Céline Dion heißt in diesem Film Aline Dieux. Aber das ist schon der wuchtigste Versuch, dieses Bio-Pic zu verschleiern. Denn sonst macht Regisseurin und Hauptdarstellerin Valérie Lemercier keinen Hehl daraus, in "Aline - The Voice of Love" die Lebensgeschichte der weltberühmten kanadischen Sängerin zu verfilmen. Von ihrem Aufstieg im Teenageralter über den Megahit "My Heart Will Go On" bis zu ihrer Show in Vegas - Lemercier spielt die Sängerin in allen Altersstufen selbst.

"Wiener Zeitung": Frau Lemercier, Ihr Film strotzt vor der Lebensenergie der Hauptfigur. Ist diese Aline Dieux ganz nah dran an der echten Céline Dion?

Valérie Lemercier: Ich denke schon, dass es große Ähnlichkeiten gibt. Man kann den Film ein ungestümes Bio-Pic nennen, ohne weiteres. Was mich an Céline Dion so fasziniert, ist einerseits ihre Bodenständigkeit, die sie sich stets bewahrt hat und die sie auch immer geerdet hat. Andererseits ist ihr Lebenshunger schier unstillbar. Sie kam als 14. Kind ihrer Familie zur Welt, und da muss man sich erst einmal behaupten. Das treibt sie bis heute an. Ihr starker Wille ist ein Resultat dieser Familiensituation. Sie wollte ein Star werden und das hat sie erreicht. Dazu braucht es ein starkes Selbstbewusstsein und auch eine kämpferische Seite, gerade in einem Business wie der Musik.

Wieso heißt der Film denn nicht "Céline"? Es gibt ja sogar das Einverständnis von Dion, dass Sie diesen Film drehten.

Ich finde, man sieht aus einer Distanz besser: Wer zu nah dran ist an einer Sache, der hat selten die ideale Perspektive. Dadurch, dass ich die Distanz gewahrt habe, war es mir möglich, mir Dinge auszudenken und meine künstlerische Freiheit zu behalten. Ich wollte ja nicht bloß die Lebensstationen von Céline abhandeln, sondern durchaus auch eine Liebesgeschichte erzählen, eine emotionale Reise unternehmen, die die Privatperson hinter dem Star zeigt. Dass ich den Namen geändert habe, hatte zudem den Grund, dass sich die Leute hinterher nicht aufregen können, wenn sie keine perfekte Reinkarnation von Céline Dion auf der Leinwand sehen, sondern eben meine Person, die Aline heißt. Ich wollte mich nicht in der Freiheit einschränken zu lassen, manche Lebensereignisse zu vertauschen oder anders anzuordnen.

Prägnant ist jedenfalls, dass Sie Aline in jedem Lebensalter selbst spielen, also auch im Alter von fünf. Was hatte es damit auf sich?

Ich bin 57, und ich fand diese Idee irgendwie reizvoll, weil das für Brüche im Film sorgt. Ich sehe es so, dass ich in der Rolle schon als kleines Kind mehr Komplexität in den Film bringe, als hätte ich das mit einem wirklichen Kind besetzt. In meinen Shows spiele ich die Kinderrollen auch immer selbst. Ich glaube, ich verstehe etwas davon und traue es mir zu. Wenn das bizarr wirkt, dann verstehe ich das. Die Franzosen, die mich kennen, finden da aber nichts dabei. Ich will auch dazusagen, dass ich nicht einfach meinen alten Kopf auf einen kindlichen Körper gesetzt habe; die Digitaltechnik sorgte dafür, dass ich das Kind wirklich spielen konnte. Mein Körper wurde dann digital verändert und verkleinert. Aber mein Gesicht blieb unverändert. Gedreht haben wir das mit Tricks: Sollte ich kleiner sein in einer Szene, stand ich oftmals in einem Loch im Boden, sodass ich neben den anderen Schauspielern eben wie ein Kind wirkte. Es hat Spaß gemacht, durch die verschiedenen Lebensalter zu gehen, morgens zehn und nachmittags 45 zu sein.

Die Sängerin Sio singt die Dion-Songs ein. Wieso nicht Céline Dion selbst?

Aus rechtlichen Gründen. Wir hätten sonst die Rechte an den Songs nicht bekommen. Es war eine Herausforderung für Sio, die die insgesamt 16 Dion-Hits erst nach dem Dreh einsang und somit auf meine Lippenbewegungen hin singen musste. Normalerweise läuft das umgekehrt, und es existiert schon beim Dreh ein Playback von den Songs.

Was beeindruckt Sie an Céline Dion am meisten?

Ich habe sie lange Zeit sehr genau beobachtet, habe die Zeit miterlebt, als 2016 ihr Mann und ihr Bruder an Krebs starben. Das war für mich der Ausschlag, diesen Film überhaupt zu drehen. Ich finde nicht nur ihre Persönlichkeit faszinierend, sondern auch, dass sie ihre klamaukhafte Seite nie verloren hat. Sie ist ein sehr aufrichtiger und großzügiger Mensch.