Was die Abenteuer von Spiderman in seinen eigenen Filmen innerhalb des Marvel Cinematic Universe (MCU) immer besonders gemacht hat, war die Bodenständigkeit dieser Figur: Ein junger Schüler namens Peter Parker, der nach einem Spinnenbiss die Eigenschaften der Kriechtiere übernimmt - vom Spinnennetz bis zum feinen Gehörsinn; all das setzte er, den Gesetzen irdischer Physik unterworfen, in seiner Mitarbeit zur Verbrechensbekämpfung ein. Er war damit im Gros der Superhelden dann doch auch ein verletzlicher kleiner Bub, der zwar Superkräfte hatte, aber erst einmal lernen musste, damit umzugehen. Sehr menschlich eben, und den meisten der MCU-Mitglieder damit diametral entgegengesetzt gepolt. Denn viele dieser Marvel-Helden, die in den 1960ern und 1970ern erfunden wurden, waren geradezu überirdische Wesen, denen die Superkräfte meist schon in die Wiege gelegt waren. Da menschelte es wenig.

Insofern ist Spiderman immer schon eher die Antwort des Verlags auf Batman aus dem Hause DC gewesen, viel mehr als auf Superman; denn auch Batman hatte als Mensch mit den Gadgets zu hantieren und auch für ihn galten die Kräfte der Physik. Nicht umsonst sind Batman und Spiderman die beliebtesten und erfolgreichsten Superhelden: Man konnte zu ihnen aufsehen, aber man konnte sich auch mit ihnen identifizieren.

Zwischen den Zeitebenen

Mit dem neuesten MCU-Film "Spiderman: No Way Home" geht Spiderman wieder ein Stück weg von dieser Identifikations-Komponente. Denn Tom Holland, inzwischen dank zweier Vorgängerfilme ein routinierter Spiderman mit tollen komödiantischen Fähigkeiten, darf zusehends nicht mehr im realen New York die Spinnennetze werfen, sondern gerät in den Strudel, in den das gesamte MCU in den Kinofilmen, etwa bei den "Avengers", seit Jahren steuert: Zunehmend entfernt man sich vom Realismus einer irdischen Verbrecherjagd, dafür spalten sich Welten, existieren Parallel-Universen und hexen Magier wie der etwas lächerliche Dr. Strange (Benedict Cumberbatch) zwischen den Zeitebenen hin und her. All das mag optisch toll aussehen, aber der Kern der Geschichte um den Schüler Peter Parker, der so sympathisch ist und verliebt in seine Freundin (immer noch Zendaya), der wird leider an den Rand gedrängt.

Weil Peter Parkers Identität auffliegt, ist es Dr. Strange, der im neuen Film mit einem Zauberspruch versucht, die weltweite Erinnerung an Spiderman zu löschen, sodass der Superheld erneut als unbeschriebenes Blatt aufkreuzen kann. Dabei geht aber etwas gehörig schief, und plötzlich befinden sich die Bösewichte sämtlicher bisheriger Spiderman-Filme im neuen Abenteuer. Ja, da sind sogar Alfred Molina als Doc Ock oder Willem Dafoe als der Grüne Kobold auf der Bildfläche, beides die Bösewichte, gegen die Anfang der 2000er Jahre der erste Spiderman-Darsteller Tobey Maguire antreten musste. Auch die Gegner von "Amazing Spider-Man" Andrew Garfield sind dabei und wollen domestiziert werden. Fast zu viele Gegner für einen Spiderman allein...

Gottlob haben die gefinkelt agierenden Drehbuchautoren bei Marvel dem Script nach zwei Dritteln der Handlung zwei Überraschungsgäste kredenzt, und es sind diese Szenen, in denen Spiderman praktisch mit sich selbst in Therapie geht, über das Älterwerden nachdenkt und herrlich selbstironisch über die lange Superheldenkarriere nachdenken darf.

Schweißtreibende Action

Was dabei nicht auf der Strecke bleiben darf: die Action. Die hat Regisseur Jon Watts sehr ordentlich auf die Leinwand gebracht, mit rasanten 3D-Bildern, die Höhenangst-Patienten schon mal den Schweiß auf die Stirn treiben. Aber: Auch hier hält das MCU zu viel Einzug in die Spiderman-Welt, der man durchaus seine Eigenständigkeit im Marvel-Programm hätte lassen können. In den Filmen, in denen Spiderman mit den Avengers um die Häuser zieht, sei der Fantastik keine Grenzen gesetzt, aber bitte nicht in Spideys eigenen Abenteuern! Die müssen wieder mehr Realismus zeigen.

Positiv ist, dass Tom Holland und seine Entourage sich die Spielfreude und die Herzlichkeit der ersten beiden Filme bewahrt haben. Es ist auch schön zu sehen, und das zeigt Zendaya als Peter Parkers Freundin, dass man einen Superhelden nicht nur wegen seiner Superkräfte lieben kann.