Die Regiedebüts prominenter Schauspielerinnen sind derzeit groß in Mode, und das ist gut so: Immerhin zeigt Hollywood damit, dass es sich der Problematik ungleich verteilter Jobs in der Filmbranche bewusst ist. Nach "Bruised", dem Netflix-Debüt von Halle Berry (die "Wiener Zeitung" berichtete) ist mit "Seitenwechsel" die erste Regiearbeit der britischen Schauspielerin Rebecca Hall im Programm des Streaming-Riesens zu finden. Die 39-jährige Londonerin, die mit Filmen wie "Vicky Cristina Barcelona", "Frost/Nixon" oder "The Awakening" bekannt wurde, widmet sich in "Seitenwechsel" einem gesellschaftlich brisanten Thema.

Im Zentrum stehen die beiden ehemaligen Jugendfreundinnen Irene (Tessa Thompson) und Clare (Ruth Negga), die sich nach langen Jahren zufällig wieder über den Weg laufen. Es ist das New York des Jahres 1929, der große Börsencrash steht bald bevor, und Irene und Clare sind zwei afroamerikanische Frauen, die durch ihre ethnisch gemischten Hintergründe durchaus auch als Weiße "durchgehen" könnten. Genau diese Strategie hat Irene für ihr Dasein gewählt: Sie lebt an der Seite ihres zutiefst rassistischen Ehemanns John (Alexander Skarsgård) ein Leben in Saus und Braus. Der Geschäftsmann hat Geld, und Irene genießt die Annehmlichkeiten, solange sie ihr gut gehütetes Geheimnis bewahren kann.

Ganz anders verhält es sich mit Clare, die weiterhin als schwarze Frau mit ihren Söhnen und ihrem Mann Brian (Andre Holland) in Harlem lebt, das gesellschaftliche Diktat vom unmöglichen Aufstieg erduldend. Es gibt in dieser Konstellation kaum Aussicht auf eine Besserung der Umstände. Das Treffen der beiden Frauen lässt sie in alten Erinnerungen schwelgen; Gefühle werden wach, die für lange Zeit unterdrückt worden waren.

Schwarze "Verräterin"

Der Film basiert auf dem 1929 erschienenen Roman "Passing" von Nella Larsen, einer afroamerikanischen Schriftstellerin, die der literarischen Bewegung der Harlem Renaissance angehörte, wo man schwarze Literatur feierte. "Passing" meint "als jemand durchgehen", der man gar nicht ist. Das Vorspiegeln falscher Tatsachen macht Irene auch im Film zu schaffen: Sie sehnt sich nach mehr Kontakten in Harlem, was ihr rassistischer Mann verhindert. Gleichsam gilt sie den Schwarzen als "Verräterin", weil sie sich ein "weißes" Leben aufgebaut hat.

Rebecca Hall fängt all das in unaufgeregten, aber stimmigen Schwarzweiß-Bildern ein, die die Langsamkeit zelebrieren. Hall hatte sehr persönliche Gründe, den Roman zu adaptieren: Aufgrund ihres Großvaters mütterlicherseits, der vor ihrer Geburt verstorben war, gehört sie selbst der afroamerikanischen Gemeinde an, wurde in Filmen aber bisher überwiegend als weiße Frau besetzt. Der Roman habe ihr geholfen, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten, sagte Hall in einem Interview. Dem Film merkt man an, wie intensiv Halls Zugang zum Thema davon beeinflusst ist.