Die 20 Jahre, die Ruth Slater (Sandra Bullock) nun schon im Gefängnis sitzt, haben ihr sichtbar zugesetzt. Die Haut ist fahl, der Blick ist leer, die Haare strähnig, der Mund zusammengepresst; ihre ganze Erscheinung deutet darauf hin, dass sie das, wofür sie eingesessen ist, nicht aufarbeiten konnte.

Jetzt steht Ruth die Entlassung bevor. Sie hatte einen Polizisten erschossen, die Situation damals war haarig, denn das Haus, in dem sie lebte, sollte geräumt werden, und Ruth hat sich unter Androhung von Waffengewalt dagegen gewehrt. Das ist umso bedeutsamer, als mit ihr noch ihre damals erst fünfjährige Schwester im Haus gewesen ist. Als der Schuss fällt, ist Ruth sofort klar, dass sie diese unumkehrbare Tat für lange Zeit aus der Gesellschaft auslöschen würde. Doch nach ihrer Entlassung fasst Ruth den Entschluss, ihre inzwischen erwachsene Schwester zu suchen; sie, davon ist Ruth überzeugt, ist der einzige Schlüssel dazu, das Geschehene hinter sich zu lassen.

Doch der Bewährungshelfer hat etwas gegen Ruths Pläne. Sie solle lieber einen Job suchen, den sie in einer Fischfabrik auch findet, und so wieder in die Gesellschaft integriert werden. Ein Anwalt (Vincent D’Onofrio) und dessen Frau (Viola Davis), die Ruth kennen lernt, dämpfen ihre Hoffnungen auf ein Wiedersehen mit der geliebten Schwester bald zusätzlich.

"The Unforgivable" ist die etwas eingedampfte Neuverfilmung der britischen Miniserie "Unforgiven" aus dem Jahr 2009. Schon damals gab es den Plan, daraus einen Kinofilm zu machen, mit Angelina Jolie in der Hauptrolle. Doch erst jetzt wurde der Plan mit Bullock in Personalunion aus Hauptdarstellerin und Produzentin bei Netflix verwirklicht.

Warum es so lange gedauert hat, mag auch an der Suche nach einem geeigneten Regisseur gelegen haben; die Deutsche Nora Fingscheidt, die mit ihrem hysterischen Arthaus-Film "Systemsprenger" über ein schwer zu bändigendes Mädchen bei der Berlinale 2018 für Furore sorgte, bekam schließlich den Zuschlag und schafft somit den Sprung ins internationale Filmgeschäft. Als Co-Produzentin fungiert bei "The Unforgivable" zudem noch Schauspielerin Veronica Ferres.

Bereit zum Exzess

Fingscheidts Eignung für den Job erklärt sich aus der Machart von "Systemsprenger". Darin zeigte sie die Rastlosigkeit ihrer Hauptfigur, die für jeden Exzess bereit war, immer noch mehr aus sich heraus zu gehen und dabei wie auf einer permanenten Achterbahnfahrt die Situationen eskalieren ließ. Temporeiches Kino, wie es im deutschen Film eher beispiellos war.

Genau das selbe Prinzip überträgt Fingscheidt auf "The Unforgivable": Sie steigert den Exzess und die Eskalation über die Innenwelt ihrer Protagonistin, die mehr und mehr die Aussichtslosigkeit ihres Daseins begreift: Das grau in grau gehaltene Drama sprießt vor düster-depressiver Grundstimmung, und Bullock spielt diese Perspektivenlosigkeit mit großer Intensität, aber ohne jede Übertreibung. Auch, wenn ihr Ausraster zur Hälfte des Films ein wenig dick aufträgt, bleibt er dennoch absolut nachvollziehbar.

Dass Ruth Slater in den Strudel einer Gewaltspirale gerät, liegt auch an den Verwandten des einst erschossenen Cops: Die haben nämlich von der Entlassung Ruths Wind bekommen und versuchen nun, ihr das Leben schwer zu machen, und sie für ihre Tat von einst büßen zu lassen. Wenn nötig, auch mit Gewalt.

Dass sich Fingscheidt in ihrer Adaption der Miniserie nach zwei Dritteln der Laufzeit genau auf diesen Handlungsstrang festbeißt, ist wohl dem Umstand geschuldet, so nahe wie möglich am Original bleiben zu wollen.

Unpassendes Finale

Es lähmt allerdings den Duktus, den das bis dahin durchwegs stimmig inszenierte Drama entwickelt hat und treibt den Film in eine gänzlich andere Richtung mit Showdown-Charakter und den Rachegelüsten der Hinterbliebenen des Cops. Das ist ein nochmals ganz anderer Film, der in den ersten zwei Dritteln allerdings nicht oder nur unzureichend vorbereitet worden ist; Fingscheidt hat da den Stoff nämlich als Jammertal aufbereitet, in einem tristen Seattle, wo die Menschen ohnehin meist Trübsal blasen, und wo man als Ausgestoßener oder Ex-Häftling generell keine zweite Chance bekommt. Diese Stimmung wird von Bullock ganz famos in eine rastlose, fein austarierte Performance gegossen, die mit dem Umschwung im Script schließlich an Substanz und Relevanz verliert. Schade, dass man den konsequenten Weg, den man von Beginn an eingeschlagen hatte, nicht zu Ende gegangen ist.