Die junge, selbstbewusste Frau ist Rodolfo Gucci (Jeremy Irons) ein Dorn im Auge: Hat sich Patrizia Reggiani (Lady Gaga), die Tochter eines Lkw-Unternehmers, doch ausgerechnet Rodolfos Sohn Maurizio Gucci (Adam Driver) geangelt. Man will sogar heiraten!

Die Truckerbraut hier, der Millionenerbe da - das soll nicht zusammengehen. Maurizio wird vom Vater enterbt, die beiden jungen Turteltauben ziehen in ein Mini-Apartment. Was zu Beginn von "House of Gucci" wie der Auftakt zu einer Farce wirkt, ist tatsächlich nicht viel anderes. Denn Patrizia hat ehrgeizige Pläne. Der Film könnte auch "Geil auf Gucci" heißen, das träfe es sehr gut.

Regisseur Ridley Scott, inzwischen 83, verfilmte den Roman "The House of Gucci: A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour, and Greed" von Sara Gay Forden aus dem Jahr 2001. Darin beschreibt die Autorin, wie sich die junge Patrizia aus einfachen Verhältnissen bis in die Chefetage des Modekonzerns katapultiert hat; denn dank des Ablebens von Rodolfo und der großen Zuneigung, die sein Bruder Aldo Gucci (Al Pacino) für Patrizia hegt, gelingt ihr und Maurizion die Rückkehr in die Firma. Erst einmal an Bord, beginnt das Paar den Umbau von Gucci.

Die Kultmarke unter Druck

Die Zeit: Zu Beginn der 1980er Jahre steckte die Marke in groben Schwierigkeiten. 1921 vom legendären Sattlermeister Guccio Gucci als kleine Ledermanufaktur gegründet, stieg sie zu Weltruhm auf, verpasste aber den Anschluss an die neue Zeit, die damals gerade begann: Eine Expansion auf den asiatischen Markt lehnten die Gucci-Brüder immer ab, und Aldo verweigerte sich auch nach Rodolfos Tod jeder Form der Modernisierung des einstigen Vorzeigeunternehmens. Es beginnt so etwas wie eine Familien-Verwaltung nach dem Prinzip von "Der Pate": Wer der Familie nicht mehr nützlich ist, wird aussortiert. Auch Aldo trifft es: Auf Betreiben von Patrizia wird er um seine Anteile an der Firma gebracht. Danach ermöglicht man Aldos Sohn eine Modeschau mit seinen eigenen Kreationen, die er unter dem Namen Gucci durchführt. Daraufhin klagt man ihn wegen illegaler Verwendung des Namens Gucci - und Aldo geht schließlich wegen der dadurch ruchbar gewordenen Steuerhinterziehung ins Gefängnis.

Eine Story, die italienischer nicht sein könnte, vor allem vor diesem zeitlichen Hintergrund: Die 80er Jahre waren nämlich nicht nur das Jahrzehnt der schrecklichen Popsongs (von denen Scott hier leider allzu penetrant Gebrauch macht), sondern vor allem das Jahrzehnt der Mafia und ihrer Bekämpfung in Italien. Dieses Lokalkolorit fängt der Film überaus stimmig ein, ohne auch nur einmal die Begrifflichkeit vom organisierten Verbrechen in den Mund zu nehmen.

Vom Zorn geleitet

Zu mafiösen Praktiken passt schließlich auch das Ende der Erfolgsgeschichte von Patrizia und dem nunmehrigen Firmenchef, ihrem Mann Maurizio: Dieser hatte sich beim standesgemäßen Urlaub in St. Moritz nämlich ein Pantscherl mit einer gewissen Paola Franchi (Camille Cottin) angefangen, das der Gattin die Weißglut in die Augen trieb; als sich Maurizio scheiden lässt, irrlichtert Patrizia voller Zorn und Wut zu ihrer Kartenlegerin Giuseppina Auriemma (Salma Hayek), die ihr dazu rät, einen Killer zu engagieren, um Maurizio für seine Untreue zu bestrafen. Gesagt, getan: Patrizia bucht sizilianische Auftragsmörder, der stets elegante Maurizio Gucci endet 1995 niedergeschossen auf dem Marmorboden vor seiner Firmenzentrale, die er gerade aufsuchen wollte. Er stirbt in den Armen des Pförtners.

Patrizia und ihre Entourage wandern lebenslänglich ins Gefängnis, sie kam 2016 frei. Die heute 73-Jährige gibt inzwischen Interviews, in denen sie die Beweggründe für ihren Auftragsmord von einst erläutert: Es war Eifersucht und die Wut, betrogen worden zu sein.

All das ist wahrlich ein guter Stoff für eine Verfilmung. Doch hier muss man ausnahmsweise feststellen, dass Scott es mit einem Kinofilm hätte lieber bleiben lassen sollen: Denn der Regisseur hetzt in den zweieinhalb Filmstunden dermaßen rastlos durch den Plot, dass für das Publikum kaum Orientierung möglich ist und alle historisch verbrieften Vorfälle bloß an der Oberfläche gestreift werden können. Die Serienform als Sechs- oder Achtteiler wäre dieser Fülle an Erzählinhalt womöglich besser zu Gesicht gestanden. Auch, weil durch die Raffung der Ereignisse viele schöne darstellerische Momente des wunderbar agierenden Casts zu wenig Beachtung finden. Lady Gaga, die in ihrer erst zweiten Filmrolle nach "A Star Is Born" zu einer für sie typischen, kessen und unbekümmerten Hochform aufläuft, wird wohl wieder um einen Oscar mitspielen. Ihrer Patrizia Reggiani gibt sie eine Mischung aus Derbheit und Glamour, aus ihr schreit förmlich das Klischee der Herkunft aus den sogenannten einfachen Verhältnissen. Weil für die Charaktertiefe aber nur wenig Zeit bleibt, wirken auch die tadellosen Leistungen der restlichen Schauspieler manchmal wie die Karikaturen ihrer Figuren - zumal (im englischen Original) alle Amerikaner Italiener spielen, die Englisch mit italienischem Akzent sprechen.

In der Atmosphäre hingegen ist Ridley Scott eine dichte, repräsentative Schilderung eines Italien-Bilds gelungen, das man detailliert in Erinnerung hat. Vom engen Fiat über den aparten weißen Anzug, bis hin zum üppigen 80er-Wohndekor: Auf den Fluren, durch die Scott sich mit seiner Kamera bewegt, kann man dieses Italien von einst förmlich riechen. Es ist ein Duft von charmantem Stillstand: Voller Anmut entwickeln hier sogar die Rauchschwaden aus den Zigaretten eine stilvolle Eleganz.