in dem die 1960er Jahre weit weg sind und man heute diese Probleme Gott sei Dank nicht mehr hat. Es gibt genügend Gegenden, die sehr konservativ mit Abtreibung umgehen, etwa Polen, der Libanon oder eben auch Texas. Es ist immer noch ein harter Kampf für viele Frauen auf der Welt, in Selbstbestimmung zu leben.

Kann Ihr Film dazu beitragen, diesen Kampf zu gewinnen?

Ich weiß es nicht. Mir selbst war es wichtig, die Geschichte von Anne zu erzählen und in den Zuschauern etwas auszulösen. Je mehr Menschen den Film sehen, desto mehr Diskussionen über Abtreibung werden stattfinden. Diskurs ist etwas sehr Positives, er macht auch meine Arbeit als Künstlerin wertvoller. Unter dieser Annahme glaube ich schon, dass man mit einem Film etwas bewegen kann.