Für den Altnazi und NS-Memorabiliensammler ist es kein großer Fang, wenn man ihm die einstige Yacht von Hermann Göring zum Kauf anbietet, so wie das der "Stern"-Journalist Gerd Heidemann (Lars Eidinger) Anfang der 1980er Jahre tut; gut, das Boot ist in brauchbarem Zustand, und Heidemann, höchst anfällig für Nazi-Ästhetik, hat auf dem Boot Sex mit der Tochter des einstigen Generalfeldmarschalls, die ihn einmal fragt: "Wenn du mich vögelst, vögelst du dann mich oder meinen Vater?" Aber das Boot wird er nicht los.

Heidemann ist eine Figur, die Distanz zur NS-Zeit geradezu verabscheut; kein Wunder, dass der Altnazi, der Görings Boot nicht kaufen will, den Star-Reporter massiv anfixt, als er ihm ein vermeintliches Hitler-Tagebuch beäugen lässt. Heidemann, auf der Suche nach seiner nächsten guten Story im "Stern", greift unumwunden zu - auf so einen Scoop hat er sein Leben lang gewartet. Die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher im "Stern" im Jahr 1983, sie nimmt hier ihren Ausgangspunkt, und sie ist auch das Produkt einer Verkettung fataler Trugschlüsse, wie die RTL+-Serie "Faking Hitler" launig veranschaulicht.

Serienautor Tommy Wosch hat sich des Stoffes angenommen, entstanden ist eine sechsteilige Miniserie, die man derzeit bereits in der Bezahlsparte von RTL, bei RTL+ (früher TVnow), streamen kann. Er erzählt die gleiche Geschichte, die 1992 schon Helmut Dietl in "Schtonk" kredenzt hat. Damals spielte Götz George die Rolle des Reporters Heidemann, und Uwe Ochsenknecht den Fälscher der Hitler-Tagebücher, die zum größten Skandal der deutschen Mediengeschichte führten.

Jetzt sind es Eidinger als Reporter und Moritz Bleibtreu als Fälscher Konrad Kujau, der in seinem bescheidenen Stuttgarter Dasein danach trachtet, sich und seiner Gattin (die ihm mit dem Verlassen droht) eine finanziell gepolsterte Zukunft einzurichten. Gut, dass er das Talent zum Fälschen besitzt, das bringt ihn im Zusammenhang mit Hitler nach ganz oben. Vorerst.

Nazi-Kult der 80er Jahre

"Faking Hitler" erlaubt einen Blick in die von der NS-Zeit geradezu elektrisierte Ära der frühen 80er Jahre, als man nicht wusste, ob der Retro-Chic der Nazis noch en vogue oder schon verabscheuenswürdig war. Als man als Frau in den Redaktionen von übergewichtigen Männern Sätze hören musste wie: "Wann beginnt PMS bei der Frau? Drei Wochen vor der Periode, und eine Woche danach."

Es ist daher auch kein Wunder, dass der "Stern"-Verlagschef dank der vermeintlichen Tagebücher die Lizenz zum Gelddrucken wittert. Als Heidemann die Story vorschlägt, bekommt er zunächst eine Abfuhr von seinem Chefredakteur, der diesen "NS-Mist" nicht drucken will, aber der Verlag meint: "Diese Story hört sich finanziell an wie eine Frau mit drei Titten." Also drucken wir das.

Eine weitere Handlungsebene widmet sich einer jungen "Stern"-Journalistin (Sinje Irslinger), die bei Recherchen entdeckt, dass ihr eigener Vater (Ulrich Tukur), ein Universitätsprofessor, Mitglied der Waffen-SS war und sie darob an ihrem bisherigen Weltbild zu zerbrechen droht. In den 80ern, als noch genug Altnazis in wichtigen Positionen waren, hat man auf Gedeih und Verderb versucht, die zwölf Jahre Nazizeit in der eigenen Vita auszuradieren. An den Überzeugungen hat sich freilich niemals etwas geändert, das arbeitet "Faking Hitler" zwar plakativ, aber auch effektiv heraus. Wosch zeigt anhand dieses Handlungsstrangs gut, dass jeder im Nachkriegsdeutschland gute und nachvollziehbare Gründe hatte, die jeweils eigene Version der Geschichte zu propagieren. Realität ist oftmals eben das, was man selbst wahrnimmt.

Blamable Gier

Die große Blamage, die der "Stern" 1983, wenige Tage nach der Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher, zu erdulden hatte, ist hinlänglich bekannt. Sie ist das Produkt aus Sensationsgier, Nazi-Faszination und Gelddruckmaschinen-Fantasien, aber mit Journalismus hatte das nichts zu tun, das zeigt Wosch ganz eindringlich.

Bleibt noch der Vergleich der neuen Serie zum Urviech der Tagebuch-Hitlerei, "Schtonk". Die hatte um Eckhäuser mehr Satire im Blut als die neue Serie, was der Neufassung aber guttut: Auch hier gibt es Satire, aber sie ist nur selten überhöht. Muss sie auch nicht sein, denn die Geschichte ist skurril genug. Zwar nervt der exzessive Einsatz zeitgenössischer 80er-Jahre-Disko-Tracks eklatant, aber die Performance dieses Ensembles entschädigt für viel: Kaum zu glauben, dass ein Mainstream-Sender wie RTL eine solch hochkarätige Schauspielleistung mit so vielen Zwischentönen zulässt. Vielleicht ist auch deshalb der Start beim Bezahldienst RTL+ eine Art Test-Parcour. Aber die Geschichte ist großartig gespielt und in jeder Nuance stimmig. Eine Serie, fast so authentisch wie die gefälschten Bücher von Konrad Kujau. Man kann "Faking Hitler" aber getrost auf den Leim gehen.