Das Rezept hat schon öfter funktioniert: Trifft eine außergewöhnlich schöne Schauspielerin die Entscheidung, für eine Rolle auf jegliche Eitelkeit zu verzichten, winkt am Ende nicht selten der Oscar, weil dieser Mut gehört schließlich belohnt, in der auf Jugend, Schönheit und Körperoptimierung getrimmten Hollywood-Szene. Das hat bei Charlize Theron in "Monster" funktioniert, bei Hilary Swank gleich doppelt, in "Boys Don‘t Cry" und "Million Dollar Baby". Warum sollte das für Halle Berry, mit "Monster‘s Ball" 2003 zur ersten afroamerikanischen Hauptrollen-Oscar-Siegerin überhaupt gekürt, nicht klappen?

Die inzwischen 55-Jährige wirft aber noch mehr in den Topf, um in der Awards-Season Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr Netflix-Drama "Bruised" ist nämlich nicht nur ein knallharter Prügelfilm, bei der sie sich ordentlich vor der Kamera vermöbeln lassen muss, wie die Titelübersetzung "Zerschrammt" vermuten lässt, sondern auch ihr Regiedebüt. Damit kann man in zwei der wichtigsten Preiskategorien punkten. Wenn die Qualität stimmt.

Berry spielt die alleinerziehende Mutter Jackie, die ihren Job als MMA-Kämpferin längst aufgegeben hat. Als solche hat sie in der Disziplin "Mixed Martial Arts" im Ring unzählige Konkurrentinnen verhauen, heute geht sie lieber Toiletten putzen, um über die Runden zu kommen. Sie ist eine gestrandete Kämpferin ohne Per-spektiven, mit einem saufenden und gewaltbereiten Lebenspartner. Hier beginnt bereits das Problem, unter dem Berrys Regiedebüt "Bruised" leidet: Zu viel von diesem Setting wurde im US-Kino der letzten 40 Jahre bereits zu endlos ausgewalzt, die Grundstory ist die Basis für alle "Rocky"-Filme, und man hofft in dieser frühen Phase des Films noch inständig, dass Halle Berry sich ein paar andere, bislang weniger oft bemühte dramaturgische Twists einfallen lassen wird, um nicht in einer faden "Zurück-in-den-Ring"-Variation am Genre zu scheitern.

Genau dazu setzt "Bruised" aber an: Der Weg zurück in den Ring als einzige Aussicht auf ein besseres Leben. Zunächst illegale Kämpfe, schließlich sogar die Chance auf ein richtiges Comeback. Da kommt es Jackie ungelegen, dass plötzlich ihr Sohn Manny (Danny Boyd Jr.) vor der Tür steht, den sie als Säugling weggab. Sie soll sich um ihn kümmern, was schwierig ist, denn der Knabe spricht nicht. Ein stummes Kind, dessen zaghaft geäußerte Bedürfnisse erst von der zu lange in schlechter Gefolgschaft lebenden Mom gelesen werden müssen.

Zurück in den Ring

Das ist sie also, die Variation des Subgenres Boxerfilm, die Halle Berry hier kredenzt: Vom Unterschichten-Dasein zurück ins Rampenlicht, mit einem Kind als Klotz am Bein, so fühlt sich diese Frau, und so kommt das Gefühl auch rüber in diesem Film, das muss man ihm zugutehalten. Es gibt gute Momente im Zusammenspiel zwischen Mutter und Sohn, schnell wird alles aber wieder sehr plakativ; das Motto von Jackie lautet: "Big beschützt Little." Dazu kommen ein Burger mit Chips statt Weckerl, Rauchen auf der Toilette, Scotch im Putzmittelflascherl, lesbische Affären, eine Vergewaltigung, die lange zurückliegt, und natürlich ein blutverschmierter Endkampf zwischen "Jackie Justice" und "Lady Killer", mit - erraten! - viel Mut zur Hässlichkeit.

Das reicht aber nicht für einen guten Film. Halle Berry schlägt sich vor der Kamera ordentlich, dahinter packt sie alle Klischees in den Film, die zu finden waren. Das mindert das Interesse an "Bruised" schnell erheblich. Und es ist wie beim völlig desolaten Rocky Balboa, wenn er in den Seilen hängt: Die Erleuchtung kommt immer erst im Gewaltexzess. Also zu spät.