Das muss man dem Marvel-Studio lassen: Die Blockbuster-Fabrik beweist mit dem neuen Film "Eternals" viel Courage. Nach dem Milliarden-Geschäft mit den "Avengers" versucht Marvel-Mastermind Kevin Feige nicht, am alten Erfolgsrezept - gigantische Action zwecks Rettung der Welt - festzuhalten. Er probiert etwas Neues. Gewiss, die Menschheit ist noch immer bedroht, und atemlose, atemraubende Action gibt es auch hier. Aber im Kern ist "Eternals" ein sensibles Drama voll Melancholie, das von der Arthaus-Regisseurin Chloé Zhao (Oscar für "Nomadland") feinfühlig in Szene gesetzt wurde.

Ganz ohne Superlative geht es bei Marvel freilich nicht: Der 157-Minuten-Film umspannt den rekordverdächtigen Zeitraum von 7.000 Jahren. Die Erzählung beginnt 5.000 Jahre vor Christi Geburt. Da werden die Eternals auf die Erde geschickt; zehn fast göttergleiche, unsterbliche Wesen. Ausgestattet mit den Kräften von Superhelden, sollen sie die Menschen vor den Deviants beschützen, monströsen Gestalten mit ausgesprochen mörderischem Charakter.

Leider sind die Eternals gemäß ihrem Einsatzbefehl nicht zuständig, wenn Menschen einander gegenseitig an die Gurgel gehen. So werden sie zu stummen Beobachtern menschengemachter Katastrophen von Babylon bis Hiroshima. Was ihre Sympathien für die Erdlinge nicht wirklich vergrößert. Doch als in unserer Gegenwart neue Attacken der Deviants einsetzen, da stehen sie zur Rettung der Welt wieder parat. Auch wenn bei ihren Vorgesetzten, den Celestials, überlegt wird, den seltsamen Planeten Erde einfach seinem Schicksal zu überlassen.

Diese ausufernde Story fürs verwöhnte Marvel-Kinopublikum auf die große Leinwand zu heben, ist kein leichtes Unterfangen. Bei aller optischen Brillanz des Films knirscht es öfters im Gebälk.

Die Probleme beginnen damit, dass die Lieblinge der Marvel-Fans fehlen. Von Iron Man über die Black Widow bis zu Captain America: Alle nicht da. Stattdessen wird man mit zehn neuen Helden konfrontiert, von denen obendrein nur zwei als Topstars gelten dürfen. Salma Hayek und Angelina Jolie spielen die Eternals-Damen Ajak und Thena, haben in ihren Rollen aber erstaunlich wenig zu tun. Bedeutend stärker gefordert sind Richard Madden (Ikaris) und Gemma Chan (Sersi), die die Handlung immer wieder vorantreiben - mal mit Worten, mal mit der Waffe.

Premiere: Gehörlose und schwule Superhelden

Generell achtet der Film, was die Eternals-Figuren und ihre Darsteller betrifft, mehr auf gesellschaftliche Diversität als auf große Namen. So begegnet man der ersten gehörlosen Superheldin (Lauren Ridloff als Makkari) und dem ersten schwulen Superhelden (Bryan Tyree Henry als Phastos), der mit Mann und Kind ein friedliches Familienleben führt, wenn er nicht gerade zum Einsatz gerufen wird. Die Deviants wiederum sind zwar eindrucksvolle Kampfmaschinen aus dem Trick-Computer, aber was ihnen im Kopf herumgeistert, erfährt man kaum. Anders als bei den "Avengers"-Filmen gibt es hier - ein schweres Manko - keine starke Schurkenfigur.

Auch daran zeigt sich, dass Regisseurin (und Co-Autorin) Chloé Zhao keinen konventionellen Superhelden-Film im Sinn hatte. Zwar macht sie die Kinoleinwand immer wieder zum explosiven Ort, doch dann schwenkt sie um zu Themen, die man in einem Superhelden-Blockbuster nicht unbedingt erwarten würde: Liebe, Verantwortung, Menschlichkeit. Ein interessantes Experiment. Ob der sanfte Stil bei hartgesottenen Marvel-Fans ankommt, wird sich rasch zeigen.