Es gibt diese Punkte im Leben, an denen es Zeit ist, Bilanz zu ziehen. Eine Zäsur zu unternehmen, oder zumindest: Rückbesinnung zu halten auf das, woher man kommt. Der 50. Geburtstag war so ein Anlass im Leben Paolo Sorrentinos, und er ist nicht zufällig zusammengefallen mit der Umsetzung seines neuen Films "The Hand of God". Darin unternimmt der Filmemacher einen sinnlichen, berauschenden und skurrilen Rückblick auf seine Jugendtage in Neapel. Er ist dort aufgewachsen, wo sein Idol arbeitete: Diego Maradona. Dem Fußballgott und seinem SSC Neapel galt seine ganze Leidenschaft. Die kanalisiert Sorrentino in der fiktionalen Figur von Fabietto (Filippo Scotti), seinem jugendlichen Alter Ego im Film. In dem Moment, als Maradona bei Neapel unterschrieben hatte, beginnt für den fußballbegeisterten Fabietto ein Traum in Erfüllung zu gehen.

Der Hintergrund zu dieser Geschichte ist ein tragischer: 1987 reiste der junge Sorrentino nach Neapel, um dort ein Match mit Maradona im Stadion zu sehen. In dieser Nacht sind seine Eltern, die zuhause geblieben waren, an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben, die durch eine defekte Leitung zustande kam. "Es ist unglaublich schmerzhaft, darüber zu sprechen", sagt Sorrentino im Gespräch. "Umso schmerzvoller war es, darüber einen Film zu machen".

Qualvolle Aufarbeitung

Fußballbegeistert: Regisseur Paolo Sorrentino. - © Netflix
Fußballbegeistert: Regisseur Paolo Sorrentino. - © Netflix

Das Drama dreht sich nicht hauptsächlich um diese Tragödie, aber sie gibt diesem halbfiktiven Fabietto die Textur vor, in der er mit seiner plötzlichen Realität als Vollwaise zurechtkommen muss. Vor dem Hintergrund Neapels mit all seinen urtümlichen Eigenschaften findet Fabietto schließlich zu seiner wahren Berufung: Er will Filmemacher werden.

Stilistisch unterscheidet sich "The Hand of God" doch deutlich von Sorrentinos sonst sehr opulenten Bilderwelten, und im Neapel in diesen stark kontrastreichen, schattigen Bildern, da ist die Erzählung durchwegs bodenständiger geraten, als man es von Sorrentino kennt: Wie er mit Filmen wie "Die große Schönheit", aber auch "The Young Pope" oder "Il divo" gezeigt hat, verpackt er stets seine Vision des modernen Italien in eine Bilderflut, ironisiert aber zugleich das Gezeigte immerzu, verklärt es niemals. "The Hand of God" ist hingegen zu persönlich für bitterböse Ironie. "Ich wollte im Stil wieder einfacher werden, denn man sollte sich nicht zu sehr perfektionieren, das macht die Filme sonst künstlich und banal", findet Sorrentino. "Dieses Thema war für mich der richtige Anlass zur richtigen Zeit, um diesen Film zu machen, der sich um die Verarbeitung von Schmerz dreht und in dem ich auf mich selbst zurückblicke, mit den Augen eines Erwachsenen, der all das selbst erlebt hat."

Eine Form der Therapie für den Regisseur? Gut möglich. "Ich habe immerhin fast 20 Jahre lang an diesem Film gearbeitet, aber ich brauchte ihn auch als Ventil für meine Erfahrungen. Es war sehr schwer, dieses Ventil zu öffnen". Weil Sorrentinos Filme sonst häufig von zumeist mächtigen Männern erzählen, die eher forsch und zielstrebig durch ihr Leben gehen, die den Exzess ebenso lieben wie ihre eigene Autorität, ist "The Hand of God" die große Ausnahme in dieser Filmografie: Er erzählt von einem, der sich erst finden muss, und dieser Prozess ist alles andere als glamourös. Er hat nichts mit den sonstigen Filmfiguren Sorrentinos zu tun.

Schwierige Stimmung

"Ich habe oft das Gefühl, dass ich aufpassen muss, wenn ich über diesen Film spreche, und das habe ich in letzter Zeit in vielen Interviews getan", so Sorrentino. "Ich ertappe mich dabei, wie mich beim Sprechen die eigene Emotion mitnimmt in eine sehr schwierige Stimmung. Auch am Set war das so, insbesondere in Szenen, die mich an eigene Erinnerungen heranführten. Den Tod meiner eigenen Eltern für den Film zu inszenieren, das war unglaublich schwer für mich".

Und dann ist da noch Sorrentinos unendliche Bewunderung für sein Jugendidol Diego Maradona. Ihm setzt der Film ein Denkmal, weil er reflektiert, was Maradona für viele neapolitanische Kids damals bedeutet hatte. "Maradona war immer eine Quelle der Inspiration für mich, ich habe ihm sogar gedankt, als ich 2012 den Oscar für ‚Große Schönheit‘ bekam".

Der Filmtitel bezieht sich direkt auf Maradona, denn "die Hand Gottes" entstammt dem Match Argentinien gegen England aus dem Juni 1986, bei dem Maradona ein Tor mit seiner Hand erzielte, das trotzdem gewertet wurde. "Maradona ist einen Monat nach Ende der Dreharbeiten gestorben, mein größter Wunsch, ihm den Film zu zeigen, hat sich leider nicht erfüllt. Ich hätte ihm gern gezeigt, was er für mich bedeutete", so Sorrentino. "Ich werde wohl nie wieder einen so persönlichen Film drehen. Das Gute daran ist, dass ich diesmal einen Kritikpunkt sicher nicht zu hören bekommen werde, den ich mir sonst oft anhören muss: Nämlich, dass ich nicht weiß, wovon ich erzähle", sagt Sorrentino. "Das kann man mir bei meiner eigenen Lebensgeschichte wohl kaum vorwerfen."