Hans Hoffmann (Franz Rogowski) kommt nach dem Krieg aus dem KZ der Nazis, wo er wegen Homosexualität inhaftiert war, direkt wieder in Gewahrsam, seine Befreiung ist keine. Denn auch nach dem Krieg bleibt Homosexualität ein Delikt, das mit Freiheitsentzug geahndet wird. Männer zu lieben, das ist verboten im Deutschland der Nachkriegszeit, der berüchtigte Paragraf 175 ist weiter in Kraft. Im Knast freundet er sich mit seinem Zellennachbarn Viktor (Georg Friedrich) an, beide gehen durch emotionale Wirren und werden einander hier noch öfter treffen, weil Hoffmann wieder und wieder verhaftet wird.

Regisseur Sebastian Meises Drama "Große Freiheit" (jetzt im Kino) wurde in Cannes im Juli von den Kritikern umjubelt und bei der diesjährigen Viennale im Oktober mit dem renommierten Wiener Filmpreis ausgezeichnet.

"Wiener Zeitung": Wie haben Sie zu diesem Thema recherchiert?

Sebastian Meise beim Interview in Cannes. - © Katharina Sartena
Sebastian Meise beim Interview in Cannes. - © Katharina Sartena

Sebastian Meise: Wir haben Berichte von schwulen Männern gelesenen, die nach dem Krieg aus dem KZ kamen und direkt vom KZ aus ins Gefängnis transferiert wurden, weil sie noch eine Reststrafe absitzen mussten. Und das war der Ausgangspunkt, bis dahin wusste ich nichts von diesem Paragrafen und begann zu recherchieren. In Österreich gab’s ja einen ähnlichen Paragrafen, der hieß halt anders, §129. Die Recherchen haben gezeigt, mit welchem unglaublichen Aufwand da der Staat agiert hat und wie penibel die Sittenpolizei gegen Homosexuelle vorgegangen ist.

Medial ist dieser Paragraf nur wenig aufgearbeitet. Hingegen sind politische Bespitzelungen, etwa in der DDR, sehr genau dokumentiert. Wieso hat man die sexuelle Orientierung meist totgeschwiegen?

Ich weiß es nicht, es gibt sehr wenig darüber. Es gibt ein paar Dokumentarfilme. In Spielfilmen ist das Thema manchmal geschickt gestreift worden, aber im großen Stil habe ich das noch nie gesehen, und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass der Paragraf noch vor gar nicht allzu langer Zeit erst abgeschafft wurde, nämlich 1994.

Wieso waren Franz Rogowski und Georg Friedrich die ideale Besetzung für diesen Film?

Wegen der gemeinsamen Energie, die sie entwickelt haben. Wenn man die zusammenbringt, dann entsteht da eine Chemie, die man eigentlich nur noch einfangen braucht, so gut wie es geht. Beide sind sehr unterschiedlich. Georg ist viel intuitiver als Franz, würde ich sagen. Aber sie beide treffen sich in ihrer Genauigkeit, sind immer wahnsinnig gut vorbereitet, und Franz hat sich auch ewig mit der Rolle auseinandergesetzt, hat extra Gewicht abgenommen und nähen gelernt. Beide geben sich ihren Rollen absolut hin. Ich hätte den Film eigentlich nicht ohne sie machen können, würde ich sagen. Ich hätte nicht gewusst, was ich getan hätte.

Wie haben Sie den Film stilistisch und optisch umgesetzt?

Eine Herangehensweise bei der optischen Auflösung war, der obersten Maxime folgend, dass wir immer sehr dicht dran sind an den Figuren, dass wir ihnen nachfolgen, und das ist in einem solchen Setting wie einem Gefängnis nicht einfach, weil es ja nicht sehr viel Abwechslung in den Motiven gibt. Da sind die Menschen, die Figuren, das einzig Interessante. Es ist ein bisschen wie ein Kammerspiel, bei dem sich die Orte nur sehr wenig verändern, zum Beispiel, dass dann mal renoviert wird, und trotzdem bleibt’s immer irgendwo das gleiche Gefängnis. Das fand ich wahnsinnig faszinierend. Und dieses System kriegt mit der Zeit eine andere Patina. Wir haben auch mit dem Licht gespielt. Denn das Licht in Innenräumen sah in den 1940er Jahren anders aus als in den 1960ern. Da gab es ganz andere Lichtquellen.

Die Rückblicke in die Freiheit erzählen Sie über Super8-Bilder aus einer Überwachungskamera.

Diese Form der Kameraüberwachung gab es wirklich. Da die Liebe zwischen Männern kriminalisiert war, mussten sich schwule Männer Orte schaffen, an denen zumindest flüchtige Begegnungen stattfinden konnten. Das waren unter anderem sogenannte "Klappen", öffentliche Männertoiletten, die von der Sittenpolizei eifrig und mit großem Ideenreichtum ausgeforscht wurden. Durch halbdurchlässige Spion-Spiegel wurden hier heimlich Filmaufnahmen erstellt, die vor Gericht als Beweismittel dienten. Diese Aufnahmen sind zum Teil erhalten, nicht aus Deutschland, aber aus den USA. Wenn man sie sich anschaut, wird man unweigerlich mit der Frage konfrontiert, wer hier eigentlich pervers ist.

Ihre Filme "Stilleben" und "Outing" wurden mehrfach ausgezeichnet. Welche Themen treiben Sie um?

Meine Filme sind persönlich, aber das bedeutet natürlich nicht, dass sie autobiografisch sind. Ich war zum Beispiel selbst noch nie im Gefängnis. Manche meiner Themen interessieren mich, weil mich Außenseiter interessieren, und darüber erzähle ich gerne. Über das Gefühl, irgendwie nicht dazuzugehören.