Es ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Geburtsprozess von Kreativität, die Regisseurin Mia Hansen-Løve in "Bergman Island" (derzeit im Kino) unternimmt. Ein filmemachendes Paar (Vicky Krieps und Tim Roth) sucht auf der schwedischen Insel Fårö nach Inspiration für seine jeweiligen Projekte; der Wohn- und Wirk-Ort von Ingmar Bergman soll diesbezüglich gar magische Kräfte haben, wenn man als Kreativer einmal nicht mehr weiter weiß. Tatsächlich mieten sich viele Künstler in Bergmans ehemaligen Arbeitsstätten ein, um dort in aller Ruhe zu sich und ihrer Kunst zu finden. Auch Hansen-Løve war schon dort, wie sie im Interview erzählt.

"Wiener Zeitung": Die Konstellation, von der Sie in "Bergman Island" erzählen, zeigt eine Frau, die ihre kreative Verwirklichung im Schatten ihres Mannes sucht. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Mia Hansen-Løve: Es klingt bestimmt verrückt, aber ich selbst war auf der Insel Fårö, um genau diesen Film zu schreiben. Er ist sozusagen an Bergmans einstiger Lebensumgebung entstanden, die Umgebung hat mich ungemein inspiriert. Es ist immer so, dass mich die Drehorte meiner Filme sehr beeinflussen, sie sind sozusagen der Motor meiner Geschichten.

Mia Hansen-Løve. - © K. Sartena
Mia Hansen-Løve. - © K. Sartena

Das Paar im Film hat ein gemeinsames Kind, die Beziehung ist nicht von Romantik geprägt, es ist eher eine Arbeitsbeziehung.

Darin liegt der Grundkonflikt dieser Beziehung: Beide sind Filmemacher, aber im Unterschied zum Mann kann die Frau hier nicht so ungestört ihrer Karriere nachgehen. Ich habe den Eindruck, dass die Väter es leichter haben, ihre Kinder bei den Müttern zu lassen, um sich ungestört ihrer Arbeit widmen zu können. Die beiden haben eine starke Bindung zueinander, aber es gibt da eben ein Ungleichgewicht in ihrer Partnerschaft, unter dem vor allem die Frau leidet. Hinzu kommt: Ihre Leidenschaft ist ihnen abhandengekommen, und diese Spannungen machen sie im Grunde sehr einsam.

Sie selbst waren mit dem Regisseur Olivier Assayas zusammen, mit dem Sie ein gemeinsames Kind haben. Wie autobiografisch ist "Bergman Island"?

Alle meine Filme sind ein wenig autobiografisch, weil ich der Meinung bin, dass ich nur glaubhaft über Themen erzählen kann, die ich in irgendeiner Weise auch selbst kenne oder wo ich eine Ahnung vom Milieu habe, in dem die Geschichte spielt. "Bergman Island" ist insofern autobiografisch, als es tatsächlich vom Thema her in meiner engsten Lebensrealität verortet ist. Olivier und ich waren allerdings niemals gemeinsam auf Fårö, also die meisten Dinge im Film sind reine Fiktion. Aber es ist ein Grundgefühl, das sehr persönlich ist und sich durch diesen Film zieht. Und darum geht es mir wirklich: Wie kann man sich als Frau so weit emanzipieren, um als Künstlerin keine Kompromisse eingehen zu müssen? Und dabei stets die Frage im Hinterkopf zu haben: Wie lässt sich diese Kompromisslosigkeit damit vereinen, sich auch um sein Kind zu kümmern?

Der Film verhandelt auch die Beziehung zu Bergmans Schaffen, er steckt voller Referenzen und Anspielungen auf dessen Werk.

Ich wollte begreifbar machen, wie Bergman hier schöpferisch tätig war. Es gibt in Fårö auch dieses Gebäude, in dem immer wieder Künstler wohnen, um Inspiration zu finden. Dort steht das originale Ehebett aus Bergmans "Szenen einer Ehe", also jenem Film, der einst Millionen Scheidungen nach sich zog. Das wird im Film auch thematisiert, und ich muss gestehen, als ich selbst vor Ort an "Bergman Island" gearbeitet hatte, hat mir das ganz schön Angst gemacht.

Inwiefern?

Weil es ein unheimliches Gefühl war, einerseits am Ort dieses Meisters des Kinos zu arbeiten, andererseits die Anwesenheit von Filmgeschichte so nahe zu spüren. Das hat mich zeitweise regelrecht eingeschüchtert, war auch bedrückend und schwer.

Sind Sie ein ängstlicher Mensch?

Ich würde sagen, eher ein unsicherer. Wie Vicky Krieps im Film habe auch ich oftmals starke Selbstzweifel und bin zugleich wahnsinnig beeindruckt, mit welcher scheinbaren Sicherheit und Leichtigkeit Bergman sein Werk vorgelegt hat. Inzwischen ist meine eigene Unsicherheit einem Selbstvertrauen gewichen, das sich aus dieser Unsicherheit speist. Ich benutze sie, um sie in Stärke umzuwandeln.

Wie ist Ihnen das im vorliegenden Fall gelungen, bei so einem überlebensgroßen Vorbild wie Ingmar Bergman?

Der Film hat sich mir quasi aufgedrängt. Es gab das Leiden, das ich mit dem Schreibprozess verbinde, diesmal gar nicht. Ich hatte das Gefühl, dass sich Türen öffneten, die bis dahin verschlossen geblieben waren, und es war die Insel Fårö, die dies ermöglichte. Zum ersten Mal fühlte ich mich frei, mich spielerisch zwischen verschiedenen Dimensionen zu bewegen, Vergangenheit, Gegenwart, Realität in der Fiktion oder Fiktion in der Realität. Diese Konstruktion ergibt sich aus dem Thema, das ich als zwei Fragen zusammenfassen könnte, die zusammenkommen: die des Paares und die der Inspiration. Woher kommt die Fiktion, wie findet sie den Weg auf die Seite eines Drehbuchs? Ich wollte schon lange einen Film zu diesem Thema machen, ich hatte nur keine Idee, in welcher Form ich das tun sollte. Auf Fårö habe ich diese Form gefunden und mir damit einen Traum erfüllt.