Die Botschaft des Films ist nicht rasend originell. "Selbst im dunkelsten Moment gibt es Hoffnung, wo man es am wenigsten erwartet", heißt es im neuen Disney-Abenteuer "Encanto". Dieser Satz ließe sich mühelos auf die Hälfte des Filmschaffens seit der Erfindung des Kinos anwenden: Je aussichtsloser die Lage, desto fulminanter anschließend das Happy-End.

Aber, um eine andere beliebte Platitüde zu zitieren: Der Weg ist das Ziel. Und dieser Weg ist im Fall von "Encanto" so zauberhaft schön, so geheimnisvoll und verschlungen, so reich an Komödie und Drama und auch an hinreißender Musik, dass man nur beglückt den Hut ziehen kann vor einem atemraubenden Animationsfilm, wie er auch den Spezialisten des Disney-Studio nur selten glückt. "Encanto" ist ein Meisterwerk. Die Story spielt in einem exotischen Winkel der Welt: Im fernen Kolumbien. Dort muss eine junge Witwe mit ihren Drillingen eine neue Heimat suchen, nachdem sie durch einen Krieg vertrieben wurde. Als sie sich niederlässt, um ein neues Haus zu bauen, zündet sie eine Kerze an - und dieser Kerze entströmt pure Magie. Das Haus, die Casita, entwickelt ein höchst bewegliches Eigenleben. Die Kinder und Kindeskinder von Alma gewinnen übernatürliche Kräfte. Antonio zum Beispiel versteht die Sprache der Tiere. Die schöne Isabel kann jede Pflanze zum Blühen bringen. Luisa ist so stark, dass sie mühelos fünf Esel auf einmal schultern kann.

Die Hauptrolle gehört einer Außenseiterin

Nur bei der kleinen Mirabel versagt der Zauber. Sie ist ein ganz normales Kind ohne übermenschliche Eigenschaften. Was sie unglücklich und zur Außenseiterin macht - und zur Hauptfigur des Films. Denn immerhin hat sie die Gabe düsterer Vorahnungen und detektivischer Neugier. Als die magische Welt der Familie unvermittelt einen Kollaps erleidet, ist es Mirabel, auf der plötzlich die Hoffnungen zur Rettung ruhen.

Es ist wohl kein Wunder, dass "Encanto" gerade in Südamerika spielt. Ist der Halbkontinent doch Heimat des magischen Realismus, wie er beispielsweise in den Romanen des Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez die Welt eroberte. Natürlich ist "Encanto" kein Werk der großen Literatur, sondern eine kindertaugliche Disney-Geschichte (die auch jeden Erwachsenen berührt). Aber Parallelen kommen einem durchaus in den Sinn. Die Leichtigkeit, mit der hier reale und surreale Momente miteinander verknüpft werden, würde einem Garcia Marquez gefallen.

Inhaltlich erzählt "Encanto" mit viel Humor, aber auch großem Ernst, eine kluge Story über Familie, Freundschaft und Treue, über Solidarität, Abenteuer und Mut. Walt Disneys berühmter Leitsatz, dass es für jeden Lacher auch eine Träne geben sollte, wird vom famosen Regie-Gespann Byron Howard und Jared Bush ("Zoomania") nach allen Regeln der Kunst befolgt: Trockenen Auges entkommt man diesem Film kaum. Tricktechnisch zeugt das farbenprächtige Werk vom höchsten Stand, der in der Computeranimation heute möglich ist.

Bleibt noch die Musik: Das Studio gab beim Broadway-Granden Lin-Manuel Miranda ("Hamilton", "Into The Heights") einen Soundtrack mit mehr als 40 Titeln in Auftrag, der aus der Erzählung immer wieder ein Musical im fetzigen Latin-Sound macht. All diese Zutaten führen, perfekt aufeinander abgestimmt, zu einem Filmerlebnis der Extraklasse. Ein Meisterwerk, wie gesagt.