Eigentlich hatten sich die Mitglieder der Beatles nicht mehr allzu viel zu sagen, als sie sich im Jänner 1969, knapp ein Jahr vor der Auflösung der Band, im Londoner Filmstudio Twickenham einmieteten, mit dem Plan im Gepäck, hier völlig zurückgezogen und befreit von technischem Schnickschnack ein neues Album mit 14 Songs zu erarbeiten. Am Ende dieser mehrwöchigen Jam-Session sollte dann die Live-Aufnahme vor Publikum stattfinden, ganz ohne orchestrale Untermalung und so pur, wie man die Beatles eben kannte - aus ihren Anfangstagen.

Das Projekt sollte ein Highlight in der nunmehr rund zehn Jahre andauernden Karriere der Band werden; deshalb filmte man den Jam- und Probenprozess permanent mit. Regisseur Michael Lindsay-Hogg formte daraus später den Dokumentarfilm "Get Back", die Idee dazu stammte von Paul McCartney.

Mammut-Filmprojekt

Regisseur Peter Jackson verbrachte Monate im Schneideraum, um das Archivmaterial neu zu arrangieren. - © Disney+
Regisseur Peter Jackson verbrachte Monate im Schneideraum, um das Archivmaterial neu zu arrangieren. - © Disney+

Aus dem gedrehten Material, das mehr als 60 Stunden umfasst, und rund 140 Stunden an Tonmitschnitten montierte Regisseur Peter Jackson nun ein Mammutwerk, das vor allem Beatles-Fanatiker zum Strahlen bringen wird: Jackson schnitt daraus drei Filme zu je mehr als zweieinhalb Stunden Lauflänge. Es ist ein dichtes Porträt dieser Band geworden, die sich merklich in Auflösung befand. Manchmal direkter, oftmals aber zwischen den Zeilen arbeitet Jackson heraus, wie es im Jänner 1969 um das Verhältnis zwischen John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr stand. Die Bilder der Kameras lügen nicht: Sie zeigen Blicke und Gesten der Spannung, sie zeigen Bilder einer versteinerten Yoko Ono, die darauf bestand, bei sämtlichen Beatles-Proben dabei zu sein, und sie zeigen, wie die Band dennoch eine kreativ-künstlerisch herausragende Performance erarbeitete, Konflikte hin oder her. Über weite Strecken ist "The Beatles: Get Back" ein aufschlussreicher Insiderbericht geworden. Wer immer schon einmal bei der Arbeit der erfolgreichsten Band aller Zeiten (mit mehr als 600 Millionen verkauften Tonträgern) Mäuschen spielen wollte, der bekommt nun die Gelegenheit bei Disney+, wo die Dokus bis zum 27. November tageweise vom Stapel gelassen werden. "Diese phänomenale Sammlung von noch nie zuvor veröffentlichtem Filmmaterial bietet einen beispiellosen Einblick in das geniale Songwriting und die unauslöschliche Wirkung einer der kultigsten und kulturell einflussreichsten Bands aller Zeiten", frohlockt Disney-Boss Bob Iger, der sich die weltweiten Rechte am Film gesichert hat. "Wir glauben, wir kennen die Beatles", sagt Regisseur Jackson. "Wir haben ihre Filme gesehen, ihre Auftritte, ihre Pressekonferenzen und all diese Dinge. Aber das sind alles Bühnensituationen. Das hier ist aber ganz ehrlich. Es ist ein Blick auf die echten Kerle, der sonst nirgends existiert."

Jammen im Filmstudio als Vorbereitung auf die Aufnahme des letzten Beatles-Albums "Let It Be" (1970). - © Linda McCartney
Jammen im Filmstudio als Vorbereitung auf die Aufnahme des letzten Beatles-Albums "Let It Be" (1970). - © Linda McCartney

Jackson fokussiert daher nicht auf die Konflikte innerhalb der Band, wiewohl diese augenfällig sind, sondern zeigt stattdessen, wie sie an Songs feilen, an ihrem Status zweifeln und auf der Suche nach dem sind, was sie als Band einst zusammengeschweißt hat: die Liebe zur Musik.

Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zu "Get Back" stand die Band schon lange nicht mehr gemeinsam auf der Bühne. Irgendwann hatte sich das Show-Konzept mit den abenteuerlichen Fluchten vor den eigenen Fans, weil diese so außer Rand und Band gerieten, für die vier Pilzköpfe abgenützt. Sie beschlossen, es bei Studioaufnahmen zu belassen.

Konzert auf dem Dach

Für die Doku aber wollte man damals noch ein letztes Mal vor Publikum auftreten, am Ende war es dann das legendäre Rooftop-Konzert, bei dem die Band auf dem Dach ihres Londoner Bürogebäudes aufspielte. Sehr zur Verwunderung und Begeisterung der Passanten, die plötzlich und unfreiwillig Zeugen eines Live-Konzerts der Beatles wurden, das zugleich auch eine Aufnahme-Session für das daraus entstandene, zwölfte und finale Studioalbum "Let It Be" war, das im Mai 1970 in die Plattenläden kam. Ein Live-Recording unter freiem Himmel statt Studiotechnik und schalldichten Wänden - vielleicht war diese Suche nach der Ursprünglichkeit ihrer Kunst der Kitt, der die Band bis über das letzte Großprojekt hinaus noch zusammenhielt. Das suggeriert Jacksons Schnitt jedenfalls.

Die Kraft, die die Beatles-Songs im finalen Konzert am Dach entfalten, ist indes beispiellos: Ob es das sehnsüchtig geraunte "Don’t Let Me Down" ist, in das Lennon sein ganzes stimmliches Vermögen steckt, oder das rockig-flotte "Get Back", die Band präsentierte sich in einer unglaublichen Form. Die Doku zeigt, wie diese Form zustande kam, denn anfangs wirkte alles eher chaotisch, findet auch Peter Jackson: "Die Beatles wollten Songs schreiben und eine TV-Show machen, hatten aber davor lange nicht live gespielt. Das letzte Mal war noch ihr zwischenzeitlich verstorbener Manager Brian Epstein dabei und hat sich um die Planung gekümmert. Diesmal sind sie an die Sache ohne ihr übliches Supportteam gegangen. Letztlich wirkt dadurch alles ein bisschen unorganisiert."

Dass Jackson das Material nach Gutdünken nutzen durfte, liegt wohl daran, dass längst Gras über alte Konflikte gewachsen ist: "Es gab seitens der Beatles nicht eine einzige Beanstandung", so Jackson. Und das, obwohl Michael Lindsay-Hogg so einige private Unterhaltungen mitgefilmt hatte, die eine pure, unverstellte Sicht auf die Band im letzten Jahr ihres Bestehens erlauben. Die vier Bandmitglieder waren sich damals der Situation durchaus bewusst, im medialen Interesse des Regisseurs zu stehen, und störten dessen Aufnahmen schon mal durch lautes Aufdrehen der Verstärker, damit er das Gesprochene nicht aufzeichnen konnte.

"The Beatles: Get Back" ist in seiner Gesamtheit ein filmisch-musikalischer Exzess von siebeneinhalb Stunden Länge, der nicht jedem Zuschauer die Kurzweiligkeit bietet, die man vielleicht gewöhnt ist. Für echte Beatles-Fans aber kann eine solche Annäherung auf allernächste Nähe wohl gar nicht lang genug sein. Das gilt auch für Peter Jackson: "Man muss wirklich ein Beatles-Fan sein, um diesen Film zu machen. Und ich bin einer."