Glaubt man den Prognosen der Buchmacher in Hollywood, dann sieht man in Jane Campions "The Power of the Dog" (neu zu sehen auf Netflix) bereits jene Performance, die im kommenden Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Oscar in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller" mitkämpfen wird: Benedict Cumberbatch spielt einen Farmer, der als Filmfigur nicht nur Scharfsinn und Bodenständigkeit, sondern auch Traditionsbewusstsein und eine unterdrückte homosexuelle Neigung unter einen Hut bringen muss.

Cumberbatch ist Phil, der Bruder von George (Jesse Plemons), mit dem er im Montana des Jahres 1925 eine Ranch führt. Als George die alkoholkranke Witwe Rose (Kirsten Dunst) heiratet, bricht für Phil eine Welt zusammen: Er sieht die Verbundenheit zu George gefährdet, und Rose als Eindringling. Phil torpediert die Verbindung, insbesondere im Einwirken auf Roses mitgebrachten, halbwüchsigen Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee). Ein Drama im Kleid eines opulenten, bildgewaltigen Western, der unter der Oberfläche toxisches männliches Verhalten und unterdrückte Neigungen verhandelt. Campions Adaption des gleichnamigen, 1967 erschienenen Romans von Thomas Savage brachte der Neuseeländerin ("Das Piano") den Regiepreis in Venedig und gilt als einer der Favoriten der kommenden Awards Season. Die "Wiener Zeitung" traf Cumberbatch in Venedig zum Gespräch.

"Wiener Zeitung": Mr. Cumberbatch, Ihre Figur ist ein Gegenentwurf zu anderen Rollen, die Sie bekannt machten. Welche Eigenschaft dieser Rolle reizte Sie?

Benedict Cumberbatch: Es gibt im Leben von Phil diese konstante Spannung, das ist mir schon beim Lesen des Drehbuchs aufgefallen. Er hat dieses Vorbild, einen harten Kerl namens Bronco Henry, zu dem er aufsah und der ihm womöglich auch erotisch gefiel. Ein Vorbild, das wie andere Vorbilder im einstigen Wilden Westen weit über seinen Tod nachwirkte und für Phil wie ein Mythos war. Das hatte auch mit einer explizit zur Schau gestellten Männlichkeit zu tun. Phil ist ein intelligenter, aber sehr konservativer Mann, der die Dinge gerne so belassen würde, wie sie sind. Veränderungen vertragen sich nicht mit seinem Weltbild. Das ist eine Spannung, die er im Laufe des Films einfach nicht abbauen kann, vor allem nicht mehr, als sein Bruder heiratet.

Was halten Sie von der starken Physis Ihrer Figur? Wie wichtig ist die Erscheinung einer Figur für Ihre Art und Weise, sie zu spielen?

Sehr wichtig. Phil ist Ausdruck eines gewissen Schlages von Männern, die es damals häufig gab. Zugleich schlummert in ihm ein Verlangen, das man damals nicht akzeptiert hätte, also muss er auch etwas in sich unterdrücken. Alle Posen, die er macht, sind durch eine Suche nach Authentizität entstanden, und man könnte argumentieren, dass seine Erscheinung vielleicht eine Rüstung ist, hinter der sich seine wahre Natur verbirgt. Ich denke, dass Phils Körperlichkeit eng mit seiner Psyche verbunden ist.

Wie erarbeitet man sich eine solche Physis?

Ich wollte wissen, wie es ist, auf einer Ranch zu arbeiten und mir buchstäblich die Hände dreckig zu machen. Es ging ja darum, eine Ranch von 1925 zu bewirtschaften, also ohne viel technische Hilfsmittel. Ich musste tun, was Phil tat, lernen, Seile zu flechten, Eisen zu bearbeiten, mit bloßen Händen. Zudem ist Phil sehr gebildet, er ist ein Universalgelehrter, er ist in allem brillant. Und seine Geschicklichkeit und Sinnlichkeit waren mir genauso wichtig wie seine Art von Brutalität. Seine Kraft und Fähigkeit, mit den Elementen der Natur umzugehen, erforderte viel Muskelkraft. Also ging ich für ein paar Wochen nach Montana, wo der Film auch spielt. Ich las Zeitungen jener Zeit und Geschichtsbücher, und dann gab es am Drehort in Neuseeland zwei Probenwochen.

Wie gingen Sie mit den Andeutungen in Bezug auf Phils Sexualität um?

Ich empfinde für seine Einstellung große Empathie. Ich dachte mir nur: Was für eine tragische Figur er eigentlich ist. Er ist zu sich selbst sehr ehrlich und authentisch, aber er hasst auch die Lage, in der er ist. Er hat immer diese einzige Liebe seines Lebens vor Augen und konfrontiert sich täglich mit dem Verlust dieser Liebe. Das ist alles, was er jemals von der Liebe wusste. Das alles kanalisiert er in einer zur Schau gestellten toxischen Männlichkeit, die für ihn und vor allem für sein Umfeld fatal ist.

Kirsten Dunst erzählte uns, sie wären sich am Set über die gesamte Drehzeit aus dem Weg gegangen, was ihrer Art des Method Acting half, sich dieser toxischen Männlichkeit zu entziehen.

Für uns beide war das sehr hilfreich, denn wir verstehen uns sehr gut. Meine Rolle ist ja nicht unbedingt der sympathischste Typ, ich machte mir wirklich Sorgen, was die Leute nach diesem Film von mir denken würden. Als Jane Campion mich der Crew präsentierte, sagte sie: "Leute, das ist Phil. Wenn man Benedict am Ende des Drehs trifft, ist er wirklich nett, aber das ist Phil." Das gab mir die Freiheit, in der Rolle zu bleiben und nicht sagen zu müssen: "Sorry, alles nur gespielt."

Wo reiht sich diese starke Figur ein in die Charaktere, die Sie bislang gespielt haben?

Meine Güte, ich weiß es nicht! Es fühlte sich an wie ein Aufbruch. Es fühlte sich an wie etwas Neues. Ich habe sehr viel Zeit in der Vorproduktion bekommen, um diese Figur zu erarbeiten, das ist nicht selbstverständlich, und genau deshalb bin ich dafür dankbar. Jane sagte, ich solle mir die Zeit nehmen, das wäre es wert.

Die Landschaft in "The Power of the Dog" ist beinahe eine eigene Figur in dem Drama, stimmen Sie zu?

Absolut. Diese Landschaft Neuseelands, die eben für Montana herhalten muss, ist unglaublich. Natur spielte im Leben dieser Menschen damals die entscheidende Rolle: Es war ihr Prinzip, alles im Einklang mit der Natur zu machen, und dahin sollten wir heute wieder zurückkehren. Es macht mich glücklich, diesen endlosen Horizont und diese Fülle unberührter Natur zu sehen. Es ist ungemein erholsam. Ich glaube, wir alle haben gelernt, dass es während des Lockdowns absolut grundlegend ist, herauszufinden, wer wir sind. Für mich ging es darum, mich neu zu sortieren, mich neu zu erden. Und die Rolle in dieser Hinsicht ist ein Geschenk, denn Phil ist die Natur, er ist davon besessen und fühlt sich als Teil von ihr.

Die Dreharbeiten mussten wegen Corona unterbrochen werden.

Ja, wir waren drei Monate im Lockdown und dann blieben wir noch ein bisschen. Ich kam ins Studio, hatte einen Tag gedreht und dann gingen wir in den Lockdown. Wir hatten noch das ganze Studio-Shooting vor uns. Aber ich habe es geliebt. Wir hatten das große Glück, in Neuseeland zu sein, wo man der Pandemie mit großem Ernst begegnet ist. Das Land wurde unsere zweite Heimat, ich schaffte es auch, meine betagten Eltern zu uns reisen zu lassen. Wir haben die viele Familienzeit wirklich genossen.

Einmal mehr hat mit "The Power of the Dog" eine Netflix-Produktion Chancen auf einen Oscar-Preisregen. Wie sehen Sie das Engagement der Streaming-Dienste, und was bedeutet das für das traditionelle Kino?

Ich meine, wir leben in einer sehr unsicheren Zeit. Ich finde es großartig, dass es mit Streamingdiensten Kanäle gibt, die dem Publikum in aller Welt großartige Geschichten erzählen können, zu denen viele Menschen sonst keinen Zugang hätten. Netflix unterstützt auch die Filmindustrie sehr und bezieht Kreative auf allen Ebenen mit ein. Die Premiere des Films in Venedig war fantastisch, der Film ist ideal für eine große Leinwand. Aber die Reichweite, die er über Netflix erhält, ist unglaublich. Ich bin überzeugt, dass es gerade in Zeiten wie diesen wichtig ist, dass man den Menschen gute Geschichten erzählt, die sie auch erreichen. Dafür ist Streaming ideal. Obwohl ich es kaum erwarten kann, dass wir das Kino als Ort der großen, magischen Bilder bald wieder so uneingeschränkt genießen können wie früher.