Vieles, was man in "The Power of the Dog" zu sehen bekommt, erzählt von einer Einsamkeit, die den Protagonisten innewohnt. Jeder hier, so scheint’s, ist ziemlich alleine mit sich und seiner Welt, und das mag der Zeit geschuldet sein, in der Jane Campion ("Das Piano") ihr westernartiges Drama ansiedelt. Das ländliche Montana des Jahres 1925, es ist weitläufig und karg und leer. Es gibt wahrlich belebtere Gegenden. Aber der "Wilde Westen" ist nun mal keine Metropole, er ist - und das zeigt Campion sehr anschaulich - vor allem ein Gemütszustand. Denn Einöde und Einsamkeit ergeben zwangsläufig keine Gemeinschaft, in der der Begriff Fröhlichkeit zum Wortschatz zählt.

Folgerichtig stehen im Zentrum dieser Adaption des gleichnamigen, 1967 erschienenen Romans von Thomas Savage keineswegs die Spaßgesellen der damaligen Zeit: Die Witwe Rose (Kirsten Dunst) beispielsweise frönt nur allzu gern dem Alkohol und ehelicht den Farmer George Burbank (Jesse Plemons), dessen Bruder Phil (Benedict Cumberbatch) alles andere als einverstanden mit der Verbindung ist. Phil ist ein intelligenter Mann, seinem Bruder diesbezüglich überlegen, und er wird mit der Situation nicht fertig, dass George nach 40 Jahren brüderlicher Gemeinsamkeit nun doch noch heiratet.

Schwäche und Wut

Dieser Phil ist der scharf gezeichnete Antagonist in der Geschichte: Er hasst Schwäche, vor allem an sich selbst, und mit dem Fortgang der Geschichte wird bald offenbar, weshalb: Er hat eine Schwäche, die er sich selbst nicht verzeiht. Besonders krass lässt er seine Wut zunächst an Roses in die Ehe mitgebrachten Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) aus, ein Halbwüchsiger, dem es noch an Orientierung fehlt. Phils Rebellion gegen die Ehefrau und seine Schikanen gegen Peter bringen jedenfalls bald einen Bruderkrieg zuwege.

Im Grunde erzählt der von Netflix produzierte "The Power of the Dog" eine Variation von Jane Campions berühmtestem Film "Das Piano": In beiden Filmen landet eine verwitwete Frau mit ihrem Kind bei einem wohlhabenden Mann in der Abgeschiedenheit; es entspinnt sich da wie dort eine Art Dreiecksverhältnis, und auch ein Piano spielt jeweils eine wesentliche Rolle. Dennoch nimmt "The Power of the Dog" keinen Bezug auf "Das Piano"; dafür ist die Geschichte zu eigenwillig: Sie nimmt nicht den vorhersehbarsten Lauf und rückt keine Frau ins Zentrum, die einen Befreiungsschlag vorhat. Im Verlauf des Films wird Rose immer nebensächlicher, und der Fokus verlagert sich auf die anderen Figuren. Perfekt gebrochen wird die Geschichte von Phil, und es verwundert nicht, dass man den Roman des Öfteren mit Annie
Proulx’ Kurzgeschichte "Brokeback Mountain" vergleicht. Campion soll sich gar Ratschläge von Proulx geholt haben, was die Umsetzung der Geschichte betraf. Getrost kann man "The Power of the Dog" darüber hinaus als "Spätwestern" bezeichnen, aber nicht, weil er erst heute, Jahrzehnte nach den Glanzzeiten des Genres entstanden ist, sondern weil er mit den Elementen dieser Filmgattung einerseits entlarvend umgeht, sie andererseits aber auch feiert und hochhält. Das betrifft vor allem die Einsamkeit der Protagonisten, die selbst dann einsam sind, wenn sie unter Menschen gehen. Dass daraus eine gewisse Miesepetrigkeit erwächst, ist wohl keine Überraschung.