Jane Campion ("Das Piano") legt mit "The Power of the Dog" einen Western vor, in dem die hochkarätige Besetzung brilliert: Die Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George Burbank (Jesse Plemons) bewirtschaften im Montana des Jahres 1925 gemeinsam eine große Ranch. Als George heimlich die Witwe Rose (Kirsten Dunst) heiratet, beginnt der wütende Phil einen unerbittlichen Bruderkrieg, um sie zu vernichten, indem er ihren Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) permanent manipuliert. Doch sein Tun hat auch noch andere Ursachen.

"The Power of the Dog" läuft noch bis zum Beginn des Lockdown in den Kinos, ist ab Anfang Dezember aber auch im Programm von Netflix verfügbar.

"Wiener Zeitung": Frau Campion, was hat Sie an der Buchvorlage von Thomas Savage, die 1967 erschien, besonders gereizt?

Brüder im Clinch: Zwischen Phil (Benedict Cumberbatch, links) und George (Jesse Plemons) gibt es ein Zerwürfnis. - © Netflix
Brüder im Clinch: Zwischen Phil (Benedict Cumberbatch, links) und George (Jesse Plemons) gibt es ein Zerwürfnis. - © Netflix

Jane Campion: Ich habe mich in das Buch verliebt. Die Geschichte wirkte lange in mir nach, das gibt es immer wieder mal bei Büchern. Aber die Thematik war so überwältigend für mich, so kraftvoll, und sie ließ mich viele Monate lang nicht los.

Der Film besticht durch seine intime Atmosphäre, Sie nehmen sich viel Zeit für die insgesamt recht widersprüchlichen Figuren.

Es gibt für mich im Film durchaus Widersprüche, die ich visuell zu konterkarieren versuchte. Da ist etwa diese unglaubliche Landschaft, und doch fühlt sich der Film sehr stickig an, es gibt eine Spannung, die die Landschaft vergessen macht. In gewisser Weise ist der Film ein Kammerspiel, es ist fast so, als ob die Protagonisten auf einem kleinen Boot mitten im Ozean festsitzen, völlig isoliert. Die Figuren sind einsam, besonders Rose, die nicht die Möglichkeit hat, auszugehen und das Leben zu genießen. Phil vermutet, dass Rose seinen Bruder George ausgetrickst und ihn in die Ehe gelockt hat, weil er nicht verstehen kann, wieso Rose ihn liebt. Der Keil, den Rose in das Brüderpaar treibt, führt zu einem regelrechten Gemetzel zwischen den Brüdern. Phil ist jedenfalls getrieben von seinem Hass auf Frauen, der auch ein Selbsthass ist. Er ist der psychologisch interessanteste Charakter im Film.

Rose ist eine Frauenfigur, die dem Alkoholismus verfallen ist und eher passiv erträgt, was ihr zustößt.

Mit Rose haben einige Frauen heute sicher ihre Probleme. Aber ich denke, es war wichtig, sie auch von ihrer zweidimensionalen Seite zu zeigen, denn das war die Realität der Frauen, die zu dieser Zeit lebten. Sie hatten nicht viele Möglichkeiten, trauten sich nicht, ihrem Umfeld zu widersprechen. Insofern ist diese Figur eine sehr realistische.

Wie hängt dieser Film mit Ihren bisherigen Arbeiten zusammen?

Ich kann das nicht wirklich beantworten. Ja, es gibt hier auch eine Witwe mit Kind, und ja, auch ein Piano kommt vor, aber das sind die einzigen Parallelen zu "Das Piano". Das Piano in "The Power of the Dog" kommt auch im Roman vor, ich habe es also nicht in den Film hineingeschrieben.

Lange Zeit ist nicht klar, wohin dieser Film sich entwickeln wird. Sie legen bewusst Wert darauf, nicht den leichtesten dramaturgischen Weg zu nehmen.

Das stimmt. Denn das ist ein Gegenentwurf zu der Kommunikationsgesellschaft, die wir heute sind. Heute werden Menschen sehr rasch verurteilt, das gelingt am besten in den sozialen Medien. Ist jemand erst einmal als der "Bad Guy" gebrandmarkt, ist das schwer wieder von ihm abzukriegen. Die Komplexität von Menschen geht heute völlig verloren, und auch, wie diese Komplexität uns untereinander beeinflusst. Deshalb setze ich auf die Ambivalenz in den Figuren. Niemand ist nur gut oder nur böse. Eine Schwarzweißmalerei habe ich in meinen Filmen immer abgelehnt.

In Cannes und Venedig gewannen heuer Frauen die Hauptpreise, Sie selbst wurden am Lido mit dem Regiepreis geehrt. Sehen Sie eine Wende im Umgang mit Frauen in der Filmindustrie?

Ich habe mich wirklich sehr gefreut über die Preise für Julia Ducournau und Audrey Diwan. Ich finde, ihre Filme haben diese Preise verdient. Und ja, ich sehe, dass sich in der Filmwelt einiges verändert. Es ist vielleicht noch kein Tsunami, aber eine ernstzunehmende Welle, die weithin sichtbar ist. Für mich kann es ja eigentlich nicht schnell genug gehen, dass Frauen beim Film endlich gleichberechtigt sind. Die Veränderungen scheinen auch nachhaltig zu sein. Allein die #MeToo-Bewegung: Man wird nie wieder in diese Zeit vor #MeToo zurückkehren können. Das ist das Gute an dieser Veränderung. Man muss das jetzt hinter sich lassen und nach vorne blicken.

Sie selbst waren 1993 die erste Frau, die die Goldene Palme in Cannes gewann. Fühlen Sie sich als Vorreiterin?

Ich weiß nicht, denn es hat ja fast 30 Jahre gedauert, bis wieder eine Frau die Palme geholt hat. Ich war damals sehr dankbar, aber eine richtige Vorreiterin war ich wohl nicht. Obwohl ich damals schon für die Gleichheit der Geschlechter gekämpft habe und es bis heute ohne Unterlass tue. Die Männer im Filmgeschäft haben nach Weinstein auch erst einmal einen Gang herunterschalten müssen, um zu realisieren, was passiert war. Und diese toxische Männlichkeit, die es im Business gab und gibt, die gibt es ja auch in "The Power of the Dog". Phils Figur ist manchmal wie ein Monster, weil ich ihn durch die Augen jener zeige, die ihn fürchten.

Kirsten Dunst sagte, sie wäre Benedict Cumberbatch wegen dieser toxischen Männlichkeit auch am Set völlig aus dem Weg gegangen.

Oh, hat sie das erzählt? Ja, ich denke, dass das ihre Art des Method Acting ist, um ganz in ihrer Rolle zu bleiben. Sie ist eine sehr ernste Schauspielerin, sie nimmt den Prozess wirklich sehr genau.

Mit Donald Trump ist die toxische Männlichkeit auf der politischen Weltbühne ganz offen zutage getreten. Worin begründet sich diese Toxizität eigentlich?

Natürlich hat dieses Toxische jeder gespürt, solange Trump Präsident war. In Phil ist dieser Männlichkeitstyp sehr gut dargestellt, denn er ist ein Cowboy, und die Welt der Cowboys wird gerne romantisiert dargestellt. Da geht es um das Einfache, das "Ehrliche". Aber es ist noch mehr: Phil und sein Bruder hatten eine der wohlhabendsten Ranches in Montana, und mit dem Geld kommt die Macht. Ich glaube, dass es eigentlich darum geht: Um die Macht, und wie man sie einsetzt. Das ist nicht unbedingt eine rein männliche Eigenschaft, denn man sieht auch oftmals, was Frauen machen, wenn sie in einer Machtposition sitzen. Es geht also um das berauschende Gefühl von Macht, und diese Macht fußt auf Besitz und Geld. Hier liegt das Übel.

Im Film spielt auch Homosexualität eine Rolle. Ist "Brokeback Mountain" für Sie eine Referenz gewesen?

Nicht wirklich, denn die Geschichte ist, ganz abgesehen vom Western-Umfeld, doch eine ganz andere als in "The Power of the Dog". Aber Annie Proulx, die "Brokeback Mountain" schrieb, diente mir doch als Inspiration, weil sie ihre Kurzgeschichte nach dem Roman von Thomas Savage veröffentlichte und auf diesen Bezug nahm. Mir war wichtig, Annie vor dem Film zu treffen und mit ihr über die beiden Geschichten zu sprechen. Sie ist heute 86 Jahre alt, und sie hielt eine kleine Masterclass darüber. Wir sprachen über die Ähnlichkeiten und die versteckten Andeutungen über Sexualität in beiden Geschichten - ihr Wissen darüber war sehr hilfreich.

Die Dreharbeiten mussten wegen Corona unterbrochen werden. Hat Sie das hart getroffen?

Zunächst schon. Wir hatten ungefähr 50 Prozent des Films abgedreht, als ganz Neuseeland in den Lockdown ging. Wir mussten dann natürlich ebenfalls den Dreh unterbrechen. Zunächst dachte ich, das ist eine Katastrophe. Doch dann nutzte ich den Lockdown, um mir das bisher gedrehte Material genauer anzusehen, und ich entwickelte über die Zeit ein ganz anderes Gefühl dafür. Als wir die Dreharbeiten schließlich wieder aufnahmen und den Film fertigstellten, war mir klar: Durch den Lockdown und meine Reflexion auf den Stoff ist nochmals ein ganz anderer Film dabei herausgekommen.

Der Film wurde von Netflix produziert. Ihre Erfahrungen?

Wir hatten rund 30 Millionen Dollar Budget und durften damit sehr frei umgehen. Auch in punkto Umsetzung hat sich niemand eingemischt. Das sind für einen Arthaus-Film wie diesen, der schwierige Themen verhandelt, geradezu paradiesische Zustände! Die alteingesessenen Studios hätten sich an diesem Stoff nicht die Finger verbrannt, denn dort brauchst du Action, die größten Stars und musst viel Mitspracherecht abgeben. Aber Netflix gab uns freie Hand. Ich verstehe den Druck, unter dem die Studios stehen, denn sie müssen Gewinne in den Kinos einfahren. Ich verstehe also, dass die Marvel-Filme zutiefst konservativ sind. Aber Spaß machen sie mir keinen.