Empfangen hat ihn Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi mit offenen Armen und herzlichem Strahlen: Terence Davies, britischer Autorenfilmer und treuer Stammgast der Viennale, ist in diesem Jahr nach Wien gekommen, um einer umfassenden Retrospektive seines Werks beizuwohnen. Der 1945 in eine streng katholische Familie aus Liverpool geborene Davies hat dazu auch ein Geschenk mitgebracht: Er hat den diesjährigen Viennale-Trailer "But Why?" gestaltet, ein kurzes Statement, das sich gut in seinem Werk verorten lässt. Ein Mann steigt die Treppen eines Einfamilienhauses empor, dann geht er aus dem Bild, die Kamera verharrt auf alten Tapeten und Einrichtungsgegenständen, an die man sich gewöhnt hat, ohne sie schön zu finden. Gedanken aus dem Off über die mütterliche Liebe aus Kindertagen und früheren Zeiten untermalen diese Bilder, ehe der Mann, der zuvor emporstieg, in deutlich höherem Lebensalter wieder hinabsteigt.

Eine Szene, die ein bisschen auch die Essenz dieses Regisseurs widerspiegelt, der sich in seinem schmalen Werk stets mit Außenseitertum, mit Enttäuschungen und Individualität, aber auch mit dem Umstand beschäftigt hat, dass es am Ende um das Wiederaufstehen und das Weitermachen geht. Die Viennale zeigt sämtliche Werke Davies‘, beginnend mit dessen "The Terence Davies Trilogy" (1976 bis 1983) über seine Literaturverfilmungen "The Deep Blue Sea" (2011) und "Sunset Song" (2015) bis hin zu seinem neuesten Film "Benediction", dem er auch den Hauptdarsteller für den Viennale-Trailer entlehnt hat.

Amos Vogel und der Film
als subversive Kunst

Eine andere Persönlichkeit wird im Rahmen der Viennale-Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum gewürdigt: Amos Vogel (1921 bis 2012) zählte zu den einflussreichsten Filmkuratoren der Welt. Nach seiner Flucht vor den Nazis im Jahr 1938 fand er in New York seine Wahlheimat. Dort gründete Vogel den legendären Filmklub Cinema 16 (1947 bis 1963), später wurde er auch Mitbegründer des "New York Film Festival" (1963 bis 1968). Mit seinem Buch "Film as a Subversive Art" (1974), das Generationen von Cinephilen und Kuratoren beeinflusste, untermauerte er sein Verständnis von Kino als eine Form des ästhetischen, sozialen und politischen Aktivismus. Von Vogel inspiriert, sind nun im Österreichischen Filmmuseum in der Albertina etliche Filme zu sehen, die dem Geist des Kurators verpflichtet scheinen. Die Schau läuft bis 25. November, "feiert Vogels 100. Geburtstag und stellt zugleich kuratorische Verantwortung und Privilegien zur Diskussion. Wir haben bewusst sechs geschätzte Kollegen aus aller Welt eingeladen, Programme zusammenzustellen, die aus gegenwärtigen oder rezenten Filmen bestehen", so Filmmuseums-Direktor Michael Loebenstein. "Die eine Vorgabe war, dass nur Werke infrage kommen, die nach der Publikation von ‚Film as a Subversive Art‘ entstanden sind. Die andere, dass sich alle Programme mit der Frage auseinandersetzen, was ‚Film‘, ‚subversiv‘ und ‚Kunst‘ heute heißen kann. Die Ergebnisse haben uns überrascht".