Die Männer glaubten, sie könnten die Dunkelheit selbst einsperren - diese Arroganz." Die Aes Sedai Moiraine (Rosamund Pike) hat nicht viel übrig dafür, wie die Männer ihrer Welt vor tausenden Jahren die magische "Eine Macht" dazu missbrauchten, das Böse auf ewig besiegen zu wollen. Statt es zu verdammen, trieb es sie in den Wahnsinn. Seither konnte kein Mann mehr die Eine Macht bedienen. Den Frauen, so Moiraine, blieb nichts anderes übrig als die Scherben aufzusammeln. Doch wie der Titel schon verrät, das Rad der Zeit dreht sich weiter. Und das Böse kommt immer wieder.

Das ist die Ausgangslage, in der sich die Protagonisten von Amazons neuester Fantasy Serie "Das Rad der Zeit" wiederfinden. Adaptiert fürs Fernsehen von Rafe Judkins, basiert die Handlung auf der populären Buchreihe des amerikanischen Autors Robert Jordan. Im Post-"Game of Thrones" Vakuum, und in Antizipation von dessen Prequel "House of the Dragon", und der Mutter aller Fantasy, der "Der Herr der Ringe"-Serie, ein weiterer Versuch, das nächste große Fantasy-Epos auf Schiene zu bringen. Material gibt es genug. 2.782 namentlich genannte Charaktere gilt es auszusortieren, tausende Seiten an stagnierendem Plot im Mittelteil der 14-teiligen Reihe anhand eines roten Fadens zu verdichten.

Fokus auf Frauen

Eine der entscheidenden Änderungen ist die Fokussierung auf die weibliche Sicht auf die Geschichte. Moiraine, dargestellt von Rosamund Pike, wird nicht nur zur Protagonistin erhoben, sie ist neben dem kurzen Gastspiel von "Game of Thrones"-Alumni Michael McElhatton der einzige große Name in einem Cast aus mehrheitlich Newcomern. Der Handlung des ersten Buches "Drohende Schatten" folgend, kommt sie mit ihrem Beschützer Al’Lan (Daniel Henney) in das isolierte Dorf Emondsfeld, da sie dort den oder die Auserwählte vermutet, die das Böse besiegen kann.

Dabei bieten sich gleich fünf Charaktere als der "wiedergeborene Drache" an. Der sture Bauernsohn Rand (Josha Stradowski), der übermütige Mat (Barney Harris), der ruhige Schmied Perrin (Marcus Rutherford), die willensstarke Egwene (Madeleine Madden), sowie die Dorfmagierin Nynaeve (Zoë Robins). Doch bevor Moiraine sich auf eine Person festlegen kann, wird das Dorf von finsteren Trollocs, krampusartigen Wesen, angegriffen, und die Gruppe muss Richtung Osten zum weißen Turm der Aes Sedai fliehen.

Wie viele jüngere Fantasy-Adaptionen steht auch "Das Rad der Zeit" vor der Herausforderung, eine detailreiche Fantasy-Welt möglichst flott einzuführen, um die Figuren alsbald auf ihren Staffellauf gegen die Antagonisten quer durchs Land zu schicken. Dabei untergräbt die Adaption aber bereits zu Beginn einige wichtige Charakterdetails aus dem Buch. Judkins und seine Autoren wollen hier wohl für Neueinsteiger noch keine eindeutigen Hinweise liefern, wer sich als der Drache herausstellt. Doch bei drei vorab gesehenen Folgen bleibt die Frage offen, ob die Serie es mit ihrem auf die Aes Sedai verschobenen Fokus schafft, auf diese Auflösung auch zufriedenstellend hinzuarbeiten.

Schwarze Reiter in Klüften

Sonst bietet die Inszenierung die altbekannten visuellen und inhaltlichen Andockstellen. Es gibt wieder eine Flussfähre, mit der man in letzter Minute übersetzen muss, schwarze Reiter, eine Flucht durch die felsigen Klüften hoher Bergketten. Der diverse Cast kommt aus allen Ecken der Welt. Auch sonst verschließt sich das 30 Jahre alte Material dem Zeitgeist nicht. Sex wird nicht nur angedeutet, sondern ausgelebt, in einer Bar werden Rand und Mat sogar für ein schwules Pärchen gehalten. Es gäbe so viel Spannung zwischen ihnen.

Wo "Das Rad der Zeit" einige eindeutige Abstriche gemacht hat, ist bei der Ausstattung und den Effekten. An den Figuren baumeln uninspirierte Kutten, Wollpullover oder lange Umhänge. Moiraines Magie sowie die Landschaften wirken nicht immer fertig gerendert oder minimalistisch. Auch fehlt an vielen Stellen das, was andere Adaptionen wie "Herr der Ringe" so erfolgreich gemacht hatte. Das Herz, die Liebe fürs Detail, hin und wieder ein perfider Sinn für Humor. Nicht alles muss immer so hektisch und dramatisch sein. Selbst Frodo hatte hin und wieder ein Lächeln für seine missliche Lage übrig.