Er ist der vielleicht populärste aller österreichischen Skirennläufer: Franz Klammer wird in dem Film "Klammer - Chasing the Line" (ab kommendem Freitag in den Kinos) ein filmisches Denkmal gesetzt, das die Kärntner Skilegende in der wohl wichtigsten Woche seiner Karriere begleitet: Als Klammer 1976 in Innsbruck zu Olympia-Gold fuhr. Regisseur Andreas Schmied hat Julian Waldner als Franz Klammer besetzt. Mit ihm ist man hautnah dabei, wie sich Klammer auf das Rennen seines Lebens vorbereitete, wie seine spätere Frau Eva ihm mentale Stütze war und wie er sich waghalsig in das Rennen stürzte.

"Wiener Zeitung": Wenn sie heute zurückschauen auf dieses Olympia-Rennen von 1976, welche Emotionen gehen ihnen durch den Kopf?

Franz Klammer: Wenn ich in Innsbruck vorbeifahre, dann schaue ich natürlich auf den Berg und stelle fest: Es war für mich schon ein Schicksalsberg. Im positivsten Sinne nämlich, dass sich das Leben in so eine gute Richtung gedreht hat. Wobei, es war vorher auch gut. Als junger Mensch bekam ich die Gelegenheit, diesen Sport zu betreiben, ich kam in der Welt herum, ich war erfolgreich. Der Berg und das Rennen, beides weckt Emotionen in mir, aber es ist nicht so, dass ich jeden Tag mit diesen Emotionen zu Bett gehe.

Es gehört viel Ehrgeiz dazu, sich soweit rauf zu kämpfen als Sportler. Was war Ihre Motivation damals?

Für mich war die Freude am Skifahren der Hauptgrund, und dabei in erster Linie das Rennfahren, weil es mir so viel Spaß gemacht hat. Im Starthaus drinnen zu stehen, einfach loszufahren, ans Limit zu gehen und auch schneller zu fahren als die anderen, das war mein Anreiz. Es ist aber auch wichtig, zu wissen, wo dein Limit ist. Und nicht hirnrissig irgendwas zu riskieren und dann zu stürzen. Die Aufgabe war immer, die Balance zwischen Risiko und einer schnellen Abfahrt zu finden - dabei passieren immer wieder Fehler. Wichtig ist, dass einen die Fehler nicht aus dem Konzept bringen. Ich habe eigentlich die Gabe gehabt, meine Fehler oftmals in eine schnelle Zeit umzusetzen.

Die Abfahrer von heute sind noch viel "optimierter" unterwegs als Sie damals, haben mehr Messungen, Kameras, Techniker. Ist das noch der Skisport, den Sie kannten?

Nein, es ist ein anderer Sport. Damals hatten wir zwei Bretteln unter den Füßen, Skischuhe und Bindung, und sind dann von oben bis unten ins Ziel gefahren. Heute ist das Material anders, und auch die Pisten sind anders. Das Training sowieso, es sind andere Athleten. Alles ist glatter geworden. Damals gab es Passagen auf der Strecke, wo ich wirklich Zeit holen konnte. Heutzutage, so wie man die Pisten präpariert, wäre es sicher nicht möglich, dass ich von der Zwischenzeit bis zum Ziel fünf Zehntel auf Bernhard Russi aufhole. Das ging damals. Aber durch den Kunstschnee sind alle natürlichen Bodenwellen weg, es ist insgesamt schneller geworden und deshalb ist es heute wahrscheinlich schwieriger als damals, ein Rennen zu gewinnen.

Würden Sie dann sagen, der Sport ist anspruchsvoller geworden?

Bei mir war’s so: Ich wusste, beim Springen bin ich nicht ganz so gut, und auch nicht beim Gleiten. Aber jetzt habe ich drei Kurven, wo ich die Zeit aufholen kann. Und wenn ich in der heutigen Abfahrerszene nur drei Kurven als Konzept für eine Abfahrt habe, bin ich sicher nicht vorne dabei. Dazu gehört heute mehr.

Sind Sie zufrieden mit "Klammer - Chasing the Line"?

Das ganze Thema ist sehr gut getroffen, auch, was den Titel angeht: Dass ich auf der Piste immer versucht habe, die ideale Linie zu finden, und diese auch immer wieder aufs Neue suchen musste, oft auch verfehlt habe, aber immer irgendwie um sie herum mit viel Tempo von Zwischenzeit zu Zwischenzeit gefahren bin. Das bringt der Film sehr gut rüber.

Julian Waldner, als junger Franz Klammer gut besetzt. - © Constantin
Julian Waldner, als junger Franz Klammer gut besetzt. - © Constantin

Wie war der Moment vor dieser Olympia-Abfahrt, als sie erst als 15. an den Start gingen? Sind das quälende Minuten des Wartens? Der Film legt das zumindest nahe.

Ja, schon, aber du darfst in dieser Situation keine Angst vor der Niederlage haben. Das ist eigentlich das Wesentlichste. Wenn du Angst hast, dass da irgendwas passieren kann, dann riskierst du nicht das letzte Hemd. Was aber in so einem Fall absolut notwendig ist. Ich habe immer Respekt gehabt vor der Piste. Ich habe gewusst, ich kann das. Ich kann schneller sein als die anderen. Ich brauchte keine Angst zu haben, denn ich war technisch und mental sehr gut vorbereitet.

Welchen Stellenwert hat die mentale Stärke?

Damals dachte ich, man braucht als Abfahrtsläufer 60 Prozent Ski-Talent und 40 Prozent Nerven. Heute weiß ich: Es sind zehn Prozent Können und 90 Prozent Psyche. Gewinnen kannst du nur mit dem Kopf.

Der Film betont stark die Rolle Ihrer Frau Eva. Inwieweit war Sie Teil der mentalen Unterstützung?

Ich würde sagen, ihr Zutun war extrem wichtig, weil wir ja wirklich jeden Tag telefoniert haben, und das war der einzige Moment, wo ich abschalten konnte und mir nicht bewusst war, dass ich bei Olympia bin. Ich habe versucht, mir einzureden, dass es ein ganz normales Rennen sein würde, aber das war es natürlich nicht.

Im Film sieht man, wie schon damals ein regelrechter Personenkult um die Skiläufer geherrscht hat. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ziemlich entspannt. Es ist toll, wenn man durch den Olympiasieg in der Welt herumkommt und interessante Menschen kennenlernt. Ich machte da gern mit, und wenn es mir zu viel wurde, zog ich mich wieder zurück. Das ist bis heute so: Dann bleibe ich daheim und gehe nicht hinaus.

Es gab bereits mehrere Anläufe, einen Film über Ihr Leben zu drehen, aber Sie haben stets abgelehnt. Warum ist es bei diesem Film nun anders gekommen?

Weil es kein Bio-Pic im klassischen Sinne ist, in dem in zwei Stunden die ganze Karriere abgearbeitet wird. Hier konzentriert sich der Film auf diese eine Olympia-Woche, und mir gefiel diese Idee. Das Drehbuch war sehr gut geschrieben und ich konnte durch lange Gespräche mit den Filmemachern noch viele Details hinzufügen, die mir auch wichtig waren.

Der Film zeigt das amikale Verhältnis der Sportler zur Presse. Das ist heute anders.

Früher waren die Journalisten tatsächlich Teil des gesamten Teams. Wir sind zusammen Abendessen gegangen, der Umgang war sehr unkompliziert und locker, aber immer mit Respekt. Man konnte sich auch kurzfristig treffen und Fragen stellen, sozusagen im Vorbeigehen. Das wäre heute undenkbar. Der ÖSV hat drei Pressesprecher und jeder Läufer auch noch einen. Und auf Social Media müssen sie dauernd etwas posten, um bei den Fans im Gespräch zu bleiben.

Im Film gibt es einen Streit zwischen Ihnen und dem Ski-Hersteller Fischer, mit dessen Skiern Sie Olympia-Gold gewonnen haben. Wäre es nach Fischer gegangen, hätten Sie allerdings einen neuartigen Ski mit Löchern vorne fahren sollen. Das haben Sie verweigert.

Ja, schon damals wurde viel Zeit und Geld in das richtige Material investiert. Jede Firma wollte die anderen übertrumpfen. Jeder Läufer hatte seinen eigenen Ski, der zu seinem Stil passte. Da musste alles stimmen, bis zum richtigen Wachs, je nach Schneebeschaffenheit. Das ist ähnlich wie die Wahl der Reifen in der Formel 1.

Sie waren bis 1985 als Rennläufer aktiv. Wie war der Tag, an dem Sie aufgehört haben?

Ich bin in der Früh aufgestanden und habe da noch nicht gewusst, dass ich aufhören werde. Wirklich. Dann habe ich mich vorbereitet auf einen ganz normalen Rennstart, und dann schaue ich um mich und denke plötzlich: Was machst du überhaupt noch da? Das ist nimmer der richtige Platz für dich. Dann bin ich runtergefahren ins Ziel und habe die Ski für immer abgeschnallt.

Da waren Sie 32. Eigentlich ein frühes Karriereende?

Damals nicht, da war es schon das Rentenalter für Abfahrer. Heute ist das anders. Man hat den Eindruck, die Läufer sind mit 35 erst auf dem Höhepunkt.

Und heute?

Ich fahre immer noch Ski, es macht großen Spaß, aber ich fahre nicht allein, sondern mit der Familie und Freunden. Ich mag auch das Drumherum sehr gerne, wir unterhalten uns gut, führen Schmäh am Lift und gehen gerne Après Ski, aber das ist im Moment ein bisschen schwierig.

Eine lebenslange Leidenschaft

Ja! Als ich aufgehört habe, wollte ich die ersten drei, vier Jahre gar nichts von dem Sport wissen. Ich glaube, das geht jedem so, der sehr lange sehr intensiv so etwas gemacht hat. Aber die Lust am Skifahren ist zurückgekommen und bis heute ungebrochen.