Vielleicht hat es mit der Titan-Platte zu tun, die seit Kindheitstagen im Kopf von Alexia (Agathe Rousselle) sitzt, dass die junge Frau ein solch abseitiges Leben führt, wie "Titane" von Julia Ducournau es beschreibt. Dieses Alexia hat als Kind einen fatalen Autounfall überlebt und führt heute mit viel Grausamkeit einen Feldzug gegen..., nun ja, wogegen eigentlich?

"Titane" hat im Juli die Goldene Palme in Cannes gewonnen und ist weder bloß spekulatives Splattermovie noch Horrorschocker, weder die Geschichte eines armen Hascherls noch die Rache an der (weißen) Männlichkeit; dieser Film ist all das zugleich, und er ist noch mehr: Er besitzt die Eigenschaft, von einer Frau inszeniert worden zu sein, einer Frau! Die Männerdomäne ist enerviert und erregt zugleich: Darf Julia Ducournau das als Frau tatsächlich so inszenieren, wie sie es tat? Ist das noch anständig? Ist das legitim?

Um die Aufregung zu verstehen, muss man sich den Plot ein wenig genauer ansehen: Die Heldin Alexia hat männliche Fans, weil sie als Table-Tänzerin arbeitet. Als ihr ein Bewunderer nach der Show nachsteigt, sticht Alexia ihm mit kaltblütiger Gleichgültigkeit ihre lange Haarnadel durch das Ohr ins Gehirn. Schaum vorm Mund, und aus. Der Mann ist tot.

Die Haarnadel, sie wird zum wichtigsten Tötungsinstrument dieser Anti-Heldin, die fortan immer mehr und immer öfter morden wird; Ducournau kombiniert das mit viel roher Nacktheit und Erotik; Alexia reißt mit dem Mund am Brust-Piercing ihrer nächsten Gespielin, und das tut weh, aber es ist erst der Auftakt zu einer mörderischen Höllenqual. Später besteigt Alexia einen Cadillac und hat mit diesem Auto Sex; der Bolide hüpft auf und ab wie ein Jumpcar in einem billigen Rapvideo aus den 90ern. Sie wird von dem Auto schwanger, hat Motoröl als Ausfluss, und das mit der selbst versuchten Abtreibung (die Haarnadel!) klappt nicht. Inzwischen wird Alexia auch per Steckbrief gesucht. Sie bricht sich die Nase am Klo-Waschtisch, um ihr Äußeres zu verändern, und bindet sich Brust und Schwangerschaftsbauch mit starken Mullbinden ab, um als Typ durchzugehen. Als solcher ist sie einem Vater (Vincent Lindon) der lange verloren geglaubte Sohn, der einst entführt wurde. Ideal zum Abtauchen.

Über die Stränge schlagen

Würden Regisseure wie Paul Verhoeven oder Quentin Tarantino solch einen Film machen, man würde sie im besten Fall belächeln, vermutlich aber aus dem Kino jagen; denn diese weißen, alten Männer tragen auch das Gen in sich, quer durch blutrünstige Genres zu springen, aber sie haben (wenn überhaupt) andere Botschaften. Julia Ducournaus "Titane" ist hinter dem Gewaltexzess ein im Grunde sehr einfühlsames Drama über die Frage, was man bereit ist, für sein eigenes Trugbild zu opfern. Über die geschundenen Körper, die Brutalität schlägt Ducournau punktgenau weit über die Stränge, die von ihr gezeigte Sexualität verliert jeden Reiz, sie wird geschlechtslos und überschreitet jede denkbare Grenze. Sie ist die Illustration für das eigentliche Thema: Das Gebären von Leben und der Akt der Geburt - ein Feld, das Männer so gar nicht beurteilen können und niemals werden beurteilen können. "Titane" ist ein Befreiungsschlag, weil man(n) Frauen solche Filme früher nicht zugetraut und man sie darob auch nicht finanziert hätte. Heute aber, heute ist das gelungen, das wirkt wie ein Aufbruch. Das ist ein kleiner Sieg für den Feminismus.

Aber "Titane" ist noch mehr: Der Film zeigt - und auch das vermag Ducournau treffsicherer zu illustrieren als viele männlichen Kollegen - wie dünn das oberflächliche Anstandskostüm ist, das wir Gesellschaftsordnung nennen, wo aber in Wahrheit durch jede noch so kleine Ritze die animalischen Instinkte durchbrechen und uns als verstümmelte, kaputte Individuen ohne Individualität outen.

Das Große, das "Titane" trotz seiner abstoßenden Physiognomie stolz vor sich her trägt, ist das Bild vom lasziven, maßlosen, exzessiven Menschen, sehr zugespitzt, aber ohne echte Übertreibung formuliert. Das mit der Frau am Regiestuhl sollte eigentlich im 21. Jahrhundert keine Beurteilungsgrundlage mehr sein (ist es leider doch), aber dass Vincent Lindon im Abspann noch vor der großartigen Hauptdarstellerin Agathe Rousselle erwähnt wird, obwohl seine Rolle bedeutend kleiner ist, schon. Ist noch nicht alles dort, wo es sein sollte, offenbar.