Derzeit sind die Lautsprecher der österreichischen Filmbranche ganz leise eingestellt: Seit es vorvergangene Woche zur effektgeladenen Spaltung des Verbandes Filmregie gekommen ist, will niemand mehr wirklich zum Thema Stellung beziehen. Zur Erinnerung: Der Verband, in dem mit 142 Mitgliedern so ziemlich alle namhaften heimischen Kinofilmregisseure und -innen dabei waren, hat nunmehr nach dem Austritt von einem Drittel der Mitglieder nur mehr rund 100 Vertreter. Die meisten der ausgetretenen Mitglieder sind Frauen, und das Zerwürfnis, das dem Eklat voranging, ist die diverse Auslegung der "Gender Equality" in der Branche. Denn bisher sind die meisten Filme in Österreich von Männern gemacht, egal, ob dies nun auf Produzenten- oder Regie-Seite so gemessen wird. Frauen bekommen, wenn sie den Förderzuschlag für ein Projekt erhalten, zumeist eher die geringeren Budgets. Das Österreichische Filminstitut (ÖFI), das jährlich mehr als 22 Millionen Euro an Fördergeldern ausschüttet und damit der größte Fördergeber des Landes ist, hat seit Sommer eine Genderquote bei der Vergabe von Fördermitteln eingeführt. Österreich ist das erste EU-Land überhaupt, in dem es so etwas gibt.

Mehr Frauen beim Film

Was nach Revolution klingt, ist in Wahrheit aber auch mit Problemen verbunden. Das ÖFI wollte von den unterschiedlichen Berufsverbänden in der Filmbranche wissen, welche Möglichkeiten zur Geschlechtergleichstellung es jeweils gäbe, und der Regieverband, der das Problem kennt und dessen Vorstand mit je drei Frauen und drei Männern besetzt ist, schlug vor, einen bestimmten Anteil des Förderbudgets für Projekte mit hoher Frauenbeteiligung zu reservieren. Je mehr Frauen am Projekt mitgearbeitet hätten, desto üppiger die Zuwendungen.

Elisabeth Scharang trat so wie 41 andere auch aus dem Regieverband aus. - © apa / H. Fohringer
Elisabeth Scharang trat so wie 41 andere auch aus dem Regieverband aus. - © apa / H. Fohringer

Das ÖFI entschied sich für einen anderen Ansatz: Mittels "Genderbudgeting" soll erreicht werden, dass gleich viele Projekte von Frauen und Männern gefördert werden. Für viele in der Branche ist dieser Zugang etwas holzschnittartig, aber das ÖFI korrigiert ohnehin: Die Regelung gelte zunächst als Übergangslösung bis 2024, man müsse im Detail ansehen, welche Projekte jetzt zusätzlich von Frauen eingereicht würden und überhaupt sei festzuhalten, "dass die Basis der Förderentscheidungen nach wie vor die qualitative inhaltliche, künstlerische und wirtschaftliche Beurteilung der Projekte" sei, betont ÖFI-Chef Roland Teichman. Wozu also die Debatte? Die Geschlechterparität, sie ist ein Dauerthema im Kulturdiskurs, und sie betrifft durchaus auch andere Kunstsparten: In den USA hat eine groß angelegte Studie schon 2014 festgestellt, dass es in US-Orchestern einen eklatanten Überhang männlicher Musizierender gab, mit Ausnahme der Harfe, die in 95 Prozent der Fälle von Frauen gespielt wird. Auch hat man im selben Atemzug herausgefunden, dass nur fünf Prozent der Werke, die in klassischen Konzerten aufgeführt werden, von Frauen stammen, viele davon übrigens von Clara Schumann. Die Initiative Statues for Equality (statuesforequality.com) will erreichen, dass bis 2025 die Hälfte aller Statuen und Denkmäler die einflussreichsten Frauen unserer Zeit an öffentlichen Plätzen in Bronze verewigen. Vielleicht eine Inspiration für die künstlerische Umgestaltung des Lueger-Denkmals in Wien, die gerade in der Debatte ist. Könnte man ihm eine einflussreiche Frau seiner Zeit an die Seite stellen?

Erst seit kurzem im Vorstand des heimischen Regieverbands: Arman T. Riahi. - © apa / H. Punz
Erst seit kurzem im Vorstand des heimischen Regieverbands: Arman T. Riahi. - © apa / H. Punz

Auf Nachfrage bei Mitgliedern und Ex-Mitgliedern des Regieverbands wird nun eher Besonnenheit proklamiert. Regisseurin Elisabeth Scharang, die mit Kolleginnen wie Barbara Albert oder Ruth Beckermann aus dem Verband ausgetreten ist, will derzeit wenig Konkretes sagen und bekräftigt: "Wir, das ist keine homogene Gruppe, die einen Austritt geplant hat, sondern Mitglieder des Regieverbands, die ganz unterschiedlich lange Geschichten mit dem Verband haben. Gemeinsam ist, dass wir unsere Interessen nicht mehr vertreten sahen, nachdem sich der damalige Vorstand offensiv gegen die Geschlechterquote engagiert hat. Das war der Anlass", sagte Scharang zur "Wiener Zeitung".

Vielfältige Konfliktherde

"Ursachen gibt es vielfältige, die aus Sicht aller Ausgetretenen einen Systemwechsel erfordern. Es hat sich in den 30 Jahren nicht nur das Filmemachen verändert, sondern auch die Gesellschaft, in der wir leben und arbeiten. Das sollte sich auch im Verband Filmregie widerspiegeln. Transparenz, filmpolitisches Engagement ohne Opportunismus als Triebfeder, Bekenntnis zur Gleichstellung und zu einem respektvollen Umgang miteinander - im nächsten Jahr wird es wohl einige Gespräche und Runden geben, in denen wir diskutieren, wie ein Regieverband und eine Interessenvertretung 2022 aussehen soll." Aus Scharangs Statement ist doch eine eher breite Grundfrustration herauszulesen, die über die Geschlechterfrage hinauszugehen scheint.

Die verbliebenen Mitglieder des Verbands versuchen jedenfalls, Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. "Die Hände sind ausgestreckt", sagt Vorstandsmitglied Arman T. Riahi, Regisseur von Filmen wie "Die Migrantigen" oder "Fuchs im Bau". Riahi, selbst erst seit wenigen Monaten im Vorstand des Verbandes, will Ruhe in die Angelegenheit bringen. "Viel ist in den letzten Wochen geschrieben worden, und das erweckt den Eindruck, als wäre die Branche völlig uneins. Aber das stimmt nicht. Wir verstehen die Anliegen der ausgetretenen Mitglieder und wollen uns noch im November an einen Tisch setzen".

Es ist auch nicht so, als hätte der Verband über Nacht all seine weiblichen Mitglieder verloren: Jessica Hausner oder Ruth Mader etwa sind nach wie vor dabei, und ein Mitglied, das anonym bleiben will, bekräftigt: "Vielleicht hat es auch einmal einen solchen Akt gebraucht, um Bewegung in die Debatte zu bringen. Vielleicht hilft uns das, bald wieder an einem Strang zu ziehen".

Anonym einreichen

Einigkeit ist der eine Joker im Spiel um die Trümpfe bei der Fördervergabe. Die andere, wohl wichtigere Bewusstseinsbildung sollte jedoch mit bislang eher wenig berücksichtigten Maßstäben betrachtet werden: Geschlechterparität nützt der Kunst nicht, wenn sie verordnet wird. Die US-Schriftstellerin Siri Hustvedt sagte in "Harper’s Bazar" dazu: "Gute Bücher von Männern und Frauen sind die Bücher, in denen wir das Bewusstsein darüber verlieren, wer diese Sätze geschrieben hat. Wir verlieren uns in Geschichten; das ist die Schönheit der literarischen Kunst."

Wie könnte eine solche Beurteilung von künstlerischen Abreiten aussehen, wenn man sie von der Geschlechterfrage loslöst? Die österreichische Filmförderung könnte in Hinkunft nur mehr Projekteinreichungen anonymer Einreicher akzeptieren, deren Kontaktdaten erst im Fall der Förderzuerkennung offenbart werden. Dann würden die Geschlechter (und so manch großer Name) nicht mehr die Sicht auf die wahre Qualität der Stoffe verstellen, was natürlich für massive Unruhe in den etablierten Zirkeln sorgen würde. Aber Österreich wäre ein Vorreiter dieser neuen Form der Kunstförderung, die kein Geschlecht mehr kennt.