Was wäre dein größter Wunsch?", fragt Sam (Colin Firth) seinen Lebenspartner Tusker (Stanley Tucci), als er mit ihm gemächlich, aber nicht ziellos schon ein paar Tage im Camper durch die von landschaftlicher Schönheit geprägte Gegend des Lake District in der nordwestenglischen Grafschaft Cumbria fährt. "Ich wünsche mir, dass diese Reise niemals endet", antwortet Tusker. Dass sie enden wird, ist gewiss. Und auch, wohin das seit 20 Jahren liierte Paar steuert: direkt in eine Lebenskatastrophe. Denn bei Tusker ist Demenz im Anfangsstadium festgestellt worden, und er will Erinnerungen sammeln, solange er das noch kann. Die recht unterschiedlichen Vorstellungen und Lebensentwürfe für den bald eintretenden Fall der Verschlechterung von Tuskers Zustand werden diskutiert und treiben auch schwerwiegende Keile in die Beziehung; das alles bessert sich auch nicht, als man wie zum Abschied bei alten Freunden vorbeischaut. Sam hat seine Karriere als Pianist inzwischen für die Pflege von Tusker aufgegeben, auch das belastet die Beziehung.

Regisseur Harry Macqueen legt mit "Supernova" fein austariertes Schauspielerkino vor, in dem die beiden Hauptdarsteller glänzen können, in den kleinen Gesten dieser beiden unaufgeregten, aber vielschichtigen Figuren.

"Wiener Zeitung": Worin liegt die Grundidee dieses Films?

Harry Macqueen: Ich war lange Zeit als freiwilliger Helfer in einer Einrichtung in London tätig, in der Demenzkranke betreut und behandelt wurden. Ich habe mit vielen Menschen und Familien, die von dieser Diagnose betroffen sind, gesprochen. Ich habe Zeit mit Menschen verbracht, die inzwischen verstorben sind, sowohl an der Krankheit selbst als auch aufgrund von Selbstmord, und ich habe die Auswirkungen davon aus nächster Nähe erlebt. Ich habe dort so viele Geschichten von Menschen gehört, vor allem von Angehörigen, die sich mit dieser Krankheit arrangiert hatten, um bestmöglich für ihre Familienmitglieder da zu sein. Besonders reich war der Kosmos der kleinen, feinen Details am Rande, die eben passieren, wenn jemand Demenz hat; also Situationen, in denen das Menschliche im Vordergrund steht. Diese kleinen Geschichten sind wie der Kollateralschaden der Krankheit, und sie sind es wert, erzählt zu werden.

Für wen ist diese Krankheit eigentlich belastender: für den Patienten oder für seine Familie?

Diese Frage lässt sich unmöglich beantworten. Die Realität dieser Krankheit hat viel damit zu tun, in welchem Lebensstadium sie ausbricht und wie schnell sie fortschreitet. Das ist bei jedem Menschen anders. Es gibt Phasen, da ist man zuversichtlich und voller Hoffnung, dass die Krankheit nur langsam voranschreitet, und man denkt, man habe noch Zeit. Doch dann gibt es den Punkt, an dem man beginnt, das zu vergessen. Ich glaube, für die Angehörigen ist es schlimm, seine geliebten Menschen Stück für Stück zu verlieren, und für Partner ist es ein schwieriger Prozess, vom Liebenden zum Pfleger zu werden.

Regisseur Harry Macqueen befasste sich intensiv mit Demenz und den Folgen. - © afp / A. Gillenea
Regisseur Harry Macqueen befasste sich intensiv mit Demenz und den Folgen. - © afp / A. Gillenea

Ist "Supernova" für Sie die Geschichte eines langen Abschieds?

Ja. Ich wollte nie einen Film über Demenz machen, sondern es ist eine Liebesgeschichte, die sich vor dem Hintergrund der Krankheit zuträgt. Ich fand diese Abgrenzung wichtig. "The Father" war zum Beispiel ein Film, in dem es vorwiegend um die Krankheit ging. "Supernova" hingegen erzählt eine fast zeitlose, ganz intime, reife Liebesgeschichte über Menschen, die gezwungen sind, voneinander zu lassen.

Gerade die Kleinigkeiten zwischen Sam und Tusker, die zeigen, dass sie einander schon lange kennen, faszinieren. Wie erarbeitet man solche Details?

Natürlich müssen diese Details im Drehbuch stehen, keine Frage, denn was dort nicht steht, wird auch nicht im Film zu sehen sein. Aber dann braucht es eben eine Besetzung, die diese Chemie auf die Leinwand bringt, und da waren Stanley und Colin für mich die allererste Wahl. Ich schrieb den Film schon mit den beiden im Kopf. Sie sind imstande, die Nuancen einer Beziehung, die man oftmals nicht in Worte fassen kann, als Atmosphäre in den Film einzubringen.

Sprechen wir über zwei auffällige Punkte: Zum einen über das kammerspielartige Setting im Wohnwagen, wo Sam und Tusker die meiste Zeit verbringen, und zum anderen über die Landschaft, die sie bereisen und die wie eine eigene Figur im Film wirkt.

Das Drehen im Wohnmobil war eine Herausforderung, weil wir es nicht ins Studio stellten und aufgesägt haben, damit die Kamera besser herankommt. Es war mir wichtig, dass wir wirklich "on location" gedreht und diese Reise tatsächlich unternommen haben. Ich finde, das kommt im Film gut rüber und macht alles authentischer. Was die Landschaft angeht, so ist diese für mich in Filmen immer sehr wichtig. Ich mag es, wenn Menschen aus ihrer gewohnten Lebensumgebung in einen neuen Umraum geworfen werden und sich daraus eine Spannung ergibt. Die Reise und die Landschaft lässt die Fragen sinnvoller erscheinen, warum wir hier sind und wohin wir gehen. Die schiere Größe dieser Natur eröffnet ganz neue Denkräume.

Wie schwer ist es, Filme mit einer solchen Thematik heute überhaupt noch finanziert zu bekommen?

Es ist nicht einfach. Der Trend geht weg von solchen "schweren" Themen. Wir in Großbritannien haben da noch das Glück, dass unsere Filmindustrie in der Tradition eines gewachsenen sozialrealistischen Kinos steht, in dem die Menschen und ihre Schicksale im Mittelpunkt stehen. Die Filmförderung unterstützt diese Filme sehr, man ist nicht von der Güte von Geldgebern abhängig und muss keine Gewinne machen. Filme sind bei uns oftmals kein Investment, sondern Kunst.